Neunkirchen am Brand


 

GESCHICHTE

Neunkirchen am Brand ? Abglanz einstiger Stiftsherrlichkeit

Neunkirchen am Brand, bereits im 9. Jahrhundert von Forchheim aus gegründet, ist eine der ältesten Pfarreien Oberfrankens. Der Name soll sich von den neun Kirchen her ableiten, die zu ihr gehörten. St. Michael zu Neunkirchen, mit seinem überaus reichen Schatz an Bildwerken, wurde im Jahr 1313 zur Kirche eines neuen Stifts der Augustiner-Chorherren bestimmt. Diese Klerikergemeinschaft widmete sich ganz besonders der Seelsorge und der feierlichen Gestaltung der Gottesdienste. Maßgeblich an der Gründung des Stifts Neunkirchen beteiligt waren zwei Bamberger Persönlichkeiten: Bischof Wulfing von Stubenberg, der erste Dominikaner auf dem Bischofsstuhl von Bamberg, und der Domherr Leopold von Hirschberg, aus südfränkischer Adelsfamilie stammend als Vorsteher der bedeutenden Schule am Kollegiatstift St. Gangolf. Das neue Chorherrenstift, das dem Erzengel Michael geweiht wurde, unterstand allein dem Bischof. Es erhielt alle Güter und Einkünfte der großen Pfarrei, in der sich der vormalige Inhaber Leopold von Hirschberg durch seine Vikare hatte vertreten lassen. Jetzt übernahmen die Augustiner sämtliche priesterliche Aufgaben. Acht Priester und sechs Scholaren bildeten den Konvent. Der erste Propst des Neunkirchener Stifts kam aus St. Mang in Stadtamhof bei Regensburg. Die Schutzvogtei lag zunächst bei den Edlen von Gottsmann.

Zu den größten Wohltätern der neuen Gründung gehörten die Nürnberger Burggrafen Johann und Friedrich von Hohenzollern. Unter anderem räumten sie den Chorherren das Recht ein, unentgeltlich und ?auf ewige Zeiten? im Wald bei Nürnberg ihr Bau- und Brennholz zu schlagen. Weitere namhafte Stiftungen und Schenkungen ? einen Hinweis darauf bieten die zahlreichen Grabdenkmäler von Adelsgeschlechtern der Fränkischen Schweiz und des Nürnberger Patriziats in der Michaelskirche ? sorgten mit für eine stabile wirtschaftliche Grundlage, die sich auch bald in einer intensiven Bautätigkeit äußerte. 1368 wurde mit dem Bau des Kreuzgangs und des Kapitelhauses begonnen. Der Chor der Stiftskirche wurde neu erbaut, das Langhaus der Kirche erweitert und ein Seitenschiff angefügt. 1437 kam noch die Marienkapelle dazu. Um den Besitz zu sichern, errichteten Stift und Markt Neunkirchen im späten 15. Jahrhundert einen massiven Mauerring mit vier Toren. Einen Beweis für die wirtschaftliche Stärke des Chorherrenstifts St. Michael lieferte auch der Neunkirchner Hof, die Nürnberger Dependance des Stifts an der Tetzelgasse im Egidienviertel. Wenn der Propst in die Reichsstadt kam, was oft der Fall war, hatte er in dem vierstöckigen Gebäude 18 Zimmer zu seiner Verfügung.

Im ersten Jahrhundert seines Bestehens ging von dem Stift St. Michael eine große Strahlkraft aus. Die Chorherren galten als Vorbilder an christlicher Lebensführung. Dieser Umstand sorgte dafür, dass sich 1379 die Klausnerinnen von Pillenreuth unter die geistliche Leitung des Stifts stellten und die Augustinerregel übernahmen. Seit 1390 setzte man sich in St. Michael mit den Reformbestrebungen innerhalb des Ordens auseinander. 1404 wurden schließlich die Raunitzer Statuten eingeführt, die das Armutsideal und die klösterliche Disziplin stärkten. In der Folgezeit vermittelte das Stift die Reformideen auch an andere Klöster. 1409 wurde die letzte Neugründung der Augustinerchorherren im heutigen Bayern, das Stift Langenzenn, von Neunkirchen aus besiedelt. Das bei Dachau gelegene Stift Indersdorf schickte ab 1413 seine Novizen zur Ausbildung nach St. Michael und reformierte seinerseits viele weitere Stifte.

Die Reformation Luthers führte zur Auflösung von St. Michael, obwohl es direkter bischöflicher Kontrolle unterstand. Aber auch in Neunkirchen hielt man die mönchische Lebensweise für überholt. Ein wichtiges Ereignis in diesem Prozess war der Bauernkrieg von 1525, der das Stift schwer schädigte. Viele Angehörige des Konvents kehrten daraufhin dem Stift den Rücken, ließen sich auf stiftseigenen Höfen nieder, übernahmen Neunkirchener Tochterpfarreien oder gründeten Familien. Im Winter 1551 nahmen die letzten Konventualen ihren Abschied von Neunkirchen und zogen in das große Stadthaus zu Nürnberg. In jener Zeit hielt gerade Philipp Melanchthon Ende Januar 1552 in der Egidienkirche seine berühmte Reihe von dreißig Predigten. Die letzten Chorherren aus Neunkirchen bekannten sich daraufhin zur neuen Lehre und wurden lutherische Pfarrer.

Nach einem Brand im verwaisten Stiftsgebäude 1553 und dem Tod des letzten Propstes Augustin Kraus (reg. 1546?1555) zog die fürstbischöfliche Hofkammer zu Bamberg das Stift ein. Ein Verwalter kümmerte sich in der Folgezeit um die Güter. Ab 1691 wurde der Besitz von St. Michael zum Unterhalt des Priesterseminars in Bamberg verwendet. 1802 fiel Neunkirchen mit dem Hochstift Bamberg an Bayern.

Heute ist vieles der einstigen Stiftsherrlichkeit vergangen. Der Kreuzgang, Speisesaal, Schlafsaal, die Küche, der Zehnthof, die Klosterspeicher, die Mühle und andere Wirtschaftsgebäude sowie das Palais des Propstes wurden zerstört. Den Ostflügel der Klostergebäude hat man 1702 zum Pfarrhaus umgebaut. Es ist an der Ostseite mit dem zweigeschossigen Kapitelbau verbunden, der aufwändig restauriert wurde. Dessen kreuzgewölbte Saal aus dem späten 14. Jahrhundert im Erdgeschoss ist mit Wandmalereien aus dem frühen 15. Jahrhundert geschmückt. Sie zeigen Szenen aus dem Leben des hl. Augustinus.

Die ehemalige Stiftskirche dient heute als katholische Pfarrkirche. In ihr befinden sich zahlreiche wertvolle Gemälde, darunter Übertragungen des Marienlebens von Albrecht Dürer (um 1520) und zwei ehemalige Altarflügel (um 1480), die Hans Traut zugeschrieben werden. Auch beachtliche Stein- und Holzfiguren, so eine Anbetungsgruppe aus Nürnberger Künstlerkreisen um 1350/60, und eine Verkündigung aus der Zeit um 1440, erinnern heute noch an die reiche Stiftszeit.

(Christine Riedl-Valder)



 

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