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Tirschenreuth
Passionsspiele

Basisdaten


Geistlicher Bilderbogen 

Zu den jüngsten Passionsspielorten gehört die Stadt Tirschenreuth. Das 1997 uraufgeführte Spiel vom Leiden und Sterben Jesu Christi des renommierten Autors und Regisseurs Johannes Reitmeier (geb. 1962), entstanden im Auftrag der Stadtväter, hinterließ bei den Laienschauspielern und den Zuschauern gleichermaßen einen tiefen Eindruck.

In einer Folge von 14 Bildern bringt Reitmeier, in enger Anlehnung an den Text der Heiligen Schrift, die Leidensgeschichte Jesu Christi auf die Bühne: Die Handlung umfasst die Vorbereitung des Passahmahles (I), die Beratung des Hohen Rates und den Verrat des Judas (II), das letzte Abendmahl (III), Ölberggebet und Gefangennahme Jesu (IV), das Verhör vor dem Hohen Rat (V), die Verleugnung des Petrus (VI), die Verhandlungen vor Pilatus (VII) und Herodes (VIII), Verurteilung (IX), Kreuztragung (X), den Tod des Judas (XI), Kreuzigung (XII) und Tod Jesu (XIII) sowie Grablegung und Beweinung durch die Frauen (XIV). Prolog, Bekenntnis der Gläubigen zum leidenden Christus, und Epilog, Dank für Jesu Erlösungstat am Kreuz von Golgatha, umrahmen das Geschehen. Der Tod bildet jedoch nicht  das Ende: In einem eindrucksvollen Schlussbild verkündet die „Tirschenreuther Passion“ die frohe Botschaft vom Kommen des Gottesreiches. Der Christus-Darsteller steht – nun, mit Jeans und Hemd bekleidet, aus der Rolle getreten – auf der Bühne, inmitten einer Kinderschar, und schildert das Ostergeschehen, bevor ein Engel die Osterbotschaft aus dem Lukas-Evangelium (24,5-7) vorträgt.

In die Handlung streut Reitmeier so genannte Arias ein, in Versform abgefasste Dialoge oder Monologe, die den biblischen Text verbreitern, intensivieren oder kommentieren. Über den Evangelientext hinaus führen auch die Intermezzi zwischen den einzelnen Bildern. Neben bühnenpraktischen und inszenatorischen Überlegungen kommt diesen „Zwischenspielen“ auch eine inhaltlich-kommentierende Funktion zu. Die gebetsartigen, vom Ton der Volksfrömmigkeit getragenen Betrachtungen und Meditationen der Klagefrauen reflektieren das Geschehen auf der Bühne. Der Zuschauer ist zur gläubigen Versenkung in die präsentierten Glaubenswahrheiten aufgefordert, zu Reue, Buße und Umkehr, zur sittlichen und religiösen „Nutzanwendung“ des Gesehenen.

Ein Grund für die charismatische Wirkung der „Tirschenreuther Passion“ liegt in der literarisch geglückten Verbindung von Hochsprache und Dialekt. In der sprachlichen Differenzierung hat der theatererfahrene Autor eine Möglichkeit erkannt, das Publikum auf verschiedenen Ebenen anzusprechen. Hochdeutsche Bibelzitate und Intermezzi mit lehrhaft-appellativem Charakter wechseln sich ab mit erzählerischen Passagen der vier Evangelisten und Arias in frischer, kräftiger Mundart, die der Passionsgeschichte eine ganz bodenständige Atmosphäre verleihen.  Gerade in solchen Momenten holt das Spiel die Berichte der Evangelien in die Gegenwart herein und macht aus einem historischen ein gegenwärtiges Ereignis, das die Zuschauer – auf einer emotional-affektiven Ebene – zum gläubigen Mitleiden bewegen will.

Ihre religiöse Überzeugungskraft gewinnt die Inszenierung durch Johannes Reitmeier auch aus dem eindrucksvollen Zusammenklang von Wort, Musik und ästhetischer Bildwirkung. Die musikalische Begleitung unterstreicht den volkstümlichen Charakter der Aufführung, wobei insbesondere die Besetzung des Kammermusikensembles mit Streichern sowie Volksmusikinstrumenten wie Zither, Dudelsack und Klarinette für regionale Bezüge sorgt. Das schlichte, karge Bühnenbild und die historisch stimmigen Kostüme in Pastell- und Naturtönen orientieren sich an den so genannten Fastenkrippen, die in ihrer ländlich-naiven Bildersprache dem „Volkscharakter“ des Tirschenreuther Spiels entsprechen. Und nicht zuletzt bildet die stimmungsvolle Lichtführung ein wichtiges Gestaltungsmittel der szenischen Präsentation.

Im Heiligen Jahr 2000 und zuletzt 2005 erlebte das Spiel vom Leiden und Sterben Jesu Christi erneute Aufführungen, die in einem Fünfjahresrhythmus fortgesetzt werden sollen. So ist noch im ausgehenden 20. Jahrhundert in einer oberpfälzischen Stadt eine lebendige Passionsspieltradition begründet worden. 

Manfred Knedlik



Literatur
 
Titel: Christliches Erbe in volksnaher Form
Untertitel: Die Tirschenreuther Passion
Jahr: 2008
Ort: Sulzbach-Rosenberg
Seiten 129 - 133
Autoren: Manfred Knedlik
Titel: Die Tirschenreuther Passion.
Untertitel: Ein Spiel vom Leiden und Sterben Jesu Christi
Jahr: 2000
Autoren: Reitmeier, Johannes
 
Überlieferung
Titel: Spiel vom Leiden und Sterben Jesu Christi
Jahr: 1997   Typ: Textzeugnis
Ort
Ort 95643 Tirschenreuth
Bezirk Oberpfalz
Land Deutschland
Diözese Regensburg
Informationen
Verfasser Johannes Reitmeier
Edition Textbuch Tirschenreuther Passion 2000
Datierung 1997; 2000; 2005