Würzburg, Neumünster


 

GESCHICHTE

Das Neumünsterin Würzburg ? Heiliger Kilian und Walther von der Vogelweide

Der mächtige Bau des Neumünsters inmitten von Würzburg erhebt sich an jener Stelle, wo gemäß ältester Überlieferung der hl. Kilian und seine Gefährten Kolonat und Totnan 689 ermordet worden waren.

Die Reliquien der drei Glaubenszeugen wurden im Jahr 752 zur Ehre der Altäre erhoben. An der Stätte des Martyriums entstand der erste Dom in Würzburg. Er wurde 788 geweiht und beherbergte bis zu einem Großbrand 855 die Gebeine der drei Märtyrer. Erst anschließend errichtete man den Neubau der Domkirche an der heutigen Stelle und übertrug dorthin auch die Reliquien.

Der ursprüngliche Ort des Kiliansgrabes blieb weiterhin ein religiöses Zentrum. Nach der Haustradition verlegte hierher um 1057 Bischof Adalbero die Kanonikergemeinschaft zu St. Peter, St. Paul und St. Stephan aus der Vorstadt Sand als Kollegiatstift ?Neumünster?. Es erhielt einen repräsentativen neuen Kirchenbau St. Johannes. Diese romanische Basilika verfügte über einen Ost- und einen Westchor mit zwei Querhäusern. In enger Verbindung mit der benachbarten Domkirche diente das Stift später auch als Ausbildungsstätte und stellte zahlreiche Notare für die Hofkanzlei der Stauferkönige. Der älteste auch namentlich bekannte Lehrer (?Scholaster?) im Neumünster war Richer (1136), zu seinen Nachfolgern zählte der ?Hausbuch?-Meister Michael de Leone (gest. 1355).

Das Kirchengebäude erfuhr von 1223 bis 1247 eine Umgestaltung im östlichen Teil und erhielt einen neuen achteckigen Turm. In dieser Zeit (1230) starb der berühmteste deutsche Minnesänger Walther von der Vogelweide im Neumünster. Er genoss möglicherweise eine Pfründe des Stifts und fand der Überlieferung nach sein Grab im ?Lusamgärtlein? nördlich der Kirche an der Stelle des ehemaligen Kreuzgangs.

Das Amt des Stiftspropsts war ab 1183 in Personalunion an einen Sitz im Domkapitel gebunden. Die Einkünfte des Neumünsters waren recht hoch und erlaubten so die Einrichtung zahlreicher Pfründen. Um 1500 gehörten zum Stift dreißig Kanoniker und etwa eben so viele Vikare. Diese große Anzahl von Stiftsklerikern stellte vor allem das Würzburger Bürgertum.

Zu den mittelalterlichen Kunstdenkmälern des Neumünsters zählen die Ostkrypta in den Formen des 11. und 13. Jahrhunderts, der Nordflügel des Kreuzgangs aus der Zeit um 1170 mit sechzehn Rundbogen im lombardischen Stil, eine Christus- und eine Kiliansstatue als sehr frühe Würzburger Bildhauerarbeiten, ein Christus am Kreuz aus dem 14. Jahrhundert, eine Sandsteinmadonna von Tilman Riemenschneider und das Grabmal des Abts von St. Jakob, Trithemius von Sponheim, aus der gleichen Werkstatt. Vier gotische Tafelgemälde sind in der Taufkapelle erhalten. In der Westkrypta befindet sich die Kiliansgruft mit einem frühgotischen Altar des Würzburger Bistumspatrons.

Seine heutige Form erhielt das Neumünster im 18. Jahrhundert. Während der spätromanische Ostteil der Stiftskirche bestehen blieb, ersetzte Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenclau zwischen 1711 und 1719 den Westteil durch einen Neubau. Die geschwungene Fassade, deren Freitreppe in die Straßenflucht hineinragt, ist eine der großartigsten Schöpfungen des fränkischen Barock. Der Figurenschmuck der Fassade von Jakob von der Auverazeigt Christus, Maria Himmelfahrt, Johannes Evangelist, Johannes den Täufer, Kilian, Kolonat, Totnan und Burkard. Darüber erhebt sich eine mächtige achtseitige Kuppel. Am Bau wirkten mehrere Meister, so der Italiener Valentino Pezzani, Johann Dientzenhofer und Josef Greising. Bis 1730 wurde auch der Ostteil der Kirche eingewölbt und neu ausgestattet. Die Stukkaturen stammen von Dominikus Zimmermann, die Deckengemälde von Johann Baptist Zimmermann. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde Valentin Stanislaus Neumann Dekan des Stifts ? ein Sohn des berühmten Barockbaumeisters.

Durch die Säkularisation 1803 wurde der Konvent aufgelöst; er bestand zu dieser Zeit aus dem Propst, dem Stiftsdekan, dreizehn Kapitularen mit vollem Stimmrecht, zwölf Domizellaren (Anwärter) und elf Vikaren. Obwohl St. Johannes zur Pfarrkirche bestimmt worden war, hielt die geistliche Gemeinschaft noch für viele Jahre über ihre Aufhebung hinaus das tägliche Chorgebet.

Eine enorme Wiederbelebung fand das Interesse am Neumünster in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1849 hatte man in einer Kammer des Würzburger Doms die Reliquien der Heiligen Kilian, Kolonat und Totnan wieder entdeckt, die dort bereits 1795, also noch vor der Säkularisation des Hochstifts, im Geiste der Aufklärung abgestellt worden waren. Am 8. Juli 1850, dem Tag des hl. Kilian, wurden die drei Schädelreliquiare feierlich in die Krypta von St. Johannes überführt und sie wurde erneut zum Ziel vieler Wallfahrten. Von den alten Sakralbauten Würzburgs überstand das Neumünster mit dem Kiliansgrab die Zerstörung der Stadt durch alliierte Bomber 1945 noch am glimpflichsten. 1950 waren hier die Schäden beseitigt und so diente St. Johannes bis zur Wiederherstellung des benachbarten Doms 1967 als Bischofskirche der Diözese Würzburg.

(Markus Schütz / Christian Lankes)



 

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