Passau, Kapuzinerkloster


 

GESCHICHTE

Die Prediger und Sänger der Wallfahrtsstätte Maria-Hilf

Der Passauer Domdekan Freiherr Marquard von Schwendi (Regierungszeit 1574?1634) war ein besonders tatkräftiger Verfechter der katholischen Reform. Durch seine Initiative erfolgte 1616 die Gründung eines Klosters der Kapuziner in der Passauer Innstadt. Dieser Orden war im frühen 16. Jahrhundert in Italien aus einer Reformbewegung innerhalb der Franziskaner hervorgegangen und trug ab dieser Zeit wesentlich zur katholischen Erneuerung bei. Zusammen mit den Jesuiten, die von dem Passauer Fürstbischof, Erzherzog Leopold von Österreich (Amtszeit 1598?1625), schon 1612 in die Stadt berufen wurden, machten sie Passau in der Folgezeit zu einem Zentrum der katholischen Reform. Domdekan von Schwendi befand sich im Besitz eines Gemäldes der Muttergottes mit Kind, das nach einem Werk von Lucas Cranach angefertigt worden war, und nach einigen Gebetserhörungen wachsende Verehrung bei den Gläubigen genoss. Schwendi förderte die Verehrung dieses Bildes mit dem Bau einer prächtigen Kirche auf einem Hügel über der Innstadt. Nach Fertigstellung des Gotteshauses im Jahr 1627 setzte eine rege Wallfahrt zur ?Mariahilf? ein. Noch im gleichen Jahr wurde die Mariahilf-Bruderschaft gegründet, ein Heilbrunnen gebaut und die Wallfahrtsstiege errichtet. 1630 errichtete man neben der Pilgerstätte ein Kapuzinerhospiz und vertraute den Patres die Seelsorge für die Pilger an. Durch das Wirken der Kapuziner an dieser Gnadenstätte entwickelte sich Mariahilf zu einer der beliebtesten katholischen Pilgerstätten Mittel- und Südosteuropas im 17. und 18. Jahrhundert. Dabei stand nicht allein das spezielle wundertätige Gnadenbild, sondern auch die bittende Hinwendung zur Gottesmutter im Mittelpunkt. Dementsprechend entwickelten sich in der Folge viele hundert Tochterwallfahrten, z. B. in Amberg (1634), Innsbruck (1650) und Wien (1660). Vor allem das Habsburger Kaiserhaus förderte die Marienverehrung.

Im Passauer Kapuzinerkloster lebte und arbeitete Prokop von Templin (1608?1680). Der Schriftsteller und geistliche Liederdichter wurde als ?Sänger von Maria-Hilf? berühmt und hinterließ rund 600 geistliche Lieder ? vor allem Marienlieder ?, sechs Bände Schriften und 33 Bände Predigten für das ganze Kirchenjahr. Mit seiner Volkstümlichkeit und der theologischen Fundierung seiner Predigten und Dichtungen gilt der Passauer Kapuziner als Vorläufer des wohl berühmtesten Bußpredigers Abraham a Sancta Clara. Die Veröffentlichung der Lieder und geistlichen Betrachtungen in Büchern unter den Titeln ?Mariae Hülff Ehren-Kräntzel? (Passau 1642) oder ?Hertzen-Freud und Seelen-Trost? (Passau 1659) trug sehr zum Bekanntheitsgrad der Wallfahrt bei.

Im Jahr 1662 erlebte Prokop von Templin den großen Stadtbrand in Passau mit, bei dem auch das Kapuzinerkloster schwer beschädigt wurde. Mit großzügiger Unterstützung von Graf Georg von Sinzendorf, dem Besitzer der Grafschaft Neuburg am Inn, dessen Frau 1660 in der Kapuzinerkirche ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte, konnten Kloster und Kirche in der Innstadt bis 1668 neu errichtet werden. Die Pilgerstätte wurde 1676 wieder instand gesetzt und erhielt in den Folgejahren eine neue Ausstattung. Unter anderem stiftete Kaiser Leopold I. anlässlich seiner Eheschließung mit der Wittelsbacher Pfalzgräfin Eleonore zu Passau im Jahr 1676 für die Mariahilfkirche die so genannte Kaiserampel, eine wertvolle Goldschmiedearbeit des Augsburgers Lukas Lang. Als am 12. September 1683 die christlichen Truppen vor Wien mit dem Schlachtruf ?Mariahilf? den Türken gegenübertraten und diese letztendlich geschlagen wurden, bestimmte Papst Innozenz XI. diesen Tag zum Fest Mariä Namen, weil Marias Hilfe der Sieg zugeschrieben wurde. Damit hatte die Verehrung der ?Mariahilf? einen Höhepunkt erreicht. Der Zustrom der Wallfahrer hielt im 18. Jahrhundert unvermindert an.

Erst mit der Zerschlagung der Diözese Passau im Jahr 1783 und dem damit verbunden Verbot aller österreichischen Prozessionen nach Mariahilf setzte der Niedergang ein. Das Passauer Kapuzinerkloster gehörte bis zur Auflösung der Diözese zur österreichischen Provinz. 1786 wurde auf Betreiben des Passauer Fürstbischofs ein bayerischer Pater als Domprediger in Passau aufgestellt, weil die Österreicher diese Prädikatur nicht mehr versehen durften; aber der Bayer konnte sich wegen politischer Abneigung der Passauer gegen die Bayern nicht lange halten. 1788 erklärte Kardinal von Auersberg das Passauer Kapuzinerkloster für selbstständig. Eine 1798 beabsichtigte Vereinigung mit der bayerischen Provinz musste wegen Mangel an Kräften von bayerischer Seite abgelehnt werden. So blieb das Kloster ganz losgelöst von jedem Verband. 1803 brachte die Säkularisation sowohl die Auflösung der Kapuzinerklöster in der Innstadt und am Mariahilfberg als auch das weitgehende Erliegen der Wallfahrt. Im Innstadtkloster lebten damals noch vier Patres und vier Brüder; auf dem Hospiz Mariahilf vier Patres. Nur drei von ihnen wechselten in ein Zentralkloster des Ordens, alle anderen wanderten aus. Die Klosterkirche in der Innstadt wurde 1810 abgebrochen. Auf dem Gelände hat man die Innstadtbrauerei errichtet. Im Zuge der Restauration musste die Obrigkeit aber bald darauf wieder Wallfahrtszüge auf den Mariahilfberg zulassen. Bischof Karl Joseph von Riccabona (1826?1839) sorgte für die Reorganisation der Diözese nach der Säkularisation und belebte die Wallfahrt neu. 1831 wurde ein Wallfahrtspriesterkonvikt errichtet. Jeder neu geweihte Priester der Diözese Passau wirkte in der Folgezeit hier einige Jahre als Wallfahrtsbeichtvater, bevor er auf einen Seelsorgeposten berufen wurde. Bischof Heinrich von Hofstätter (1839?1875) ließ Bau- und Renovierungsmaßnahmen an der Wallfahrt vornehmen. Spätestens seit 1852 wurde in Passau jährlich eine Karwochenmission veranstaltet. Es handelte sich um zehntägige Volksexerzitien, bei denen jedes Mal sechs Redemptoristen und sechs Kapuziner zu bestimmten Themen öffentlich predigten. 1855 fand die erste Maiandacht statt. Unter Bischof Michael von Rampf (Amtszeit 1889?1901) wurden die Kapuziner wiederum in Passau heimisch. Am 24. September 1890 hat man ihnen erneut die Wallfahrtsbetreuung von Maria Hilf feierlich übertragen. Auf Betreiben des Guardians P. Otto erhielt die Kirche 1896 einen Kreuzweg. 1898 wurde eine Rosenkranzbruderschaft eingeführt. Der Zulauf vermehrte sich damals immens; um die Jahrhundertwende lag die Zahl der jährlichen Kommunikanten bei 75000. Als äußerst humorvoller und geistreicher Prediger war in jenen Jahren bei den Wallfahrern Pater Severin Bretzel aus Regen bekannt und beliebt. Neben der Seelsorge und den Gottesdiensten in der Wallfahrtskirche stellten die Patres auch den Beichtvater für die Englischen Fräulein in Kloster Niedernberg, für die Passauer Domschüler und Seminaristen und beteiligten sich an Volksmissionen und Exerzitien. 1902 meldete der Annalist, dass die Vergrößerung des Wallfahrtskirchleins in Passau ?ein schreiendes Bedürfnis? sei.

Mit zahlreichen neuen Angeboten haben die Kapuziner im 20. Jahrhundert die Attraktivität der Pilgerstätte erhalten. Nicht zuletzt als ?Hochzeitskirche? ist Mariahilf beliebt geworden. Nachwuchsmangel führte jedoch dazu, dass die Bayerische Kapuziner-Provinz die Niederlassung im Jahr 2002 aufgeben musste. Im Herbst 2004 übernahm der Paulinerorden als Nachfolger der Kapuziner die Betreuung der Passauer Pilgerstätte.

Christine Riedl-Valder



 

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