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Maximilian I. Joseph

 

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Ludwig II. und Richard Wagner


Richard Wagner (1813–1883) wurde 1864 nach München gerufen, wo der junge König dem verschuldeten Komponisten alle Mittel versprach, damit dieser sein Werk fortführen konnte. Damit endete für Wagner ein Leben auf der Flucht vor Gläubigern und politischer Verfolgung. Wilhelm Richard Wagner wurde 1813 in Leipzig geboren. Mit 16 Jahren entdeckte er seine Liebe zur Musik und schuf erste Kompositionen. Nach dem Musikstudium an der Leipziger Universität von 1831 bis 1833 führte sein Weg von Würzburg, wo er als Korrepetitor arbeitete, nach Riga. Schulden zwangen Wagner, seine dortige Stelle als Theaterdirektor aufzugeben und nach London und Paris auszuweichen. 1840 und 1841 schrieb Wagner in Paris die Opern „Rienzi“ und „Der fliegende Holländer“. Wagner und seine Frau Minna, geb. Planer (1809–1866), übersiedelten 1842 nach Dresden, wo die beiden Opern uraufgeführt wurden.

 

Als Kapellmeister an der königlich sächsischen Hofoper komponierte Wagner 1845 „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ und entwickelte Entwürfe zu „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Lohengrin“. Wagner war Republikaner, schließlich Anarchist und unterstützte die Märzrevolution von 1848. Im Mai 1849 nahm er an den Aufständen in Dresden teil, die sich gegen die Auflösung der Frankfurter Nationalversammlung richteten. Nach der Niederschlagung geriet Wagner auf die Fahndungslisten. Er setzte sich über Paris nach Zürich ab.

 

In der Schweiz, wo er die Jahre von 1848 bis 1858 zubrachte, beendete er die Oper „Lohengrin“ (1850 in Weimar in Abwesenheit uraufgeführt). 1852/53 verfasste er die Dichtung „Der Ring des Nibelungen“. Sie bildete die Textgrundlage für einen mehrteiligen Zyklus an „Musikdramen“, wie Wagner sie nannte. 1854 war der Auftakt für den „Ring“ komponiert, „Das Rheingold“. 1857 trennte sich Wagner nach einer Affäre von seiner Frau Minna und zog nach Venedig, das er zwei Jahre später auf Druck der österreichischen Behörden verlassen musste.

 

Nach wechselnden Aufenthalten in Paris, Karlsruhe, Venedig, Wien und Biebrich bei Mainz erhielt er 1862 vom sächsischen König eine vollständige Amnestie. Wagner zog nach Wien und gab Konzerte mit Ausschnitten aus seinen Werken, ebenso in St. Petersburg, Moskau, Prag, Budapest und Karlsruhe. Die Auftritte und Reisen waren kostspielig, die erhofften Einnahmen blieben aus. Völlig verschuldet, sah sich Wagner im Frühjahr 1864 abermals genötigt, vor seinen Gläubigern aus Wien zu fliehen. Er reiste über München und Zürich nach Stuttgart. Im Mai 1864 erhielt er von Ludwig II. eine Einladung an dessen Hof. Der König bot ihm an, seine Schulden zu übernehmen und ihn finanziell zu überstützen.

 

Die erste Begegnung

Ludwig hatte 1861 zum ersten Mal eine Aufführung der Oper „Lohengrin“ gesehen. Bereits drei Jahre zuvor waren „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ am Münchner Hoftheater gespielt worden, doch König Maximilian hielt seinen Sohn damals für zu jung für diese Stoffe. Ludwig II. machte aus seiner Begeisterung für Wagner keinen Hehl. Auch für dessen Schriften zur Theorie und Philosophie der Musik – die keineswegs unumstritten waren – zeigte Ludwig großes Interesse. Er sah in Wagner nicht nur den genialen Künstler, sondern zudem eine Art Vaterfigur. Auch der Komponist war von Ludwig II. angetan. Er begegnete ihm 1864 mit großer Dankbarkeit: „Und dieses Leben, sein letztes Dichten und Tönen, gehört nun Ihnen, mein gnadenreicher junger König: verfügen Sie darüber als über Ihr Eigenthum!“

 

Wagners Münchner Zeit 1864/65

Der König ließ Wagner ein Landhaus (Haus Pellet) in Kempfenhausen einrichten, nicht weit entfernt von seinem Schloss Berg am Starnberger See. Wagner war oft im Schloss zu Gast und spielte für den König. Dieser wünschte sich von ihm die Vollendung seines „Rings des Nibelungen“. Ludwig II. wollte alle Kosten dafür übernehmen.

 

Auch wurden Planungen für ein Festspielhaus in München unternommen. Mit den Entwürfen wurde Gottfried Semper (1803–1879) beauftragt, Wagners Freund aus Dresdner Tagen. Das Haus sollte am rechten Isarhochufer entstehen, etwa auf Höhe des heutigen Friedensengels. Von dem Bau hätte eine Prachtstraße über die Isar und stadteinwärts bis zur Brienner Straße führen sollen, wo Wagner seit Herbst 1864 ein Haus auf Kosten des Königs bezog. Wagner war von dem Vorhaben nicht begeistert. Es scheiterte schließlich an seinem Zögern wie auch am Widerstand der Minister. Die Errichtung eines Festspielhauses im Münchner Glaspalast, die Wagner bevorzugt hätte, kam gleichfalls nicht zustande.

 

Wagner zur Seite stand Cosima von Bülow (1837–1930), die Tochter des Komponisten Franz Liszt (1811–1886) und der Gräfin Marie Cathérine d’Agoult (1805–1876). Cosima war mit dem Dirigenten Hans von Bülow (1830–1894) verheiratet, der zahlreiche Werke Wagners uraufführte. Cosima zählte auch zu den Vertrauten des Königs. Ludwig II. schrieb ihr regelmäßig Briefe und gewährte ihr Einblick in seine Entscheidungen als Monarch wie in sein Seelenleben. Die Münchner Öffentlichkeit hegte deswegen einigen Argwohn gegen die „Brieftaube Madame Hans“. Cosima erledigte für Wagner in München die Korrespondenz. Die beiden verliebten sich ineinander. Ihre Beziehung blieb vorerst geheim, auch vor dem König.

 

1865 wurde „Tristan und Isolde“ in München unter der Leitung von Hans von Bülow uraufgeführt. Die anderenorts als unaufführbar geltende Oper wurde in München mit 77 Proben einstudiert, was ungeheure Kosten nach sich zog. Die Kritiker Wagners bestärkte das in ihren Vorbehalten gegen den Komponisten. Als bekannt wurde, dass Wagner dem König die Absetzung des Außenministers von der Pfordten und des Kabinettsekretärs Pfistermeister empfohlen hatte, stellte man Ludwig II. ein Ultimatum: entweder würde Wagner aus München entfernt oder die Minister träten geschlossen zurück. Der König gab dem Druck seiner Regierung nach. Im Dezember 1865 hielt er Wagner an, München zu verlassen. Wagner ging, begleitet von Cosima von Bülow, die er 1870 heiratete, in die Schweiz, wo er seither eine Villa auf der Halbinsel Tribschen bei Luzern am Vierwaldstätter See bewohnte. Der König kam für den Aufenthalt auf.

 

Wagner in Tribschen 1866–1874

Wagner setzte im Schweizer Exil seine Arbeiten fort, der Unterstützung durch Ludwig II. gewiss. Schon Ende Mai 1866 kam der König inkognito nach Tribschen, um Wagners Geburtstag zu feiern. Die Bevölkerung nahm durchaus wahr, dass der König lieber seinem Günstling ins Ausland nachreiste als in Bayern zu bleiben, während der Krieg mit Preußen heraufzog. Als Ludwig II. nach München zurückkehrte, gab es hie und da sogar Schmährufe von Passanten.

 

Aber auch zwischen dem König und Richard Wagner kam es zu Verstimmungen. 1867 sollte „Lohengrin“ in München neu aufgeführt werden. Ludwig II. hatte seine eigenen Ideen zur Inszenierung. Auch in Besetzungsfragen herrschte Dissens mit Wagner. Nach der Uraufführung der „Meistersinger von Nürnberg“ im Mai 1868 in München ließ Ludwig II. im Jahr darauf das „Rheingold“ auf die Bühne bringen, und zwar gegen den Willen Wagners, der den „Ring“ nur als Gesamtwerk aufführen wollte. Im Juni 1870 folgte in München die Uraufführung der „Walküre“.

 

Wagner und Bayreuth

Das ursprünglich für München geplante Festspielhaus wurde ab 1872 in Bayreuth errichtet. Wagner wollte es zunächst durch Fördervereine und private Spenden finanzieren, ohne die Hilfe des Königs. Er wandte sich auch an Bismarck, der jedoch keine Unterstützung gewährte. Schon bald musste Wagner den König um eine Bürgschaft für den Bau ersuchen. Ludwig II. zögerte diesmal, ehe er seine Zusage gab. Die Familie Wagner – Richard, Cosima und die Kinder Isolde, Eva und Siegfried – zog 1874 nach Bayreuth. Wagner gab dem Haus den Namen „Wahnfried“ („hier wo mein Wähnen Frieden fand“, wie die Inschrift über dem Eingang lautet). König Ludwig II. steuerte 25000 Mark für das Haus bei.

 

Im Sommer 1876 fand die Einweihung des Festspielhauses in Bayreuth statt. Zum ersten Mal wurde der „Ring des Nibelungen“ komplett gespielt, mit den Teilen „Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ – die beiden letzten Stücke waren zugleich Uraufführungen. Der „Ring“ wurde während der Festspiele insgesamt dreimal aufgeführt. König Ludwig II. sah sich die Generalproben zu sämtlichen Teilen an, blieb aber der Premiere fern, schon um Kaiser Wilhelm I. aus dem Weg zu gehen, der die Festspiele besuchte. Als bekannt wurde, dass sich Ludwig II. in Bayreuth aufhielt, strömten Einwohner und Besucher herbei. Auch bei seiner Abreise ließ die Bevölkerung ihren König hochleben.

 

Die Wagner-Festspiele in Bayreuth waren zu Anfang ein großes Verlustgeschäft. 1878 sah sich Ludwig II. genötigt, Wagner abermals finanziell zu Hilfe zu kommen. Er gab dem Komponisten ein Darlehen, das mit Tantiemen aus den Aufführungen von Wagners Werken in München abbezahlt wurde. Der Kredit hatte eine Laufzeit bis ins Jahr 1906. Die Familie Wagner zahlte die Summe vollständig zurück. Die Festspiele wurden erst 1882 wieder veranstaltet.

 

Ludwigs und Wagners letzte Jahre

Seit sich Wagner in Bayreuth niedergelassen hatte und König Ludwig sich auf seine Schlösser und Residenzen im Süden Bayerns zurückzog, wurde ihr Kontakt weniger. Wagner und Cosima hielten zwar ihre Korrespondenz mit dem König aufrecht, doch kam es kaum noch zu persönlichen Begegnungen. Letztmals trafen König und Komponist 1880 in München zusammen. Gemeinsam hörten sie eine Privataufführung von „Lohengrin“. Anderentags dirigierte Wagner das Orchester-Vorspiel zum ersten Aufzug von „Parsifal“. Richard und Cosima Wagner waren damals auf der Durchreise nach Italien, wo Wagner Erholung suchte. Auch den mehrmonatigen Aufenthalt in Posillipo bei Neapel unterstützte König Ludwig finanziell.

 

Wagners letzte Oper „Parsifal“ wurde Anfang 1882 vollendet und im Juli desselben Jahres in Bayreuth uraufgeführt. Wagner lud den König dazu ein, der jedoch nicht kam, weil er die Anwesenheit der übrigen Fürsten nicht ertrug. Wagner starb im Februar 1883 in Venedig. Ludwig II. hörte Wagners letztes Musikdrama erst nach dessen Tod. 1885 bat Cosima Wagner den König, die Schirmherrschaft für die Festspiele zu übernehmen. Ludwig II. sagte zu. Als die dritten Bayreuther Festspiele im Juli 1886 eröffnet wurden, war er jedoch nicht mehr am Leben.

 

Der König und sein Komponist

Was Richard Wagner und König Ludwig II. miteinander verband, war die Liebe zu Dichtung und Musik. Wagner war schon in seinen frühen Schriften auf die Verbindung dieser beiden Kunstformen eingegangen. Ludwig II. erkannte in Wagner denjenigen Künstler, der ihm Sagenstoffe, Romantik und germanische Vergangenheit in der anrührendsten Weise aufbereitete. Bombastische und unverwechselbare Klänge, die eine schwer fassbare Atmosphäre aus Idylle und Anmut, Tragik, Erhabenheit und Pathos schufen, waren genau nach Ludwigs Geschmack. Wagners Klangformen und Arrangements waren denkbar modern, während die Themen zurückverwiesen in mythische Zeiten oder in die Ursprünglichkeit der Natur. Auch die Bühnentechnik, die in München und Bayreuth für seine Stücke aufgewendet wurde, setzte neue Maßstäbe. Ludwig II. und Richard Wagner haben das Musiktheater in ein neues Zeitalter geführt. Für Wagner wie für Ludwig II. waren Musik und Drama wesentliche Mittel zur Erziehung der Gesellschaft. Der Gedanke an ein Festspielhaus als Ort musikalischer und dramatischer Erbauung war für beide zentral.

 

Radikalismus und Antisemitismus bei Wagner

In weltanschaulicher Hinsicht hatten sich Richard Wagner und Ludwig II. allerdings nichts zu sagen. Wagner war 1848/49 für eine deutsche Republik eingetreten. In Dresden unterhielt er Kontakte zu Sozialrevolutionären wie Michail Bakunin (1814–1876). Erst im Lauf der 1860er-Jahre arrangierte er sich mit dem entstehenden preußisch-deutschen Nationalstaat. 1871 komponierte er einen „Kaisermarsch“ für die vom Krieg gegen Frankreich heimkehrenden deutschen Truppen. Seine ursprünglich weltbürgerliche Gesinnung streifte Wagner nach und nach ab. In den 1870er-Jahren schwärmte er von einer „Volksgemeinschaft“, die nichts mehr mit den demokratischen Ideen von 1848 gemein hatte, sondern auf eine Einheit von Staat und „Volkstum“ abzielte.

 

Nicht unerwähnt bleiben können Wagners antisemitische Äußerungen. Bekannt ist die Schrift von 1850, „Das Judentum in der Musik“, ein antisemitisches Pamphlet, das Kunst und Kultur als Mittel der Ausgrenzung begriff. Cosima Wagner war eine dezidierte Antisemitin und scharte nach Wagners Tod einen Kreis rechter Intellektueller in Bayreuth um sich. Die von Wagner 1878 gegründeten „Bayreuther Blätter“ wurden zu einem Forum dieses Kreises. Ihm gehörte auch der Brite Houston Stewart Chamberlain (1857–1927) an, der zum Wortführer einer Ideologie des Rassismus und des Antisemitismus wurde. Chamberlain heiratete 1908 Cosimas Tochter Eva von Bülow (1847–1942).

 

Ganz gleich, wie problematisch Wagners Haltung zu seinen jüdischen Mitbürgern war, König Ludwig hatte dafür nichts übrig. Als Wagner 1881 von dem Münchner Hoftheaterdirigenten Hermann Levi (1839–1900) den Übertritt vom jüdischen zum christlichen Glauben verlangte, falls er die Uraufführung des „Parsifal“ in Bayreuth dirigieren wolle, intervenierte Ludwig II: Die Uraufführung des „Parsifal“ fand wie geplant unter der Leitung Hermann Levis statt.

 

Ludwigs Kult um Wagners Werk

König Ludwig II. realisierte auch in seinen Bauprojekten Stoffe und Motive aus Wagners Werk. Die Hundinghütte (errichtet 1876) in der Nähe von Schloss Linderhof bei Ettal entsprach einer Szene aus der „Walküre“. Eine Klause, nicht weit entfernt, die „Einsiedelei des Gurnemanz“, entstand 1877 nach Motiven aus dem späteren „Parsifal“. Die „Venusgrotte“ im Schlosspark von Linderhof sollte den König an den „Tannhäuser“ erinnern. Schloss Neuschwanstein ließ Ludwig vielleicht auch als „Gralsburg“ anlegen, eine Hommage an den „Parsifal“. In der Innenausstattung finden sich Motive aus „Parsifal“, „Tannhäuser“ und „Lohengrin“.

 

Ludwigs Rezeption von Wagners Werken war im Grunde naiv und vorwiegend emotionaler Natur. Es gefiel ihm, sich als Grals- oder Schwanenritter zu inszenieren. Das Credo in Wagners Musikdramen – Romantik, Verklärung, Erhabenheit, womöglich auch ein antizivilisatorisches, rückwärtsgewandtes Gesellschaftsbild – hat Ludwig II. fasziniert und geprägt. Jedoch bezog er dies allein auf seine Person, nie wurde daraus ein politisches Programm. Das heißt aber auch, dass er nichts mit der Ideologie der „Wagnerianer“ zu tun hatte. Aus Wagners Werk leitete Ludwig weder ein aggressives nationales Überlegenheitsgefühl ab, noch zeigte er sich für den Antisemitismus Wagners und seiner Anhänger empfänglich.

 

Ludwig II. war Wagners wichtigster Förderer, dessen Werke wiederum den König zu Architektur- und Ausstattungsprojekten inspirierten.

Ludwigs Verhältnis zu Wagner war schöpferisch, exzentrisch und emanzipiert zugleich.