Mühldorf


 

GESCHICHTE

Kollegiatstift Mühldorf ? ein Vorposten Salzburgs

Alle Wege führen nach Rom, verschiedene Wege führen zur Intensivierung der Seelsorge und Hebung des geistlichen Lebenswandels. Ein vor allem im Mittelalter beliebter und viel beschrittener Weg zur Verwirklichung der beiden letztgenannten Ziele war die Gründung weltpriesterlicher Kollegiatstifte. Angehörige eines Kollegiatstifts waren durch eigene Satzungen, die Kapitelstatuten, zu gemeinsamem liturgischen Wirken im Chorgebet und in der Seelsorge verpflichtet, blieben aber im Status von Weltpriestern und waren somit nicht an das Armutsgelübde gebunden.

Das Erzstift Salzburg besaß bis in das frühe 19. Jahrhundert als Exklaven am Inn die Städte Mühldorf, wie auch Laufen und Tittmoning. Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau begann mit der Gründung neuer Kollegiatstifte und rief im Jahr 1610 zunächst das Stift Mühldorf am Inn ins Leben.

Die heutige Stadtpfarr- und frühere Stiftskirche St. Nikolaus ist ? zumindest in Teilen ? älter als das Mühldorfer Kollegiatstift. Erstmals urkundlich erwähnt wird eine St.-Nikolaus-Kirche in Mühldorf 1251. Nach dem ersten bekannten Stadtbrand von Mühldorf (1285) war ein Neubau nötig, der noch im Stil der Romanik erfolgte und dessen letzter heute erhaltener Rest der Kirchturm ist. Ein gotischer Chor ersetzte Anfang des 15. Jahrhunderts die romanische Apsis. Drei Jahre nach Vollendung des Chors im Jahr 1443 erbaute die Bruderschaft der Bäckerknechte an der Nordseite des Turms eine Andreas-Kapelle. Zu Ehren der hl. Anna bestand bereits seit 1409 eine Kapelle an der Südseite der Kirche, die 1474 um einen Kreuzgang nach dem Vorbild Laufens erweitert wurde. Soweit der bei der Gründung des Kollegiatstifts vorhandene Baubestand.

Im Januar 1764 fiel die Turmpyramide einem Sturm zum Opfer und wurde durch eine achteckige Kuppel ersetzt. Es blieb nicht bei dieser Baumaßnahme, denn Wolfgang Summerer, Dekan des Stiftes Mühldorf von 1739 bis 1777, hegte den Wunsch nach einer filigraneren Gestaltung seiner Kirche. Gutachten wurden eingeholt und schließlich der Durchmesser der Kirchenpfeiler deutlich verringert. Offenbar hatten sich die beigezogenen Baumeister nicht um ein Geringes verrechnet, denn am 17. März 1768 stürzte die Kirche ein. Stehen blieben lediglich Presbyterium, Sakristei, Turm und Kirchennordseite. Fast könnte man meinen, der Einsturz wäre kein Unglück, sondern ein geplanter Abriss gewesen. In Windeseile wurde ein Neubau geplant, für den bereits am 29. März ? knapp zwei Wochen nach dem Einsturz ? ein Kostenvoranschlag bereitlag. Die aus Mühldorf und Trostberg eingereichten Kalkulationen fanden in Salzburg keine Billigung, weshalb der Salzburger Bauverwalter Wolfgang Hagenauer einen neuen Plan erstellte: Zwei Pfeiler und vierzig kleine Fenster sollten es werden. Dekan Summerer war anderer Meinung und beauftragte den Trostberger Baumeister Mayr mit der Herstellung eines Modells. Mayr plante eine pfeilerlose Basilika mit acht großen Fenstern, mit der man sich in Salzburg nach einigem Zögern abfand. Während der Bauarbeiten starben sowohl Baumeister Franz Alois Mayr als auch der Salzburger Erzbischof Sigismund von Schrattenbach (1753?1771). Mayr wurde durch Joseph Lündtmayr, Erzbischof Sigismund durch Hieronymus Graf Colloredo ersetzt. 1771 war das Deckenfresko fertig, noch im Dezember desselben Jahres benedizierte Dekan Summerer seine Kirche. Ein Jahr später wurden Chorgestühl, Kanzel und Betstühle eingebaut, 1773 die Seitenaltäre installiert und schließlich 1774 der aus der alten Kirche übernommene Hochaltar durch einen neuen ersetzt.

Etwa eine halbe Stunde Fußweg trennen die Mühldorfer Stadtmitte von der Kapelle Maria-Eich. Die ehemals zum Stift gehörende Kapelle liegt damit an der Ostgrenze des Salzburger Territoriums. Stiftskanonikus Achatius Cajetan Hellsperger hatte 1698 das Grundstück erworben und im Folgejahr hier eine Kapelle errichten lassen. Baumeister war Domenico Zucalli, der schon in Altötting und Gars bewunderte Kirchenbauten errichtet hatte. Zucalli konzipierte die Eich-Kapelle als ovalen, durch Pilaster gegliederten Raum mit einem Türmchen über dem Westportal. Sigmund Graf zu Castell, Bischof von Chiemsee, weihte im Oktober 1700 das kleine Gotteshaus der Schmerzhaften Muttergottes. Im Kapellenraum finden sich der Altar mit einer ? dem Patrozinium entsprechenden ? Pietà sowie Gemälde mit Darstellungen der Marienwallfahrtsorte Altötting, Ettal, Tuntenhausen und Einsiedeln. Von der Bedeutung der Kapelle als Wallfahrtsort zeugten unzählige Votivtafeln, ihre Zahl ist heute jedoch stark dezimiert.

Mühldorf ging 1802 an Bayern über. Noch im selben Jahr wurde die Aufhebung des Kollegiatstifts verfügt. Von den zum Stift gehörigen Kirchen blieben St. Nikolaus, St. Katharina und die Eich-Kapelle erhalten, wegen Einsturzgefahr abgebrochen wurde 1815 die am Stadtplatz gelegene Kirche Unserer Lieben Frau. An Gebäuden gehörten, abgesehen vom Dechanthof, dreizehn Wohnhäuser und zwei Getreidestadel zum Stiftsbesitz. Der bayerische Staat behielt davon nur einen Stadel, in dem heute das Kreismuseum zu finden ist, und verkaufte die restlichen Immobilien. Verhandlungen in den Jahren 1844 bis 1852 über eine Wiedererrichtung des Stifts scheiterten.

(Laura Scherr)



 

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