Altötting, Kollegiatstift


 

GESCHICHTE

Altötting Kollegiatstift im Herzen Altbayerns


 

 

 

Als herzogliche Pfalz ist Altötting seit 748/54 und als eine Schenkung Herzog Tassilos III. an das Hochstift Salzburg nachweisbar. Nach dem Ende der Agilolfingerherrschaft in Bayern und der Machtübernahme durch die Karolinger im Jahr 788 wurde aus dem Herzogshof eine königliche Pfalz. Urkunden Kaiser Ludwigs des Frommen überliefern 832 und 837 „Otinga“ als „palacium regio“. Zu einer Königspfalz gehörte auch eine Pfalzkapelle mit Marienpatrozinium, wie es oft bei karolingischen Königskirchen der Fall war. Die heutige innere Gnadenkapelle in Altötting entspricht dieser Pfalzkapelle und zählt, als karolingischer Zentralbau, zu den ältesten Kirchenbauten Deutschlands. Sie beherbergt die Herzen zahlreicher verstorbener Wittelsbacher. König Karlmann stiftete 876/877 in Altötting ein Kloster, dem er die Pfalzkapelle und die Abtei Mattsee übergab. Wenig später wurde die Stiftskirche und heutige Pfarrkirche S. Philippus und Jakobus errichtet. Ursprünglich war die Stiftskirche den Heiligen Maximilian und Felicitas geweiht, Karlmann schenkte seiner Gründung jedoch einen Arm des Apostels Philipp, weshalb sich in weiterer Folge das neue Patrozinium Philippus und Jakobus durchsetzte. Karlmann selbst wurde in Altötting bestattet und scheint damit eine Familientradition begründet zu haben, denn sein Sohn Arnulf von Kärnten starb 899 ebenfalls in Altötting. Der letzte ostfränkische Karolinger und Sohn Arnulfs von Kärnten, Ludwig das Kind, wurde 893 in Altötting geboren. 907 übertrug Ludwig dem Hochstift Passau seinen Besitz zu Altötting. Die Pfalzkapelle, das Königsgut und wahrscheinlich auch die erste Stiftskirche überstanden zwar die Ungarneinfälle des frühen 10. Jahrhunderts, denn es finden sich doch in der Überlieferung vereinzelte Hinweise. Von einer Stifts- oder Klostergemeinschaft fehlt aber jede Spur, dieses geistliche Leben scheint im Laufe des 10. bzw. 11. Jahrhunderts erloschen zu sein.

 

Zu dem 1180 an die Wittelsbacher verliehenen Herzogtum Bayern gehörte auch Altötting. Wohl Ludwig der Kelheimer (1183–1231) gründete Neuötting und errichtete um 1228 am alten Pfalzort Altötting ein Chorherrenstift. Ursprünglich lebten Propst, Dekan und zwölf Kanoniker im Stift. 1231 bestätigte der Salzburger Erzbischof die Neugründung und verpflichtete die Stiftsinsassen zum gemeinschaftlichen Leben unter Einhaltung der Aachener Regel. Der bayerische Herzog übte für Propst und Kapitel das Präsentationsrecht aus, das Kapitel wählte den Dekan und entschied zusammen mit dem Propst darüber, wer Scholasticus und Kustos werden sollte. 1228 wurde mit den Arbeiten an der Stiftskirche begonnen, 1245 schließlich die dreischiffige spätromanische Basilika geweiht. In der heutigen Pfarrkirche finden sich noch Bauteile der alten Basilika, markantester Rest ist sicher das Westportal. 1382 reduzierte sich die Zahl der Kanoniker von zwölf auf acht, vier Jahre später erfolgte eine Erneuerung der Statuten. Über die Besetzung der dem Stift inkorporierten und von Kanonikern versehenen Pfarreien Altötting, Kastl und Unterneukirchen entschied der Propst. Die Pfarreien Neuötting, Alzgern, Burgkirchen a. W., Perach, Eggenfelden (1401), Hirschhorn (1401), Oberaichbach (1424) sowie Rogglfing waren ebenfalls inkorporiert und wurden von Kapitel und Dignitäten besetzt. Bis 1491 der Papst die Einführung des „Passauer Ritus“ erlaubte, orientierte sich der liturgische Dienst in Altötting am strengeren Ritus des Salzburger Domkapitels. Seit dem 16. Jahrhundert residierte der Propst des wohlhabenden Stiftes nicht mehr am Ort.

Am Ende des 15. Jahrhunderts begann der Aufstieg Altöttings zur wichtigsten Marienwallfahrt Bayerns. Die Wundertätigkeit des bereits um 1300 am Oberrhein oder in Burgund entstandenen Gnadenbildes ist seit 1489 bezeugt. Entsprechend der zunehmenden Bedeutung Altöttings als Wallfahrtsort, ging man schon 1499 daran auch die Stiftskirche den gewachsenen Bedürfnissen für die Pilgerseelsorge anzupassen. Eine größere spätgotische Hallenkirche mit drei Schiffen ersetzte die alte romanische Basilika. Baumeister war Jörg Perger aus Burghausen.

 

 

Als würdigen Ort für die expandierende Menge an Weihegaben erbaute man um 1510 nördlich des Stiftschors eine Schatzkammer. Dieser Raum wurde im Jahr 2006 anlässlich des Besuches von Papst Benedikt XVI. von der Diözese Passau in eine Anbetungskapelle umgebaut. Bis heute prunkvollstes Stück der Altöttinger Schatzkammer ist das "Goldene Rössl". Dieses Meisterwerk der Goldschmiede- und Emailkunst entstand 1404 in Paris ursprünglich als Geschenk der französischen Königin Isabella (1371-1435), einer gebürtigen Wittelsbacherin, an ihren Gemahl König Karl VI. Als Pfand gelangte das Reliquiar nach Bayern und wurde wiederum 1509 an das Stift Altötting verpfändet. Etwa zur selben Zeit unterstanden dem Scholaster der Stiftsschule bereits drei Lateinlehrer. 1571 erließ Propst Eisengrein für eine dreiklassige Elementar- und Lateinschule eine neue Studienordnung.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Bayern, Österreich und Salzburg setzten dem Stift schwer zu. 1608 war die Anzahl der Kanoniker auf drei geschrumpft. Etwa zur gleichen Zeit erhielten Kapitel und Propstei separate Mensen. Nicht von Dauer war die Pfründenerhöhung von acht auf zehn im Jahr 1627, wohl aber die zehn Jahre später an der Gnadenkapelle zur Absingung der marianischen Tagzeiten gestifteten sechs Kaplanstellen. Hofmarkspfarrer, Waldpfarrer sowie die erwähnten sechs Kapläne stiegen 1672 in den Rang von Kanonikern auf und formierten in der Folge das so genannte jüngere Stiftsgremium. Somit bestanden nunmehr 16 Präbenden, vier blieben im 18. Jahrhundert, mangels eines ausreichenden Einkommens, unbesetzt. Auf die 1676/79 errichteten neuen Chorherrenstöcke folgte zu Anfang des 18. Jahrhunderts eine neue Dechantei. Die Stiftskirche erhielt am Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Einrichtung und die Kanoniker bekamen eine violette Chorkleidung nebst Kapitelzeichen.

In der Krypta einer eigenen Kapelle im Kreuzgang des Stiftes ruhen die sterblichen Überreste des bayerischen Heerführers Johann Tzerclaes Reichsgraf von Tilly (1559 ? 1632). Der gebürtige Wallone war ein glühender Verehrer der Gnadenmutter von Altötting und wurde 1652 von seinem Sterbeort Ingolstadt überführt. Das wohl bizarrste Ausstattungsstück der Stiftskirche wurde 1634 hergestellt und findet sich bei der Kirchenpforte zum Kapellenplatz: eine hohe Schrankuhr mit dem im Sekundentakt die Sense schwingenden Figürchens des "Toud z´ Eding" [mundartlich für: "Der Tod von (Alt)Ötting"].

Weder der Furcht einflößende Sensenmann noch alle Renovierungen konnten jedoch die Aufhebung des Stiftes im Jahre 1803 verhindern.

Als Ehrenkanonikatsstift - pensionierte Pfarrer besetzen die Chorherrenstellen - ohne eigenes Vermögen durfte das Stift Altötting 1930 indes eine bescheidene Wiedergeburt feiern.

Politisch hatte das Ende des Chorherrenstifts für die Ortschaft Altötting jedoch einige Bedeutung. Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hatte Altötting den Rang einer Stiftshofmark ohne eigenständige Verwaltung. Mit der Säkularisation änderte sich dies: Altötting erlangte als einfache "Ruralgemeinde" seine erste kommunale Selbstständigkeit, wurde 1845 eine Marktgemeinde und schließlich 1898 zur Stadt erhoben.

 

(Laura Scherr / Christian Lankes)

 



 

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AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Solari, Santino/Entwurf: Marienbrunnen auf dem Kapellplatz in Altötting mit Skulptur der Maria Immaculata (dahinter: ehem. Kollegiatsstiftskirche St. Philipp/Jakob), Steinbildwerk, 1637.
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Bayer. Pressebild)

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