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MUSIK


 
 

KÖNIGIN DER INSTRUMENTE – DIE ENTWICKLUNG DER ORGEL IN DEN KLÖSTERN BAYERNS
Der Wandel der Orgel vom ausschließlich weltlichen Instrument der Antike zu dem kirchlichen Instrument schlechthin geschah nördlich der Alpen. Da die Orgel auch zur musikalischen Untermalung des Martyriums in den Arenen gedient hatte, war den frühen Christen ihr Klang ein Gräuel. Niemand hätte daran gedacht, solche Klänge im Gottesdienst verwenden zu wollen. Noch heute gilt das Orgelverbot in den orthodoxen Kirchen.

Als der oströmische Kaiser Konstantin Kopronimos dem fränkischen König Pippin eine – für heutige Begriffe kleine – Palastorgel schenkte, war im Frankenreich der Zusammenhang mit den Christenverfolgungen nicht bekannt. Man fand die Orgel hier sogar sehr tauglich zur Begleitung des Kirchengesangs. Im 9. Jahrhundert war auch in Rom die Erinnerung an die Christenverfolgung geschwunden. Papst Zacharias erbat vom Freisinger Bischof Petrus eine Orgel und einen Organisten, der das Instrument zusammenbauen und spielen konnte. So kam die Orgel in die römische Westkirche aus Bayern. Das erste Lehrbuch des Orgelbaus entstand im bayerischen Kloster Tegernsee – der Traktat "De mensura fistularum", zu deutsch "Über die Bemessung der Orgelpfeifen". In den mittelalterlichen Klöstern spielte die Orgel eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des einstimmigen Kirchengesangs zur Mehrstimmigkeit. Denn ihr Klang war im Prinzip des so genannten "Blockwerks" angelegt. Das bedeutet, dass auf einer Taste mehrere Pfeifen in akkordischem Blockaufbau erklingen, einer Form der Mehrstimmigkeit. Mit dem Übergang zur Renaissance ist auch im Orgelspiel eine Individualisierung zu verzeichnen. Man wollte nicht mehr nur die Akkorde erzeugen, die der Orgelbauer fertig vorgegeben hatte, sondern die Tonreihen selbst wählen und zusammenstellen. Aus diesem Grund wurde das alte Blockwerk durch einzelne Schleifenbrettchen in einzelne Pfeifenreihen, die so genannten Register, unterteilt. Der Organist konnte nun verschiedene Register aus dem vorhandenen Blockwerk abrufen, manche weglassen oder andere neu kombinieren. Damit war die eigentliche Grundlage geschaffen für die Entwicklung der Orgel zur Königin der Instrumente. Mit der Barockorgel erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt. Andererseits war aber damit auch der Abschied der Orgel aus der Entwicklungshoheit der Klöster gekommen. Die Orgel wird nun genauso von bürgerlichen Kirchen in Städten und Märkten begeistert angenommen. In den Klöstern schieden sich im Barock zwei musikalische Formen: die Choralmusik und die Figuralmusik. Zu den einstimmigen Melodien des alten gregorianischen Kirchengesangs, gesellte sich die figurierte, das heißt komponierte, Musik der Mehrstimmigkeit. In den fröhlichen Barockklöstern wollte man auch beim Choralgesang nicht auf die freundliche Mehrstimmigkeit verzichten. So wurden nahe der Chorgestühle so genannte Chororgeln gebaut. Sie unterlegten nun den einstimmigen Choral mit einer mehrstimmiger Begleitung. Alternativ wurde vom Organisten zu den einstimmigen Choralversen der jeweils nächste Vers wortlos improvisiert, so entstand eine Mischung von gesungenem und meditativ betrachtetem Text. Für die Figuralmusik, die meist von Sängerknaben vorgetragen wurde, war als Ort der Aufführung die Westempore der Kirche bestimmt. Dort wurde eine größere Orgel gebraucht. Sie sollte nicht nur die Continuo - Funktion für die Begleitung der figuralen und orchestralen Musik übernehmen, sondern auch eigenständig wirken bei festlicher Aufzugs-, Zwischen- oder Auszugsmusik in Präludien und Postludien. Bei dieser solistische Tätigkeit wurde von den Organisten in den bayerischen Klöstern in der Regel improvisiert. Deshalb sind relativ wenige Kompositionen überliefert. Weil meist auch eine Chororgel vorhanden war, hatten die bayerischen Klöster nicht das Bestreben, riesige Klangwerke auf den Westemporen zu installieren. Dies war eher in den Reichsklöstern Oberschwabens und in den evangelischen Kirchen der großen Städte Mittel- und Norddeutschlands üblich. Da aber in den altbayerischen Klöstern die Orgelprospekte am westlichen Kirchenabschluss als gestalterische Gegenstücke zu den Hochaltären bestehen mussten, hat man das Äußere dieser Orgeln in großartigster Weise ausgeführt.

Sixtus Lampl, Orgelmuseum Valley



 

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