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Maximilian II.

 

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Doppel-Steppstich-Nähmaschine (um 1884)

um 1884


Metall / Holz, 30,4x44x22cm, Kaiserslautern, um 1884


Mit der Erfindung der Nähmaschine wurde Kleidung zur Konfektionsware. Oft in Heimarbeit entwickelte sich die kostengünstige Teilefertigung.

 

Die Textilindustrie war eine der Schlüsselindustrien der bayerischen Wirtschaft. Barchent und Leinen wurden seit dem Spätmittelalter aus Schwaben in alle Welt exportiert. Im 18. Jahrhundert gehörte die Erfindung der Spinnmaschine zu den Initialzündungen der Industrialisierung. Seit dem 18. Jahrhundert hatte man nach Möglichkeiten gesucht, die Handnähbewegung mechanisch zu imitieren. 1845 gelang es dem amerikanischen Mechaniker Elias Howe, eine Nähmaschine herzustellen, die Ober- und Unterfaden miteinander verschlang und 300 Stiche pro Minute ausführte, während eine Näherin im gleichen Zeitraum rund 50 Stiche erreichte. Das Patent auf die Erfindung der Nähmaschine ging jedoch – vom mittellosen Howe zeit seines Lebens angefochten – an Isaac Merritt Singer, der zudem als Erfinder der Ratenzahlung gilt.

Ein Zentrum der Nähmaschinenfabrikation war das damals zu Bayern gehörende pfälzische Kaiserslautern, wo der Blechinstrumentenbauer Georg Michael Pfaff seit 1862 Nähmaschinen herstellte. Ab 1865 stiegen die Gebrüder Kayser in die Nähmaschinenproduktion ein. Wie dies für die Frühzeit der Industrialisierung typisch war, fertigten sie zudem Fahrräder.

Mit der Verbreitung der Nähmaschine kam es im Bereich der Bekleidung zu einer „Demokratisierung des Konsums“. Viele Frauen fertigten in Heimarbeit, oft unter Mithilfe sämtlicher Familienmitglieder, im Rahmen des Verlagssystems Kleidung im Akkord zu niedrigen Löhnen. Oft wurde die Nähmaschine vom Verleger zur Verfügung gestellt und die Frauen konnten die Kosten für ihr Arbeitsgerät mittels Ratenzahlung abstottern.

Die nun möglich gewordene industrielle Fertigung wirkte sich bald dahingehend aus, dass Kleidung nicht mehr ausschließlich vom ortsansässigen Schneider bzw. Störschneider „maßgeschneidert“, sondern zunehmend als Konfektionsware erworben wurde. Die Massenfertigung hatte eine Bedarfssteigerung zur Folge und änderte das Bekleidungsverhalten breiter Bevölkerungsschichten gravierend. Textilien wurden billiger und Moden wechselten schneller. So beklagten schon die Autoren der Landesbeschreibung „Bavaria“ aus den Jahren 1860 bis 1868 den Rückgang regionaler Trachten zugunsten konfektionierter Massenware.

 

(Barbara Kink)

 

Literatur:

Bäckmann, Reinhard: Nähen – Nadel – Nähmaschine. Ursprünge der Nähtechnologie im Zeitalter der ersten industriellen Revolution, Hohengehren 1991; Götschmann, Dirk: Wirtschaftsgeschichte Bayerns. 19. und 20. Jahrhundert, Regensburg 2010; Hausen, Karin: Technischer Fortschritt und Frauenarbeit im 19. Jahrhundert. Zur Sozialgeschichte der Nähmaschine, in: Geschichte und Gesellschaft 4 (1978), S. 148 – 169; Loibl, Richard: Textillandschaft Schwaben, in: Kraus, Werner: Schauplätze der Industriekultur in Bayern, Regensburg 2006, S. 226 – 231.

Beleg:

Götterdämmerung. König Ludwig II. und seine Zeit. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2011, Schloss Herrenchiemsee, 14. Mai bis 16. Oktober 2011. Hrsg. von Peter Wolf, Richard Loibl und Evamaria Brockhoff, Augsburg 2011, S. 206f.

Künstler, Ersteller / Fotograf: Gebr. Kayser; Fotograf: Andreas Brücklmair, Augsburg
Lageort: Erzabtei St. Ottilien, Nähmaschinenmuseum (82)
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg