Wessobrunn


 

GESCHICHTE

Wessobrunn - das Dorf der Stuckatoren

Das Kloster am "Brunnen des Wezzo" zählt zu den ältesten in Bayern. Als Stifter im Jahr 753 gilt Tassilo III., der letzte Herzog aus dem Geschlecht der Agilolfinger. Der Legende nach träumte der Fürst unter der "Tassilolinde" von einer Himmelsleiter an einer kreuzförmigen Quelle. Der Jäger Wezzo führte ihn an diese Quelle, die als barockes Brunnenhaus erhalten ist. Tassilo erkannte darin einen göttlichen Auftrag und errichtete das Kloster.
Die Forschung sieht in Wessobrunn ein adliges Eigenkloster der Familie jenes Wezzo aus der Überlieferung. Sie war wohl verwandt mit den Huosi, den Stiftern von Benediktbeuern. Dieses Kloster stellte die Mönche für die Neugründung und dessen geistliche Oberaufsicht. Nach der Entmachtung Tassilos III. (788) übernahmen die Karolinger Wessobrunn. Seine verkehrsgünstige Lage machte es auch für die Ottonen als Reichskloster wertvoll. Die alte Römerstraße zog im Jahr 955 die Ungarn an. Sie zerstörten das Kloster und töteten sieben Mönche, darunter den seligen Abt Thiento. Die Kreuzbergkapelle erinnert an den Ort des Martyriums.
Spätestens seit dieser Ungarnkatastrophe unterstand Wessobrunn den Bischöfen von Augsburg als Eigenkloster. Das Bistum scheint aber über mehrere Generationen hinweg das Klostergut nur weltlich genutzt zu haben.
Erst 1065 errichtete Bischof Embriko mit Hilfe von Regensburger Benediktinern aus St. Emmeram wieder ein Kloster. Um 1080 lebte hier die Inklusin Diemut, eine berühmte Schreiberin. Wir wissen von 45 Büchern aus ihrer Hand. Sie wurde später als selig ebenso verehrt wie der Abt Waltho. Er begründete um 1130 einen regulären Frauenkonvent. Das Doppelkloster lebte gemäß der Ideale von Gorze und Hirsau. 1141 befreite sich Wessobrunn mit päpstlicher Hilfe aus der Abhängigkeit von Augsburg. Die Abtei stand damals unter dem Schutz der Welfen, später der Wittelsbacher.
1220 zwang ein verheerender Brand zum vollständigen Neuanfang. Das Nonnenkloster erlosch. Zeugnis der spätromanischen Abtei ist der wuchtige Turm "Grauer Herzog". Der "Wessobrunner Saal" im Bayerischen Nationalmuseum beeindruckt mit Sandsteinskulpturen aus der Klosterkirche. Die Pfarrkirche in Wessobrunn bewahrt ein großes Holzkreuz aus der Romanik.
Das 14. Jahrhundert gilt für Wessobrunn als eine Epoche monastischer und ökonomischer Schwäche. Zeitweilig drohte sogar eine "freundliche Übernahme" durch Zisterzienser. Indes hatte 1330 Kaiser Ludwig der Bayer dem Kloster die niedere Gerichtsbarkeit verliehen. Als Herr der Hofmark Wessobrunn und ab 1653 zusätzlich der Hofmark Iffeldorf war der Abt zugleich Prälat. Dazu besaß das Kloster eine ganze Reihe Anwesen in den Landgerichten. In Tirol gehörten Wessobrunn bis zur Säkularisation mehrere Weingüter.
Seinen Aufschwung erlebte Wessobrunn im frühen 15. Jahrhundert. Ab 1401 führten seine Äbte die Pontifikalien. Am Vorabend der Reformation war jedoch die Disziplin des Konvents völlig zerrüttet. Deshalb versetzte Herzog Albrecht IV. im Jahr 1498 alle Mönche in andere Klöster und begründete Wessobrunn mit Hilfe von Scheyern de facto neu.
Mit großem Geschick führte Abt Gregor Prugger das Kloster durch den Dreißigjährigen Krieg; er regierte von 1607 bis 1655. Seine wohlgefüllte Kasse ermöglichte den Nachfolgern sehr früh ein Bauprogramm im Stil des Barock. Bereits 1663 wurde die Abteikirche im Innern umgestaltet. 1680 begann die Arbeit am heute noch bestehenden Gäste- oder Fürstentrakt.
Mit dem 17. Jahrhundert wurde Wessobrunn für mehrere Generationen zum Ausgangspunkt der Stuckbildnerei in Bayern. Die Entwicklung zum Kunstzentrum war nicht zuletzt ein Resultat der kargen Landwirtschaft. So verschafften sich die Klosteruntertanen Verdienst im Bau- und Kunsthandwerk. Als "Wessobrunner" nennt die Kunstgeschichte die Familien der Bader, Feichtmayr, Schmutzer und Üblher, dann der Stiller, Zimmermann und Zöpf .
Die Säkularisation begann am 5. November 1802 mit der Übernahme des Klostervermögens durch den Staat. Der Klosterrichter wurde bereits als bayerischer Beamter vereidigt. Am 19. März 1803 erhielt der Konvent den Aufhebungsbeschluss. Im Kloster lebten damals der Abt, 27 Patres, ein Laienbruder und seit der Aufhebung der Bettelorden 1802 ein Franziskaner und zwei Kapuziner. Im April 1803 folgte die Versteigerung des Klosterinventars. Der Verkauf der Gebäude und Grundstücke der Abtei begann im August 1803. Es fanden sich jedoch kaum Abnehmer. 1810 wurden Kirche und große Gebäudetrakte der Abtei abgebrochen. Das Material diente zum Wiederaufbau der durch einen Großbrand zerstörten Stadt Weilheim. Wessobrunn gehörte damit zu den wenigen Klöstern, bei denen die alte Pfarrkirche erhalten blieb und die Konventkirche verschwand. Ansonsten war es meist umgekehrt.
Im Rahmen der Säkularisation kam aber ein Buch in die heutige Bayerischen Staatsbibliothek nach München, das den Namen der Abtei in der Welt der Wissenschaft für immer bewahren wird - das "Wessobrunner Gebet" als eines der ältesten Denkmäler der deutschen Sprache und zugleich des Bairischen. Den im frühen 9. Jahrhundert entstandenen Text lesen es seit 1981 alle deutschen Benediktiner im Brevier.
Die steinernen Überreste von Wessobrunn verdanken ihr Weiterleben ganz wesentlich dem bayerischen Historiker Johann Nepomuk Sepp. Er kaufte 1861 den Gästetrakt der Abtei. In ihm erneuerten 1913 Missions-Benediktinerinnen aus Tutzing das klösterliche Leben. Die Schwestern betreiben auch ein Gästehaus sowie ein Kurheim für Kinder und Jugendliche.

( Christian Lankes )



 

SUCHE

AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Ehem. Benediktinerkloster Wessobrunn, ab 1680 Neubau der Klostergebäude nach Plänen von Johann Schmuzer.
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Heck, A.)

Zum Vergrößern bitte das Bild anklicken.
Weitere Bilder anzeigen


LAGE IN BAYERN
Kartenausschnitt in Google Maps anzeigen