Mallersdorf


 

GESCHICHTE

Selbstbewusstes Zeugnis der Benediktiner

Selten ist die Gründung eines Klosters so umfangreich dokumentiert wie bei der ehemaligen Benediktinerabtei auf dem Mallersdorfer Johannesberg. Kaiser Otto I. übertrug Kloster Niedermünster in Regensburg im Jahr 973 seine Höfe in Schierling, Rogging, Lindhart und Bayerbach. Die Äbtissin von Niedermünster, Mathilde von Lupburg, soll daraufhin eine Kirche in Madilhardisdorf errichtet und dem Schutz der Grafen von Kirchberg unterstellt haben. Heinrich von Kirchberg und sein Sohn Ernst stifteten im Jahr 1107 in ihrer Burg Madilhartisdorf, die niedermünstersches Lehen war, ein Familien- und Begräbniskloster. Es wurde von Benediktinern aus Bamberg (Michelsberg) oder Regensburg (St. Emmeram) besiedelt. Purchard, der erste Abt, wirkte in den Jahren 1109 bis 1122. Nach ihm ist die größte Bildungseinrichtung des Labertals, das Burkhart-Gymnasium in Mallersdorf-Pfaffenberg, benannt. 1109 nahm Bischof Hartwig von Regensburg die Weihe der Abteikirche vor. Unter seinem Nachfolger Eppo (1122?1143) kam es 1126 zu einer erneuten Kirchweihe. Außerdem bestätigte König Lothar III. im Jahr 1129 die Loslösung des Mallersdorfer Konvents vom Mutterkloster Niedermünster, die freie Abtwahl und ein Vorschlagsrecht der Mönche für die Bestellung des Vogtes durch den König. Um 1130 fiel die Abtei in Bamberger Besitz und wurde Eigenkloster des reformfreudigen Bischofs Otto. Papst Innozenz II. stellte 1131 und 1139 zwei Schutzbriefe aus und listete darin den umfangreichen Klosterbesitz auf. Eine prunkvolle Urkunde von Kaiser Lothar III. bestätigte außerdem im Jahr 1135 einen Gütertausch zwischen Abt Eppo und Herzog Heinrich dem Stolzen. Unter Verwendung der alten Burganlagen errichtete man östlich des alten Münsters eine romanische Pfeilerbasilika, die 1177 eingeweiht und Mitte des 13. Jahrhunderts erweitert und umgestaltet wurde. Bei der 1265 geweihten neuen Abteikirche handelte es sich um eine dreischiffige Basilika ohne Querhaus. Von diesem Bau sind der südliche Westturm und das Westportal bis heute erhalten (den Nordturm hat man um 1700 stilecht ergänzt). Der Grabstein des Klosterstifters wurde an der Westwand des Kirchenschiffs eingemauert. Man darf davon ausgehen, dass es in der Frühzeit auch einen Frauenkonvent in Mallersdorf gab, denn im Totenverzeichnis werden auch Klosterfrauen genannt. Als Vögte agierten die Grafen von Bogen, eines der mächtigsten Adelsgeschlechter Bayerns. Nach deren Aussterben im Jahr 1242 gingen die Vogteirechte an die Herzöge von Bayern über.

Bis ins 14. Jahrhundert erlebte die Benediktinerabtei eine Blütezeit, in der das klösterliche Leben und die Wissenschaften auf hohem Niveau gepflegt wurden. Abt Berthold Vilser (1295?1301) ließ das Spital erneuern. Der Adel machte reiche Stiftungen und wählte die Kirche mit Vorliebe als Begräbnisstätte. In der Folgezeit kam es jedoch zu massiven Verstößen gegen die Ordensregeln; es wird von abgesetzten Äbten und sogar von der Vertreibung eines Klosteroberhauptes berichtet. Die Kastler Reformbewegung konnte sich erst unter Abt Michael Bogenhauser (1424?1442) richtig durchsetzen. Abt Johann Wenderer (1447?1464) gelang die Absetzung seines unwürdigen, von Herzog Heinrich dem Reichen von Landshut aufgezwungenen Vorgängers. Er ließ 1463 in der Abteikirche einen spätgotischen Chor errichten. Zu hohen Ehren kam das Kloster unter Abt Erasmus Perfelder von Perfall (1476?1495). Ihm wurde von Papst Pius IV. das Recht zum Tragen der Pontifikalien (die dem Bischof vorbehaltenen Amtszeichen) verliehen. Unter diesem Abt wurde die Klosterbibliothek ausgebaut und der Buchbestand wesentlich vermehrt, sodass sie der berühmte bayerische Geschichtsforscher Aventinus (1477?1534) wenig später bewundernd als ?sedes sapientiae? (Sitz der Weisheit) rühmen konnte. Auch die Befestigung der gesamten Anlage mit Mauern und Türmen, wie sie noch auf dem Stich von Merian zu sehen ist, wurde damals errichtet.

Während der Reformation kam es erneut zu einem schweren Niedergang. Wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten, innerem Verfall und Übertritt einiger Patres zum Protestantismus drohte dem Kloster die endgültige Auflösung. Zeitweise lebten hier nur mehr drei Mönche. Durch die Übersiedlung von Benediktinern aus dem 1595 aufgelösten und an die Jesuiten übergebenen Kloster Ebersberg (bei München) entging die Abtei glücklicherweise der Schließung. Der neu erwählte Abt Eustachius Sturm (1602?1619) arbeitete sowohl im wirtschaftlichen wie auch im geistlichen Bereich erfolgreich. Ab 1607 wurden Kloster und Kirche emsig erneuert; unter anderem schuf man bis 1614 durch Umbau der alten Basilika eine moderne, einschiffige Wandpfeilerkirche. Sturms Nachfolger wagte sich an den Neubau des Klosters. Nur zwanzig Jahre später verwüsteten jedoch die Schweden Kloster und Kirche schwer. Unter Abt Benedikt Wolf (1631?1661) konnte man fast alle Schäden wieder beheben. Erneut blühte das Kloster auf und leistete bedeutende Beiträge auf wissenschaftlichem Gebiet und im sozialen Bereich. In der klösterlichen Lateinschule erhielten viele begabte Kinder der Umgebung ? oft unentgeltlich ? Bildung und Erziehung.

Einer der bedeutendsten Äbte von Mallersdorf war Anton Schelshorn (1665?1695). Unter seiner Regie installierte die Bayerische Benediktinerkongregation ihre zentrale Studienanstalt im Kloster.

Bedeutung und Wohlstand der Abtei fanden ihren Ausdruck auch in der Neugestaltung der Klosterkirche. Abt Heinrich Widmann (1732?1799), vor seiner Wahl vier Jahre Universitätsprofessor in Erfurt, legte vermutlich selbst das Bildprogramm fest. Es ist einerseits dem Patron Johannes gewidmet, steht aber andererseits ganz im Zeichen der Ordenspropaganda und ist ein selbstbewusstes Zeugnis für die hervorragenden Leistungen, die die Benediktiner im Dienst der katholischen Kirche auf wissenschaftlichem, kulturellem und sozialem Gebiet vollbrachten. Die alte Choranlage wurde 1740/41 erhöht und erhielt eine neue halbrunde Apsis. Bedeutende Künstler schufen die Ausstattung. Der Kurkölner Hofmaler Johann Adam Schöpf (1702?1772) bemalte die neue Chordecke mit einem riesigen, zweiansichtigen Fresko. Es zeigt die Erlösung der Welt in der Vision des Johannes auf Patmos und durch das Wirken der Benediktiner in allen Teilen der Erde. Die Stuckaturen stammten von dem Straubinger Mathias Obermayr (1720?1799), der auch den Sakramentsaltar in der Mitte des Chorraums und die acht Seitenaltäre schuf. Das Hochaltarbild mit einer Darstellung des hl. Johannes auf Patmos (1749) stammt von dem Regensburger Maler Martin Speer (1701?1765), der noch drei weitere Altarblätter lieferte. Den krönenden Abschluss bildete 1768 unter Abt Heinrich Madlseder (gest. 1779) ? der auch die Abteigebäude zu einem schlossartigen Prachtbau erweitern ließ ? die Aufstellung der imposanten Hochaltaranlage, ein Hauptwerk des süddeutschen Rokoko, von Ignatz Günther (1725-1775). Figuren des Ordensgründers St. Benedikt und seiner Schwester, der hl. Scholastika, sowie des Kaiserpaares Heinrich und Kunigunde, die das Bistum Bamberg gründeten, flankieren das Hochaltarbild. Im Altarauszug ist die Offenbarung des Johannes dargestellt: Das apokalyptische Weib, bekleidet mit der Sonne und einer Krone aus zwölf Sternen und ausgestattet mit Adlerflügeln, flieht vor dem siebenköpfigen Drachen, der vom Erzengel Michael mit seinem flammenden Schwert besiegt wird. Weitere Künstler, die an der Gestaltung der Kirche mitwirkten, waren Christian Jorhan d. Ä. (Skulpturen an Kanzel und Orgel) und Matthias Schiffer (Deckenfresko im Kirchenschiff). Nach dem Einbau der Orgel 1783 von dem Münchner Anton Bayr konnte in der Amtszeit von Abt Gregor Schwab (gest. 1795) am 30. September 1792 die feierliche Einweihung der neuen Kirche stattfinden.

Schon elf Jahre später verstummte das Chorgebet der Benediktiner für immer. Das Kloster in Mallersdorf, das Jahrhunderte lang Heimstätte vieler Gelehrter gewesen war, erlitt das gleiche Schicksal wie viele andere Konvente jener Zeit. 1803 wurde es im Zuge der Säkularisation aufgehoben. Sein Besitz ? 2000 Tagwerk landwirtschaftliche Flächen und Wälder, die Klostermühle, das Bräuhaus ? wurde versteigert. Über 6000 wertvolle Bände der berühmten Bibliothek kamen nach München. Der letzte Abt Maurus Deigl zog nach Straubing, wo er eine dreibändige Geschichte seines Klosters verfasste. Er starb 1826. Die reich ausgestattete Benediktiner-Abteikirche blieb nur erhalten, weil der Abbruch 1829 zu teuer gekommen wäre. Sie befindet sich in Staatseigentum und dient seit 1921 der Gemeinde als Pfarrkirche.

Den Klosterkomplex nutzte zunächst die Bezirksbehörde. Ab 1869 erwarb die Kongregation der Armen Franziskanerinnen von der Heiligen Familie in mehreren Ankäufen das Anwesen. Sie richtete hier das Mutterhaus des Ordens ein, in dem jungen Kandidatinnen ihre Ausbildung erhalten und die alten und kranken Schwestern betreut werden. Ihrem Stammsitz zufolge heißen sie deshalb auch ?Mallersdorfer Schwestern?. Ihr segenreiches Wirken und auch ihr hervorragendes Bier aus Eigenproduktion stehen in der Tradition des ehemaligen Benediktinerklosters. Seit vierzig Jahren ist die Franziskanerin Schwester Doris aus Mallersdorf weltweit die einzige Ordensschwester in der Brauzunft. Die Ordensgemeinschaft der Mallersdorfer Schwestern erfüllt ihren sozialen Auftrag in rund 250 Einrichtungen in Bayern, Rheinland-Pfalz und Südafrika. Im Jahr 2009 konnte sie zusammen mit der Marktgemeinde Mallersdorf-Pfaffenberg und der bayerischen Benediktinerkongregation das Jubiläum ?900 Jahre Kloster Mallersdorf? feiern.

Christine Riedl-Valder



 

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AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Schöpf, Johann A., Vision des hl. Johannes auf Patmos, Deckenfresko, 1747, Mallersdorf-Pfaffenberg, St. Johannes Ev./eBKK.
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Voithenberg, G.)

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