Regensburg, Niedermünster


 

GESCHICHTE

Niedermünster - Die Grablege der Ottonen in Regensburg

Wenngleich Niedermünster erst 889/891 urkundlich genannt wird, so lässt sich die Geschichte der Kirche und der Stiftsgebäude an der Niedermünstergasse östlich des Doms bis in die Frühzeit von Regensburg zurückverfolgen. 
Die alte Römerstadt Castra Regina hatte sich im Lauf des 6. Jahrhunderts zur Metropole des bayerischen Stammesherzogtums der Agilolfinger entwickelt. Die Herzogspfalz nahm die Ostseite der antiken Festung ein; auch die Nordostecke des ehemaligen Legionslagers, in der das Niedermünster stand, gehörte zum herzoglichen Besitz. Der Kirche gingen römische Militärgebäude des 3. und 4. Jahrhunderts voraus. Um 700 entstand auf dem damals brach liegenden Gelände eine erste steinerne Saalkirche, bislang das früheste Zeugnis für eine Bautätigkeit der Agilolfinger dieser Zeit in Regensburg. 
Möglicherweise war das spätere Niedermünster die erste Bischofskirche der Stadt, da die frühen Bischöfe bis 739 am Herzogshof wirkten. Der Sakralbau ist auf jeden Fall als Eigenkirche der agilolfingischen Herrscherfamilie anzusehen. Hier wurde um 700 Bischof Erhard beigesetzt. 
Mit dem im späten 8. Jahrhundert errichteten Nachfolgerbau erscheint erstmals eine Stiftskirche. Als Gründer des Stifts ist wohl Herzog Tassilo III. ( reg. 748-788) anzusehen. Ob es sich zunächst um ein Kanoniker- oder Kanonissenstift handelte, ist unbekannt, doch zählt es zu den ältesten geistlichen Gemeinschaften Bayerns. In Regensburg geht ihm zeitlich nur St. Emmeram voraus. In einer Tauschurkunde von 889/891 erscheint mit Hiltigard die erste namentlich bekannte Stiftsdame des "inferioris monasterii", des "unteren Klosters" oder Niedermünster.
Die bis dahin zu vermutende Beziehung zum Herzogshaus wird in der nachfolgenden Phase eindeutig fassbar. Die Geschichte des dritten Kirchenbaus an dieser Stelle umreißt zugleich die Zeit der größten Blüte von Niedermünster, das sich nun zu einem der bedeutendsten Damenstifte Deutschlands entwickelte. Der Bauherr, Herzog Heinrich I. (948-955), der Bruder König Ottos I., legte den Grund für die ein halbes Jahrhundert währende enge Beziehung des Stifts zum sächsischen Königshaus der Ottonen. Um 950 ließ er eine Pfeilerbasilika errichten, die fast schon die Dimensionen des heutigen Kirchenbaus erreichte. Das Herzogspaar stattete das Stift mit reichem Besitz aus und erwählte die Kirche zur Grablege. Die Herzoginwitwe Judith nahm 973/74 den Schleier und fand 987 ihre letzte Ruhestätte neben ihrem Gemahl vor den Stufen des Hochaltars. Sie gilt als die eigentliche Stifterin. 
Noch drei weitere Mitglieder des ottonischen Herzogshauses, unter ihnen Gisela, die Frau Herzog Heinrichs II., ließen sich hier beisetzen. Heinrich, genannt "der Zänker", unterstützte Bischof Wolfgang von Regensburg in seinem Bemühen, dem geistlichen Leben des Stiftes durch die Einführung der Regel des hl. Benedikt eine neue Grundlage zu geben.
Der Sohn des "Zänkers", König Heinrich II., gewährte nach seiner Königswahl am 20. November 1002 dem Stift Königsschutz, Reichsfreiheit und freie Wahl von Äbtissin und Vogt. Zeugnisse der geistlichen und kulturellen Hochblüte jener Zeit sind Werke, die dem Niedermünster einen dauerhaften Platz in der Kunstgeschichte gesichert haben: das um 990 entstandene Regelbuch, das Uta-Evangelistar (um 1025) mit seinem getriebenen Goldkasten (Bayerische Staatsbibliothek München clm 13601) und das prachtvolle Kreuz, das Königin Gisela, die Schwester Heinrichs II. und Frau König Stephans von Ungarn, für das Grab ihrer 1006 verstorbenen und im Niedermünster beigesetzten Mutter, Herzogin Gisela von Bayern, in Auftrag gegeben hatte. Sie alle entstanden wohl in Regensburg, das zu diesem Zeitpunkt eine einzigartige Blüte der Kunst und Bildung erlebte, an der auch Niedermünster seinen Anteil hatte.
Der König und spätere Kaiser Heinrich II. der Heilige bevorzugte schon bald seine Gründung Bamberg. Damit endete zunächst die lange Präsenz der bayerischen Herzöge in Regensburg, die in dieser Form nicht mehr wiedererstehen sollte. Den Plan seines Großvaters einer Familien- und Königsgrablege im Niedermünster gab Heinrich II. zugunsten des Bamberger Doms auf.
Ein letzter Höhepunkt der Geschichte des Stifts im hohen Mittelalter war die offizielle Heiligsprechung Bischof Erhards 1052 durch Papst Leo IX. in Anwesenheit Kaiser Heinrichs III. zugleich mit der Kanonisation Bischof Wolfgangs in St. Emmeram. 
Die Entwicklung verlief nun für ein Dreivierteljahrtausend in den ruhigen und beschaulichen Bahnen eines unter königlichem Schutz stehenden wohlhabenden und vom Regensburger Bischof unabhängigen Damenstifts. Nur 1215 drohte der Reichsfreiheit Gefahr, als der dem Stift nicht unbedingt wohlgesonnene Kaiser Friedrich II. mit dem Regensburger Bischof Konrad IV. Ober- und Niedermünster gegen die bischöflichen Orte Öhringen und Nördlingen auszutauschen versuchte. Die beiden Damenstifte scheinen dem Bischof beim Versuch seiner Machtentfaltung in Regensburg ein Dorn im Auge gewesen zu sein. Doch gelang der Äbtissin Tuta 1216 auf dem Würzburger Reichstag erfolgreich die Rückgängigmachung des Tauschgeschäfts.
Die adligen Äbtissinnen von Niedermünster waren als Fürstinnen zur Teilnahme an den Reichsversammlungen berechtigt. Die Reichsmatrikel von 1521 verzeichnet sie auf Platz 69 von 90 auf der "Prälatenbank" des Reichstags. Tatkräftig sorgten sie im 17. und 18. Jahrhundert für den Neubau der Klostergebäude. Die Kirche wurde hingegen nur in bescheidenem Umfang modernisiert, der weit hinter dem zurückblieb, was sich andere Klöster und Stifte in dieser Zeit leisteten.
Im Zuge der Säkularisation wurde das Stift 1803 aufgelöst. Als Säkularisationsgut kamen 1810 die hervorragendsten Kunstwerke nach München. Die ehemalige Stiftskirche trat 1821 in die Nachfolge von St. Ulrich als Dompfarrkirche. Die früheren Stiftsgebäude dienen seitdem als Sitz der Bischofsresidenz und des Bischöflichen Ordinariats.

( Peter Morsbach )



 

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AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Herzogin Judith (?), Steinbildwerk/Kalkstein, um 1300, Regensburg, ehem. Damenstiftskirche Niederstift.
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Voithenberg, G.)

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