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Scharnitz


 

GESCHICHTE
Scharnitz ? Ein kleines Kloster für die große Politik

 

Beim ?Kloster in der Einsamkeit der Scharnitz? (?monasterium in solitudine Scarantiense?) ist, im Gegensatz zu vielen anderen Klostergründungen des 8. und 9. Jahrhunderts, die Lage der schriftlichen Überlieferung glänzend. Nur ? es ist nicht bekannt, wo genau das Kloster Scharnitz (Scaritia) lag. Neben dem Ort Klais, wo eine kleine frühmittelalterliche Kirchenanlage ergraben wurde, käme Mittenwald in Frage, zumal die Pfarrkirche dort noch heute ? wie seinerzeit Scharnitz ? St. Peter und Paul geweiht ist.

Wo das Kloster Scharnitz nun auch lag, am 29. Juni 763, dem Festtag Peter und Paul, wurde es zum Ort einer ausgesuchten Versammlung ? so berichten die Freisinger Traditionen. Es trafen ein: der Freisinger Bischof Josef, sein Erzpriester Arbeo, die Geistlichen Riholf, Albinus und Hato. Darüber hinaus waren die Adligen Erchanfrid, Kermunt, Lantpald, David, Adalperht, Situli, Liutolt, Leidrat, Chuniperht, Reginpald und Cundpald anwesend. Vor den genannten Zeugen übertrug Reginperht, Oberhaupt einer Adelsfamilie, seine Peterskirche in der Scharnitz dem Freisinger Erzpriester (?Archipresbiter?) und späteren Bischof Arbeo als Abt. Dies geschah in der seltenen Rechtsform einer ?commendatio ad regendum?, wodurch das Bistum Freising ? anders als bei einer üblichen Schenkung (?traditio?) ? daraus kein weiteres Eigentum ableiten konnte. Der Abt Arbeo von Scharnitz war wahrscheinlich mit dem bayerischen Herzogshaus der Agilolfinger und mit der Gründungssippe verwandt.

Reginperht, sein Bruder Irminfrid, ihre Mutter Akilinda und seine Verwandten Odilo und Cros statteten das Eigenkloster aus ihrem Erbbesitz mit Zustimmung des Herzogs Tassilo III. ungewöhnlich reich aus. So lag Klosterbesitz im oberen Inntal, in Schlehdorf, in Hofheim (Landkreis Weilheim), in Schöngeising (Landkreis Fürstenfeldbruck), in Pasing (Landkreis München) und in Wallgau (Landkreis Garmisch-Partenkirchen). Die Familie Reginperhts, wahrscheinlich Angehörige der mächtigen Huosi-Sippe, verfügte mit ihrem Streubesitz über strategische Schlüsselstellungen im frühmittelalterlichen Bayern. Eine Kontrolle des gesamten Fernverkehrs über Tirol in das Reich der Langobarden und bis nach Rom war möglich. Hier kam dem Kloster Scharnitz ? in der Nähe der alten römischen Festung Scarbia ? eine wichtige Rolle bei der Kontrolle der Pässe nach Italien zu. So betrachtet gewann die Zustimmung führender bayerischer Adliger sowie des Herzogs große Bedeutung: Man stimmt nicht nur zu, sondern demonstriert lebhaftes Interesse an dieser Klostergründung. Neben der Gründungsurkunde für Scharnitz überliefern die Freisinger Traditionen auch das entsprechende Gegenstück, eine Art Empfangsbestätigung des Arbeo.

Als Historiker referiert Arbeo zunächst die Gründungsgeschichte des Klosters. Er berichtet, auf seinen Rat sei das Kloster nach Schlehdorf verlegt und der Freisinger Kleriker Atto an seiner Stelle an die Spitze der monastischen Gemeinschaft gesetzt worden. Arbeo betont, er selbst sei durch seine neue Stellung als Freisinger Bischof voll und ganz ausgelastet. Atto beigeordnet solle ? nach Arbeos Wunsch und Rat ? Reginperht dem Kloster vorstehen. Er, Arbeo, wolle seine schützende Hand über das Kloster halten.

Bald nach der Gründung wurde das Kloster von Scharnitz mitsamt seinem Patrozinium nach Schlehdorf am Kochelsee verlagert, man fragt sich wann und warum. Die Gründung eines Klosters war ein langwieriger Prozess und dauerte Jahre. Berücksichtigt man alle bekannten Daten, so scheint das Kloster Scharnitz schon vor dem April 767 (ab diesem Zeitpunkt wird Atto als Abt genannt und Arbeo ist Bischof von Freising) nach Schlehdorf verlegt worden zu sein. Manche Forscher datieren die Verlegung auf die Zeit um 772.

Im Jahr 769 übertrug Herzog Tassilo III. dem Abt Atto das Kloster Innichen im Pustertal und somit die Slavenmission im Pustertal. Allerdings wurde die Missionsaufgabe vom Kloster selbst nicht wahrgenommen, sondern dem Freisinger Bistum überlassen. Je nachdem, welcher Forschungsmeinung man folgt, geschah die Übertragung von Innichen noch an Scharnitz oder schon an Schlehdorf.

Nach der Verlegung gewährte der Bischof von Freising dem Konvent das Privileg der freien Abtwahl und führte die Benediktinerregel ein. Sicher haben damals wichtige politische Zusammenhänge für die Verlegung eine Rolle gespielt. Denkbar ist, dass Scharnitz sich als klimatisch ungeeignet erwies. Auch die wichtige Anbindung an den Fernverkehrsweg scheint gegenüber der unwirtlichen Lage nicht mehr ins Gewicht gefallen zu sein. Schlehdorf hingegen scheint für die Familie der Stifter ein wichtiger Ort gewesen zu sein, vielleicht sogar ihr Hauptsitz.

 

 

(Laura Scherr)



 

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