Passau, St. Nikolaus (St. Nikola)


 

GESCHICHTE

Stift St. Nikola ? Keimzelle des Augustinerchorherrenordens in Bayern

St. Nikola wurde zwischen 1067 und 1073 als Doppelkommunität für Kleriker und Stiftsdamen von Bischof Altmann vor den Toren der Stadt Passau gegründet. Als erstes bayerisches Stift wurde St. Nikola mit regulierten Kanonikern besetzt und reich mit Gütern, Einkünften und Rechten ausgestattet. Der genaue Zeitpunkt der Gründung ist ungewiss, denn eine aufdas Jahr 1067 datierte Urkunde ist nachweislich gefälscht. Bereits 1074 erhielt St. Nikola aber die kaiserliche, 1075 die päpstliche Bestätigung und wurde auf Grundlage der ?Libertas Romana? dem Heiligen Stuhl unmittelbar unterstellt.

Anlass zur Stiftsgründung war die von Bischof Altmann in der Passauer Diözese durchgeführte Kanoniker- und Kirchenreform, die den verweltlichten Klerus zum Ideal apostolischer Armut in der Nachfolge Christi zurückführen wollte. St. Nikola wurde zum Ausgangspunkt der Erneuerung des Priesterstandes in der Diözese und darüber hinaus. So gründeten Chorherren von St. Nikola das im Bistum Freising gelegene Stift Rottenbuch, das sich später als Zentrum der kanonischen Bewegung in Bayern etablierte. Dorthin flohen die Passauer Chorherren und Bischof Altmann 1078 während des Investiturstreits zwischen Papst Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV. Erst um 1100 unter Bischof Ulrich wurde St. Nikola wieder besetzt und blühte seither bis zum Ende des Mittelalters. Das Frauenstift wurde nach der Zeit der Vertreibung dagegen nicht wieder belebt.

Da die Chorherren vorwiegend priesterliche und seelsorgerische Aufgaben übernahmen, wurden im 12. Jahrhundert dem Stift nicht nur Kirchen, sondern auch zahlreiche Pfarreien in Bayern und Österreich inkorporiert wie St. Jakob in Passau, Aidenbach, Alburg, Hartkirchen mit Mittich und Pocking sowie Alkofen, Grieskirchen, Pollham, Roitham, Wimsbach und Münichsreith mit Ostrong.

Mit dem Bau der Passauer Stadtmauer 1209 wurde das Stift von der Stadt ausgeschlossen. Seither führte es ein wirtschaftlich und kulturell unabhängiges Dasein. Vor diesem Hintergrund gelang es 1230 den Wittelsbachern, St. Nikola ihrer Landeshoheit zu unterstellen. Später übten sie auch die Vogteirechte über das Stift aus. Die Passauer Bischöfe versuchten in jahrhunderte langen Prozessen die Oberhoheit zurückzuerlangen, mussten aber trotz ihres juristischen Erfolgs vor dem kaiserlichen Reichskammergericht im 16. Jahrhundert die faktische Übermacht der Wittelsbacher anerkennen.

Das Stift St. Nikola erlebte viele Rückschläge. Durch ein schweres Erdbeben im Jahr 1348 wurden Klostergebäude und Kirche zerstört, nur die romanische Krypta, der älteste Kirchenbau Passaus, blieb erhalten. Die auf dem alten Grundriss erbaute gotische Hallenkirche stand bis ins 17. Jahrhundert. In der Reformationszeit traten mehrere Chorherren aus dem Stift aus und schlossen sich der neuen Lehre an. Wie vielerorts war auch der Fortbestand St. Nikolas fraglich. Aber die verringerte Mitgliederzahl konnte im 17. Jahrhundert wieder ausgeglichen werden, sodass am Ende des Dreißigjährigen Krieges 29 Kanoniker in St. Nikola lebten.

Im 17. und 18. Jahrhundert erlebte das Stift eine neue Blüte. Propst Claudius Aichel (reg. 1666?1683) wurde das Recht zum Gebrauch der Pontifikalien verliehen. Unter ihm und seinem Nachfolger Eustach Hauser (1683?1689) wurde mit dem Bau der barocken Klosteranlage begonnen, der unter Joseph Anton Griesmüller (1712?1741) fertig gestellt wurde. Als Architekt gilt der 1708 in St. Nikola verstorbene italienische Baumeister Antonio Carlone. Nach vierjähriger Bauzeit wurde 1716 auch die von dem Linzer Baumeister Johann Michael Prunner entworfene und von dem Passauer Maler Pawagner mit einem Freskenzyklus über Leben und Legende des Kirchenpatrons St. Nikolaus ausgeschmückte Barockkirche eingeweiht. Neben der Seelsorge widmeten sich die Kanoniker den Wissenschaften und unterhielten eine umfangreiche Bibliothek. Die Zahl der Mitglieder stieg kontinuierlich an. Zum Zeitpunkt der Säkularisation lebten 40 Chorherren im Stift.

1803 wurde das Stift St. Nikola aufgehoben. Bücher und Preziosen wurden nach München abtransportiert, Altäre aus der Stiftskirche entfernt und das Gotteshaus profaniert. Da für die Klostergebäude kein Käufer gefunden werden konnte, verblieben sie im Staatseigentum. 1806 entstand in der ehemaligen Klosteranlage ein Militärhospital; 1809 wurde eine Kaserne eingerichtet, die bis 1945 militärisch genutzt wurde.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fanden die ehemaligen Stiftsgebäude Verwendung als Flüchtlingslager, das von Deutschordensschwestern aus den Sudetengebieten betreut wurde. 1953 erwarben die Schwestern zwei Gebäudeflügel und errichteten ein Mutterhaus. 1959 konnte die Kirche wieder hergestellt werden. Heute unterhalten die Deutschordensschwestern in St. Nikola ein Alten- und Pflegeheim, einen Kindergarten und eine Fachakademie für Sozialpädagogik. Außerdem gehören Teile des ehemaligen Klosterkomplexes zur Universität Passau.

Stephanie Haberer



 

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AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Bildnis eines Stiftspropstes von St. Nikola in Passau (Augustiner-Chorherrenst.), Gemälde, um 1780, Passau, Oberhausmuseum.
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Voithenberg, G.)

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