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Das Hausfrauen-Schmuggeln

Untertitel: Bayerisch-Österreichische Beziehungsgeschichten
Erscheinungsdatum: 25.07.2012

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Der Inn aus der Vogelschau - Grenzfluss zwischen Bayern und Österreich [Speichern]

Bayerisch-Oberösterreichische Landesausstellung 2012

„Verbündet – Verfeindet – Verschwägert. Bayern und Österreich“

 
Bayerisch-Österreichische Beziehungsgeschichten:
Das Hausfrauen-Schmuggeln
 
Das einzige Ungehörige, das meine brave Großmutter in ihrem Leben – genauer gesagt in den harten Nachkriegszeiten – tat, war Schmuggeln. Sie tat es mit dem leichten Schaudern, den eine überschaubare Gefahr erzeugt: Erwischt zu werden, wäre äußerst peinlich gewesen. In den mageren, armseligen Jahren zwischen Krieg und Währungsreform gab es keinen Kaffee und keine Schokolade. Butter und Zucker waren streng rationiert und nur auf Marken zu haben, ein Fläschchen Rum am Geburtstag war das schönste Geschenk. Gleich über der Grenze, in Österreich, gab es das alles – es musste nur irgendwie rüberkommen auf die bayerische Seite und direkt in Omas Küche. Emma Viktoria schmuggelte, was sie ergattern konnte. Ein Päckchen Kaffee passte genau unter ihren Kapotthut, die kostbare Teebutter verschwand in einer Geheimtasche des Mantels und das Fläschchen Strohrum in den tarnenden Falten ihres Unterrocks. Alle braven, seriösen Hausfrauen, die sie kannte, taten das gleiche. Und die Zöllner an den Grenzübergängen um Passau und Umgebung ließen die Sonntagsspaziergänger ihre Handtasche öffnen, schauten in den Kinderwagen und wandten sich dann seufzend ab – sie konnten den Damen schließlich nicht an die Wäsche gehen. Großmutter reihte das kleine Hausfrauen-Schmuggeln unter „Überlebens-Strategie“ ein und befand sich damit in bester Gesellschaft.
 
Weil die Besatzungsmächte die Verbindung Deutschland - Österreich lange verhindern wollten, waren die Grenzen streng bewacht, der „kleine Grenzverkehr“ ein gewagter Hindernislauf. Wer beim Schmuggeln erwischt wurde, musste mit Strafen rechnen, aber die Not machte erfinderisch. Die Bayern schmuggelten Kaffee, Butter und Schnaps, die Österreicher holten sich vor allem Kleidung und Haushaltswaren. Das ging so weit, dass die Frauen regelmäßig auf dem Heimweg über die Grenze einen größeren Brust- und Hüftumfang hatten als auf dem Hinweg, wobei sie im Lauf von Wochen oder Monaten ganze Speiseservice transportierten. Der Passauer Altbischof Franz Xaver Eder erinnert sich, dass die Beichtstühle in der alten Votivkirche gern als Umkleidekabinen von Österreichern genutzt wurden, die sich nach dem Einkaufen in Passau hier schnell umzogen und ihre alten Sachen als armseliges Bündel zurückließen.
 
Das Schmuggeln ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit und begann, als diese angefangen hat, Grenzen zu setzen. Das bayerisch-österreichische Grenzland ist durchzogen von Schmuggelpfaden und geheimnisvoll- schaurigen Geschichten. Sie erzählen von verwegenen Leuten, die in schweren Zeiten lebensnotwendige Dinge heimlich über die Grenzen brachten, wie Vieh, Zucker, Tabakwaren, Schnaps und sogar Bücher, die dringend benötigt wurden. Für die meist armen Leute war der illegale Transport dieser Güter nicht nur ein Abenteuer, sondern ein einträgliches und manchmal sogar überlebenswichtiges Geschäft. Heiß begehrt war der qualitativ hochwertige und billige Rum, der in großen Mengen von Österreich in den Bayerischen Wald geschmuggelt und bei Hochzeiten, Leichenschmaus und sonstige Festivitäten verwendet wurde.
 
Prof. Dr. Roland Girtler, Soziologe und Kulturanthropologe, hat sich in seiner Randgruppenforschung auch mit dem Schmuggeln in dieser Gegend befasst und sieht im traditionellen Schmuggel soziales Rebellentum in Zeiten der Armut. Junge Burschen, die in der Not schmuggelten, sahen sich durch die sozialen und politischen Umstände berechtigt, damit einen „gerechten Ausgleich“ zu schaffen. Ganz anders die Gegenwart: Heute ist es die gefährliche Modedroge Crystal, die von Tschechien aus über die Grenze nach Bayern flutet.
von Heidi Könen
 
Wie sich die Grenze zwischen Österreich und Bayern in den vergangenen Jahrhunderten veränderte, zeigt die grenzübergreifende Landesausstellung 2012 in Burghausen, Braunau und Mattighofen.
 
Veranstalter:
Haus der Bayerischen Geschichte und Stadt Burghausen
in Zusammenarbeit mit der
Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen
 
 
Bayerisch-Oberösterreichische Landesausstellung 2012
Verbündet – Verfeindet – Verschwägert. Bayern und Österreich
27. April bis 04.November 2012, täglich von 9 bis 18 Uhr
Burg Burghausen – Kloster Ranshofen (Braunau) – Schloss Mattighofen

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