Vilshofen, Kollegiatstift


 

GESCHICHTE
Vilshofen – eine ritterliche Stiftung für das eigene Seelenheil

Der Ritter Heinrich Tuschl von Söldenau stiftete im Jahr 1345 in Vilshofen das Kollegiatstift St. Johannes der Täufer mit Pfründen für einen Propst und zwölf Kanoniker. Sein Sohn Schweiker vollendete das Werk seines im gleichen Jahr verstorbenen Vaters. Der romanische Bau der Pfarrkirche wurde dem Stift einverleibt und für dessen Zwecke erweitert. Um- und Ausbau im Stil der Gotik zogen sich bis ins 16. Jahrhundert hin (über dem südlichen Portal befindet sich die Jahreszahl 1513).

Zu den Pflichten des Kapitels gehörten vor allem das tägliche Gebet mit feierlichem Gesang am Grab des Stifters und die jährliche feierliche Totenmesse mit Prozession zum Stiftergrab. Das gut dotierte Stift, das neben der Pfarrei Vilshofen auch zwei Pfarreien in Österreich (Aunkirchen und Weiten bei Pöggstall) betreute, besaß das Hofmarksrecht und einen eigenen Richter. Während der Reformation verringerte sich die Zahl der Kanoniker bis auf fünf, stieg aber im Lauf des 17. Jahrhunderts wieder an. 1671 bekam der dreigeschossige spätgotische Turm mit Satteldach durch den Baumeister Christoph Zuccalli ein schlankes Oktogon mit einer großen Zwiebelhaube aufgesetzt.

Bei dem verheerenden Stadtbrand vonVilshofen im Jahr 1794 wurde fast die gesamte Altstadt und mit ihr auch die Stiftskirche eingeäschert. Weder die ehemalige Innenausstattung noch das Stiftergrab haben sich erhalten.

Die Säkularisation im Jahr 1803 bedeutete auch für das Kanonikerstift Vilshofen die Auflösung. Martin Desch aus Pfarrkirchen, ein Schüler von Francois Cuvilliés dem Jüngeren, bekam noch im selben Jahr den Auftrag, die Kirche unter Einbeziehung der spätgotischen Umfassungsmauern, Portale und Seitenkapellen mit zurückhaltenden spätbarocken und frühklassizistischen Stilmerkmalen wieder aufzubauen.

Auf Befehl von Kurfürst Maximilian IV. Joseph, dem späteren König Max I. von Bayern, wurde die prachtvolle Barockausstattung der säkularisierten Klosterkirche St. Nikola aus Passau mitsamt Chorgestühl nach Vilshofen übertragen. Aus der Klosterkirche Aldersbach stammen der Orgelprospekt, die Beichtstühle, die Turmuhr, Glocken und Paramente. Diese Umsiedlungen von Ausstattungsstücken im großen Stil sind bezeichnend für die Kunstpolitik in den ersten Jahren der Säkularisation. Die heutige Vilshofener Stadtpfarrkirche kam auf diese Weise in den Besitz von hervorragenden Werken der Rokokomaler Kaspar Sing, Carlo Carlone, der Bildhauer und Stukkatoren Egid Quirin Asam, Josef Hartmann, Josef Matthias Götz und Josef Deutschmann.

Ein spätgotisches Relief unter dem südlichen Vordach aus der Zeit um 1500 erinnert noch an das ehemalige Kollegiatstift. Es zeigt den Kirchenpatron Johannes den Täufer mit dem Wappen des Stifts, der Stadt Vilshofen und des Landes Bayern. Im ehemaligen Stiftsgebäude ist heute der Pfarrhof untergebracht.

(Christine Riedl-Valder)



 

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