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Penzberg
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In Penzberg wurde ab 1850 ein Kohlebergwerk aufgefahren in dem zwei Jahrzehnte später bereits 200 Bergleute arbeiteten. Im Winter 1919/20 waren es 1800 Bergleute, darunter (übertage) einige Frauen, die hier Arbeit fanden. Das Bergwerk wurde von der Oberbayerischen Aktiengesell­schaft für Kohlenförderung (Oberkohle) betrieben, die das wirtschaftliche Geschehen in der Gemeinde mit ihren 5600 Bewohnern dominierte.
Nach der Revolution in München bildete sich in Penzberg am 10. November 1918 ein Volksrat auf­grund eines einstimmigen Votums einer großen Volksversammlung. Unter Führung von Michael Pfalzgraf (SPD) waren darin Arbeiter, aber auch Bauern, Bürger und Beamte ver­treten. Man stellte fest, dass es vordringlich gelte, Ruhe und Ordnung zu gewährleisten. Daher rief man für die Grube eine Sicherheitswache zusammen.
Gemeinsam mit Kumpeln anderer Zechen wurden die Bergleute beim Minister für soziale Angelegenheiten Unterleitner (USPD) in München vorstellig. Sie forderten wegen ihres schlechten Ernährungszustands eine Verkürzung der täglichen Arbeitszeit. Auch beklag­ten sie die lange „Lehrzeit“: Bisher dauerte es acht Jahre, bis ein Berufsanfänger zum Hauer aufsteigen konnte. Zukünftig sollte dies in drei Jahren möglich sein. Auch hätten die Bergleu­te gerne die Verstaatlichung ihrer Gruben gesehen, wurden aber auf reichseinheitliche Re­gelungen vertröstet, die indes ausblieben.
Im Januar 1919 erhielt die SPD in Penzberg bei den Wahlen zum Landtag und zur deutschen Nationalver­sammlung jeweils rund 75 Prozent, während die Bayerische Volkspartei (BVP) le­diglich 15 Prozent der Wählerstimmen erreichte. Die USPD blieb unter einem Prozent.
Im Februar erreichte die Gemeindevertretung die Erhebung Penzbergs zur Stadt, die somit  mehr Rechte, auch gegenüber der Kohlengrube, bekam. Für den 30. März 1919 wurden Stadtratswahlen angesetzt. Die Parteien einigten sich auf eine gemeinsame Liste. Von 24 Ratssitzen erhielt die SPD 15 und bürgerliche Wähler 5 Mandate.
Nach dem Mord an Ministerpräsident Kurt Eisner am 21. Februar 1919 und dem Attentat auf SPD-Chef Auer, der in Penzberg großes Ansehen genoss, wurde hier eine Demonstration orga­nisiert, an der 1000 Menschen teilnahmen. Für drei Tage herrschte ein Generalstreik. Es bildete sich eine USPD-Ortsgruppe, die angeblich sogleich 200 bis 300 Mitglieder wer­ben konnte. In einer von den Mehrheitssozialdemokraten angesetzten Versammlung strit­ten sich Befürworter und Gegner einer Räterepublik.
Im April forderte der Stadtrat, die von der Oberkohle AG errichteten Schulgebäude und Gaststätten zu enteignen; dem Industriellen Maffei gehörende Bauernhöfe sollten der Stadt überschrieben werden.
Am 7.  April 1919 begrüßte der neue Bürgermeister, der gelernte Hauer Johann Rummer (SPD), im Namen der Stadt die Räterepublik. SPD- und USPD-Anhänger einigten sich auf die „sozialistische Einheitsfront“ in Form eines Revolutionären Fünfzehnerausschusses. Der Volks­rat verhängte den Belagerungszustand und veranlasste, dass eine Schutztruppe zusam­mengestellt wurde.
Nach der Niederschlagung der Räterepublik in den ersten Maitagen, die in Penzberg we­nig spektakulär über die Bühne ging, beschlossen SPD und USPD weiterhin eine enge Zusammenarbeit und schufen einen gemeinsamen Ausschuss. Bitter enttäuscht stellte man in einem Flugblatt fest: „Statt des ersehnten Ausgleichs [der Linken] auf eine gemein­samen Basis kamen wir allenthalben im Lande zu einem grauenhaften Tohuwabohu, und die alten Gewerkschaftler und Parteigänger sahen die leuchtenden Früchte der Revolution in einem fürchterlichen Brudermorden und Bürgerkrieg blutig verschwinden... Wenn die Rettung vom Proletariat der Großstadt nicht kommt und kommen kann, dann sind wir uns, unseren Familien und Kameraden schuldig, selbst vorzugehen... Die junge Stadt Penz­berg nimmt für sich das Recht und das Verdienst in Anspruch, in dieser drangvollen Zeit zuerst den richtigen Weg gegangen zu sein und gibt sich der sicheren Hoffnung hin, dass ihrem Beispiel bald die übrigen Genossen auf dem Lande und in der Stadt folgen werden.“ Die vereinigten Sozialdemokraten erhielten bei der Kommunalwahl im Juni 1919 65 Pro­zent der Stimmen. Gegen den bayernweiten Trend hielt die Einheitsfront in Penzberg aber auch nur bis zum November 1919, danach veranstalteten SPD und USPD wieder getrennte Par­teiversammlungen.
Im Stadtrat konnte man aber aufgrund der starken Stellung (außer 15 Sozialdemokraten saßen im Gremium noch zwei Bergleute einer christlichen Gewerkschaft und nur drei Bürgerver­treter) trotz der Niederlage der Revolution noch Politik zugunsten der Bergleute machen. So wurde die Lehrmittelfreiheit für die Volksschüler beschlossen und 1920 bei einer Lohnauseinandersetzung Streikgeld gezahlt. Die Bergarbeiter selbst setzten Lohnerhö­hungen durch und veranlassten die Oberkohle AG, die Schulgebäude, die sie einst finanziert hatte, an die Stadt zu überschreiben. Mit der Forderung nach der Sozialisierung des Berg­werks hatte man aber weiterhin keinen Erfolg, es blieb in der Hand der Aktiengesellschaft.
1920 wurde in Penzberg eine KPD-Ortsgruppe gegründet, die sich in den 1930er-Jahren, als die wirt­schaftliche Lage immer verzweifelter wurde, zur ebenbürtigen Konkurrenz der SPD entwickelte - bevor die Nazis an Einfluss gewannen und an die Macht kamen.
 
Literatur: Tenfelde, Klaus: Proletarische Provinz, Radikalisierung und Widerstand in Penz­berg/Oberbayern 1900-1945“, München 1982
Text: Dietrich Grund