Biografien
Menschen aus Bayern

Süßkind von Trimberg Fahrender Sänger

geboren: 1. H. 13. Jahrhundert, Trimberg (?)
gestorben: um 1300, Schlüchtern

Die prachtvolle Manessischen Liederhandschrift (Codex Manesse), einer der wichtigsten Quellen des hochmittelalterlichen Minne- und Spruchgesangs, enthält einige Verse und ein Bildnis des "Süezkint, jude von trimberg". Süßkind ist der einzige namentlich bekannte jüdische Dichter des Mittelalters. In seinem Werk verbindet sich die moralische und gesellschaftspolitische Dichtung im Stil eines Walther von der Vogelweide auf einzigartige Weise mit Motiven aus der jüdischen Tradition.

Im Mittelalter hatten Juden ganz selbstverständlich Anteil an der höfischen Kultur: Einerseits rezipierten sie mittelhochdeutsche Epen und Minnesang, andererseits dichteten sie selbst. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der aus Franken stammende Minnesänger und Sangspruchdichter Süßkind von Trimberg (seit 1971 ein Ortsteil des Marktes Elfershausen). Im Mittelalter war Minnesang modern. Die Frage, ob auch Juden Anteil an dieser höfischen Lyrik hatten, glaubte die Germanistik bis vor kurzem – mit wenigen Ausnahmen – verneinen zu müssen. Doch seit einigen Jahren hat sich diese Vorstellung gewandelt und es gilt als gesichert, dass Juden wie Christen gleichermaßen an der höfischen Kultur partizipierten. Zugangsbedingung war freilich ein gewisser Wohlstand, weshalb wohl arme Christen und Juden weder Nibelungenlied noch Minnesang kannten.

Einen Hinweis darauf, bietet der Erfurter Schatzfund, der Ende des 20. Jahrhunderts in der dortigen Altstadt entdeckt wurde. Neben einem jüdischen Hochzeitsring wurde auch ein Gürtel mit Applikationen aus Metall entdeckt. Darauf befinden sich mittelhochdeutsche Silben, die zusammen ein Minnegedicht ergeben. Das zeigt, dass um 1350 in der jüdischen Oberschicht Minnesang genauso als galante Unterhaltung gepflegt wurde, wie in der christlichen. Die gemeinsame höfische Kultur erweist sich auch beim Heldenepos "Dukus Horant". Dieses mit der mittelhochdeutschen "Kudrun"“ aus Regensburg verwandte Werk ist in hebräischen Lettern geschrieben. In Zusammenschau deuten diese Beispiele darauf hin, dass mittelhochdeutsche Epik und Lyrik im Mittelalter von Juden wie Christen gleichermaßen geschätzt wurden.

So verwundert es auch nicht, dass der Jude Süßkind von Trimberg im berühmten Codex Manesse, der bedeutendsten Liederhandschrift des Mittelalters porträtiert wird (auch Manessesche Liederhandschrift genannt). Am Beginn des Pergamentblattes mit dessen Porträt steht mit wünschenswerter Klarheit: Süskint der Jude von Trimperg. Dabei weist die p-Schreibung in Trimperg auf eine Herkunft aus Bayern hin. Die farbige Miniatur darunter zeigt Süßkind selbst mit Judenhut und im Redegestus, was ihn als Künstler ausweist. Er steht vor einem Würdenträger mit Krummstab. Ein Ministeriale hinter ihm hebt ein Wappenbanner, das ein schwarzes Balkenkreuz auf silbernem Grund zeigt. Der Kunsthistoriker Ingo F. Walther (1940-2007) identifizierte ihn als Vogt der Reichsstadt Konstanz. Entweder verhandelt Süßkind im Namen der Konstanzer Gemeinde, oder aber – was wahrscheinlicher ist –  er trägt dem Stadtherrn seine Poesie vor.

Natürlich ist dies kein authentisches, zeitgenössisches Porträt, denn so etwas gab es um 1300 nicht, als der Pergamentcodex Manesse in Zürich geschrieben und mit aufwendigen Buchmalereien verziert wurde. Die meisten der darin vorgestellten Minnesänger und Sangspruchdichter, darunter etwa Walther von der Vogelweide oder die aus Bayern stammenden Neidhard und Wolfram von Eschenbach, waren längst verstorben, bevor sie in fiktiven Porträts auf die großformatigen Pergamentblätter gelangten, die heute in der Universitätsbibliothek Heidelberg adäquat aufbewahrt werden. Dort ist auch das Porträt Süßkinds von Trimberg recht gut erhalten und bezeugt bis heute die historische Existenz des Minnesängers.

Ein wichtiger Hinweis, denn bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts glaubten manche Mittelaltergermanisten, ein Jude Süßkind habe zwischen adeligen Minnesängern im Codex Manesse nichts verloren. Man spekulierte etwa, ein christlicher Minnesänger sei in die Rolle eines Juden geschlüpft. Dabei ist die Selbstaussage des Juden Süßkind, der aus dem fränkischen Trimberg stammte, wo bis heute eine stattliche Burgruine erhalten ist, eindeutig:


Mit meiner Kunst begebe ich mich wirklich auf eine Narrenreise.

Weil mir die hohen Herren keinen Lohn geben wollen,

werde ich ihren Hof fliehen und

mir einen langen grauen Bart wachsen lassen.

Als alter Jude werde ich fortziehen,

mit langem Mantel und Reisehut.

Demütig muss ich dahin schleichen

und kann nie mehr höfischen Minnesang erklingen lassen.

Denn die hohen Herren rücken nichts von ihrem Reichtum heraus.


Die Strophe erinnert an eine ähnliche Klage Walthers von der Vogelweide, der vorgab, nur in halbwegs gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen als Minnesänger kreativ sein zu können. Süßkind von Trimberg erscheint hier (in einer sogenannten Heischestrophe) als fahrender Sänger, der von Burg zu Burg zieht, um sich und seine Kunst anzupreisen. Seine mittelhochdeutschen Verse unterscheiden sich in ihrer Sprache und metrischen Machart in nichts von Strophen Walthers von der Vogelweide.

Aus all dem ergibt sich, dass der Jude Süßkind, der sich nach Trimberg – oder auch der Trimburg – im heutigen Landkreis Bad Kissingen benannte, mittelhochdeutsche Verse dichtete. Wie viele Minnesänger und Sangspruchdichter führte er das unstete Leben eines Fahrenden. Er suchte Adelshöfe auf, um dort gegen Entlohnung zu singen. Dieses entbehrungsreiche Leben teilte Süßkind mit berühmten Kollegen wie Walther von der Vogelweide oder Neidhart (zeitweise Minnesänger in Landshut). Trotz seiner prekären Lebensverhältnisse erlangte Süßkind von Trimberg solch künstlerisches Ansehen, dass er die Aufnahme in den exklusiven Club des Codex Manesse fand. Er ist damit wohl einer der ersten Juden, dessen Einfluss auf die Kultur im heutigen Bayern historisch belegt ist.


Aus der Serie „Gesichter unseres Landes“ von der Hanns-Seidl-Stiftung

(Klaus Wolf)

Minnelied des Süßkind von Trimberg im Codex Manesse (fol. 355v.), um 1250


Irs mannes krôn ist daz vil reine wîp

iemer in wol êret ir vil werder lîp.

er sælig man, dem diu guote sî beschert!

Der mag ân zwîvel mit ir sîniu jâr

willeclîch vertrîben stille und offenbâr –

er sich mit ir sünden unde schanden wert.

Mit hôher stæt ist sî bedacht,

ir liecht fiur löschet nicht in nacht,

ir hôhez lop mit der meisten menge vert.


Freie Nachdichtung von Patrick Charell:


Jed's Mannes Kron' ist die reinste Frau,

noch mehr ehrt ihn wohl ihr edler Bau.

Ein seliger Mann, dem die Gute sich beschert!

Verbringt gern mit ihr so manches Jahr‘

in Zweisamkeit, ganz offenbar.

der Sünd‘ und Schand‘ mit ihr erwehrt.

Mit Beständigkeit ist sie bedacht,

ihr Licht verlischt auch nicht zur Nacht,

in aller Munde ist ihr hohes Lob.

Bilder

Literatur

  • Klaus Wolf: Bayerische Literaturgeschichte. Von Tassilo bis Gerhard Polt. München 2018.
  • Martin Przybilski: Kulturtransfer zwischen Juden und Christen in der deutschen Literatur des Mittelalters. Berlin / New York 2010.
  • Maria Stürzebecher: Erfurter Schatz. Jena u. a. 2009 (= Jüdisches Leben Erfurt).
  • Ingo F. Walther (Hg.) / Gisela Siebert (Bearb.): Codex Manesse. Die Miniaturen der Großen Heidelberger Liederhandschrift. Frankfurt a.M. 1988, S. 238f.

GND: 118757725