Polling


 

GESCHICHTE

Polling - Wallfahrtsort und Hort der Wissenschaft

 

Das spätere Stift Polling wurde im 8. Jahrhundert (um 753) als Benediktinerkloster gegründet. Der Mönch und Chronist Gottschalk (11. Jahrhundert) bezeichnet Polling als Gründung des Geschlechtes der Huosi. Die erst im 15. Jahrhundert entstandene Gründungslegende um den bayerischen Herzog Tassilo III. von Bayern ist jedoch bis heute lebendig: Danach befand sich der Agilolfinger auf der Jagd, als ein Reh oder eine Hirschkuh plötzlich stehen blieb und am Boden scharrte. Dort entdeckte man drei Kreuze und weitere Schätze. Tassilo sah darin die Aufforderung, hier ein Kloster zu errichten.

Die erste klösterliche Gemeinschaft fiel den Säkularisationen Herzog Arnulfs im 10. Jahrhundert weitgehend zum Opfer; lediglich die Seelsorge wurde aufrecht erhalten bis zur vollständigen Zerstörung in den Feldzügen der Ungarn. Als man 1002 die sterblichen Überreste Kaiser Ottos III. von Italien nach Deutschland überführte, erwartete sein Nachfolger auf dem deutschen und römischen Thron, der bayerische Herzog Heinrich IV. (ab 1014 Kaiser Heinrich II.), den Leichenzug in Polling. Wenige Jahre später (1010) ließ Heinrich II. dort ein Kollegiatstift errichten. Seit etwa 1160 lebten auch Regularkanonissen in Polling. Um 1300 löste sich diese Gemeinschaft jedoch auf; die Chorfrauen wechselten nach Annahme der Benediktinerregel nach Benediktbeuren.

Zu Beginn des 12. Jahrhunderts wurde das Kollegiatstift, vermutlich unter dem Einfluss des Reformklosters Rottenbuch, in ein Augustinerchorherrenstift umgewandelt. Zu diesem Anlass erhielt die Gemeinschaft eine neue Kirche, 1136 erfolgte ihre päpstliche Bestätigung, 1160 weihte der Bischof von Brixen das Gotteshaus ein. Bereits zu dieser frühen Zeit besaß das Stift eine angesehene Schule, aus der unter anderem der Reformer, Kirchenpolitiker und spätere Propst Gerhoh von Reichersberg (1093-1169) hervorging.

Als im 13. Jahrhundert zum Heiligen Kreuz von Polling eine rege Wallfahrt einsetzte, wurde die Stiftskirche St. Salvator und Hl. Kreuz an die heutige Stelle verlegt (geweiht 1298). Nach einem Brand zwischen 1416 und 1420 wurde sie als gotische Hallenkirche wieder errichtet. Das verehrte Kreuz, das sich heute im Hochaltar befindet, ist mit einem bemaltem Pergament ummantelt, das aus der Haut eines zwischen 1033 und 1230 getöteten Tieres stammt und um 1235 bemalt wurde. Die Rückseite des Kreuzes, zwei Fichtenholzbretter, datieren in die Zeit zwischen 884 und 1018.

Eine erste Blütezeit verzeichnete das Stift Polling unter Propst Johannes Zinngießer (reg. 1499-1523) im frühen 16. Jahrhundert. Er veranlasste den Bau des Refektoriums, der Bibliothek und der Präfektur, die Kirche machte er zu einem Prachttempel spätgotischer Kunst. Das wertvollste Denkmal der Kirche ist noch heute eine von Hans Leinberger geschnitzte Madonna (dat. 1526). In der Zeit der Konfessionalisierung war Polling Aufenthaltsort mehrerer Gelehrter der Gegenreformation, unter ihnen wiederholt auch Johannes Eck.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts ist für kurze Zeit ein gewisser Verfall des Stifts zu beobachten. Von 1621 bis 1628 wurde die Kirche als erste gotische Kirche Oberbayerns unter der Federführung des Wessobrunners Jörg Schmuzer im Renaissancestil umgestaltet und erweitert. Der Turm allerdings blieb unvollendet. Das mittlerweile über die nähere Umgebung hinaus berühmte Stift erhielt 1689 die Pontifikalien.

Im 18. Jahrhundert erlebte Polling seine dritte und letzte große Blüte: Es entwickelte sich zu einem Zentrum der katholischen Aufklärung in Bayern. Bereits 1708 erfolgte der Anschluss an die Lateran-Kongregation, ab 1714 der Neubau des Klosters, 1721 der Ausbau des Klosterseminars zu einer Lehranstalt nach dem Lehrplan der Jesuitengymnasien. Bedeutendster Lehrer am Seminar war Eusebius Amort (1692-1775), der als einer der wichtigsten Träger der süddeutschen Aufklärungs- und Akademiebewegung gilt. Er gab die erste wissenschaftliche Zeitschrift Bayerns (Parnassus Boicus) mit Beiträgen zu Chemie, Meteorologie, Geschichte, Physik, Astronomie und Grammatik heraus. Mit Papst Benedikt XIV. und anderen Gelehrten und Kardinälen stand er in regem Briefwechsel. 1759 wählte man Amort zum Gründungsmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Von seinen über 70 handschriftlichen Werken befinden sich heute viele in der Bayerischen Staatsbibliothek.

Amorts Schüler, Propst Franz Töpsl (reg. 1744-1796), prägte das Stift aufgrund seiner langen Regierungszeit maßgeblich. Er legte großen Wert auf eine umfassende Ausbildung der Chorherren. In seiner Amtszeit wurde die Stiftskirche im Rokokostil umgestaltet (1761-1766). Der umfangreiche Ausbau der Bibliothek mit einem prachtvollen Bibliothekssaal - mit 80 000 Bänden die zweitgrößte in Bayern -, der Bau einer Sternwarte und die Errichtung eines physikalischen, mathematischen und astronomischen Kabinetts zeigen den typischen aufgeklärten Prälaten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Über den Portal der Pollinger Kirche wurde - wohl zur Zeit Töpsls - die viel zitierte berühmte Inschrift "Liberalitas Bavarica" angebracht, über deren Interpretation bis heute trefflich philosophiert werden kann. Ab 1774 war Propst Töpsl außerdem Landschaftsverordneter des Prälatenstandes und wurde 1781 Generalschuldirektor. In dieser Funktion gelang es ihm, einen unter Kurfürst Karl Theodor im Zusammenhang mit der Gründung des Malteserordens entstandenen Plan zur Säkularisations der ständischen Klöster und Stifte zu vereiteln.

In Polling vernichtete die Säkularisation von 1803 eine blühende Gemeinschaft. Die wertvollsten Bücher kamen nach München in die Hofbibliothek, Teile auch an die Universität nach Landshut, ein Großteil ereilte jedoch das Schicksal der Makulatur. Die Klostergebäude wurden 1803 verkauft, die Stiftskirche blieb Pfarrkirche. Die neuen Eigentümer, die Gebrüder Mayer aus Aarau, ließen den östlichen Konventflügel abreißen und richteten im Prälaturstock eine Seidenfabrik ein, die allerdings nur wenige Jahre überdauerte. Die Schweizer Besitzer bewirtschafteten vierzig Jahre Lang das Klostergut Polling als Mustergut. Die Klostergebäude standen fast 90 Jahre lang leer, auch nachdem Michael Schweighart das Klostergut zusammen mit den Stiftsgebäuden 1877 kaufte.

1892 erwarb das Dominikanerinnenkloster St. Ursula in Donauwörth die dem Verfall preisgegebenen Hauptgebäude mit 30 Tagwerk Grund, renovierte sie mit großem Aufwand und richtete ein Filialkloster ein. Ein Jahr nach dem Einzug der ersten acht Ordensschwestern eröffnete das Erziehungsinstitut für Mädchen seine Pforten, 1902 eine Kinderbewahranstalt, 1904 eine Hauswirtschaftsschule und ab etwa 1913 eine Mädchenrealschule. Hauswirtschafts- und Realschule wurden 1941 von den Nationalsozialisten geschlossen. Die Gebäude wurden beschlagnahmt, um sie im Rahmen der Kinderlandverschickung zu nutzen und eine nationalsozialistische Lehrerinnenbildungsanstalt einzurichten. In den letzten Kriegstagen beherbergten die Konventgebäude ein Lazarett und in der Nachkriegszeit (bis 1952) Unterkünfte für bis zu 400 ungarische Flüchtlinge.

Nach dem Krieg kamen die Dominikanerinnen zurück, richteten ihre Gebäude wieder her und nahmen im Oktober 1946 erneut den Schulbetrieb auf. Nach einer Blütezeit in den 1950er- und 1960er-Jahren mussten die Schulen jedoch 1972 schließen. Die Klosterfrauen bauten die Unterrichtsräume zu einem Kinderkurheim um, aber auch dieses wurde 1987 aufgegeben. Heute nutzt die Diözese Augsburg das ehemalige Stift als Bildungshaus. Seit 2001 befinden sich im ehemaligen Pollinger Stift zudem ein Hospiz mit Sterbebegleitung? sowie die Kinderhilfe im Landkreis Weilheim-Schongau?. Der zwischen 1972 und 1975 renovierte und um eine Treppe erweiterte Bibliothekssaal wird von internationalen Künstlern als Konzertsaal genutzt und ist ein Zentrum des kulturellen Lebens im Landkreis. 1983 eröffnete in den ehemaligen Konventgebäuden das Heimatmuseum. Seit 2003 wird zudem der sog. Fischerbau,  das nach seinem Architekten Johann Michael Fischer benannte ehemalige Kühlhaus der Stiftsbrauerei, als Ausstellungsgebäude genutzt.  

 

Angelika Schuster-Fox



 

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AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Ehem. Augustiner-Chorherrenstift Polling, Kirchturm, unterer Teil 1605 v. Hans Krumpper; achteckiger Aufsatz v. 1821.
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Heck, A.)

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