Moosburg


 

GESCHICHTE

 

Moosburg, Kollegiatstift St. Kastulus – kunstsinnige Kanoniker

 

 

 

Auf einer Landzunge nahe dem Zusammenfluss von Amper und Isar entstand bereits in karolingischer Zeit eine Niederlassung der Benediktiner mit einer Marienkirche. Erste Erwähnung findet sie auf der Synode in Dingolfing im Jahr 772, an der Abt Reginperth aus jenem Kloster teilnahm. Die Gründung dürfte von einem Herzog aus der ersten bayerischen Herrscherdynastie der Agilolfinger (Odilo oder Tassilo III.) oder von einem Mitglied des Hochadels (der Fagana oder Huosi) ausgegangen sein. In dem Kloster wurden die Reliquien des hl. Kastulus, eines römischen Märtyrers, der unter Diokletian 286 den Tod erlitten haben soll, aufbewahrt. Sie sind schon 807 bezeugt. Nach dem Sturz Tassilos III. im Jahr 788 fiel das Kloster in fränkischen Besitz. Die Schirmvogtei hatte 888 Graf Sigismund von Sempt inne. 895 schenkte König Arnulf die Niederlassung an Bischof Waldo von Freising. Seit 908 diente sie als bischöfliches Eigenkloster; damit fiel dem jeweiligen Bischof zugleich die Abtwürde zu.

 

Unter Kaiser Heinrich II. und seinem Kanzler, Bischof Egilbert von Freising (Amtszeit 1006–1039), der aus dem Moosburger Grafengeschlecht stammte, wurde die Abtei um 1025 in ein Kollegiatstift umgewandelt. Die hier lebenden Mönche mussten in das neue Benediktinerkloster nach Weihenstephan umziehen. Der Propst des Moosburger Stifts kam seitdem aus den Reihen des Freisinger Domkapitels. Ein Dekan vertrat ihn vor Ort. Für das 11. Jahrhundert ist im Stift bereits eine Schreibschule bezeugt, die zu hohen Leistungen imstande war, wie das Moosburger Graduale, eine um 1360 entstandene Musikhandschrift, beweist. Nur wenig später wurde auch eine Lateinschule eingerichtet, die sich ebenfalls schnell zu großer Blüte entwickelte. Während der Amtszeit von Vogt Burkard (gest. 1120) kamen der Dekan und einige Gläubige beim Einsturz des Münsters ums Leben. 1171 fanden vermutlich Bauarbeiten an der Kirche statt; sie diente im gleichen Jahr wohl als Tagungsort für den Moosburger Landtag unter Herzog Heinrich dem Löwen. Man darf annehmen, dass das Gotteshaus unter dem Freisinger Bischof Adalbert (Amtszeit 1158–1184) größtenteils fertig gestellt wurde. Ein Brand, der die nahe gelegene Burg der Moosburger Grafen (sie stand an der Stelle des heutigen Amtsgerichts) 1207 völlig zerstörte, beschädigte das Münster erneut. Der Wiederaufbau war 1212 mit der feierlichen Einweihung durch die Bischöfe Otto II. von Freising und Hartwig von Eichstätt abgeschlossen. Damals entstanden das kunstvolle Westportal und der reich gegliederte Turm mit Pyramidendach (1862 durch Turmhelm und Giebel ersetzt).

 

1284 bestätigte Herzog Heinrich dem Stift die niedere Gerichtsbarkeit; die Hofmarksgerechtigkeit erhielt es 1340. Dem Kollegiatstift waren eine Reihe von Pfarreien und Kirchen, die zum Teil noch aus dem Besitz der vormaligen Abtei stammten, eingegliedert; unter anderem St. Michael und St. Johann in Moosburg, Rudelzhausen, Inkofen, Priel, Bruckberg, Thonstetten, Thal, Rudelzhausen, Rottenburg, Eching bei Landshut und Rainertshausen.

 

Unter Propst Johann von Pienzenau und Kustos Christoph Widerspacher erfolgte ab 1468 der Neubau des Chors als Backsteinbau in spätgotischen Formen und der Abriss der romanischen Apsis. Laut einer Inschrift außen am Chor soll Herzog Ludwig der Reiche selbst den Grundstein gelegt haben. Die Gebeine des hl. Kastulus wurden 1469 feierlich auf den neuen Hochaltar übertragen. Unter Propst Theoderich Mair (1486–1507), der zugleich Freisinger Dompropst war, wurde das reich geschnitzte Chorgestühl eingebaut. Den Höhepunkt der spätgotischen Umgestaltung des Münsters bildete 1514 – in der Amtszeit von Mairs Nachfolger Bernhard Arzt (1507–1517) – die Aufstellung des über 14 Meter hohen Schreinaltars aus Lindenholz, gefertigt von dem Landshuter Bildhauer Hans Leinberger. Zusammen mit einigen weiteren Kunstwerken aus der Werkstatt dieses spätgotischen Meisters gehört er bis heute zu den hervorragenden Schätzen von St. Kastulus. Eine abschließende Baumaßnahme war die Einwölbung der Seitenschiffe und der Ursulakapelle, in der sich seit 1207 die Grablege der Grafen von Moosburg befindet.

 

Auch während der Reformationszeit entwickelte sich das Kollegiatsstift vorbildlich. Unter der Führung von Leo Lösch (1517–1554), dem späteren Bischof von Freising, verabschiedete das Kapitel, zu dem damals 16 Kanoniker gehörten, neue Statuten und ließ nördlich des Münsters eine neue Propstei errichten. Propst Leo erwarb sogar das Recht der Pontifikalien. Eine Visitation des Stifts im Jahr 1593 fand die Verhältnisse lobenswert. Allerdings fiel nach einer 1591 erfolgten Änderung der Statuten das Recht zur Verleihung der Stiftspräbenden nicht mehr dem Kapitel, sondern dem Herzog von Bayern zu. Herzog Wilhelm V. ergriff die Gelegenheit, um die schon länger geplante Verlegung des Kollegiatstifts zu St. Martin nach Landshut in die Tat umzusetzen. Papst Clemens VIII. erteilte dazu 1595 seine Genehmigung. Gegen den Willen der Kanoniker wurde das Stift 1598 transferiert. In Landshut existierte es weiterhin bis zur Säkularisation 1803 (1937 wiederbelebt). Das Kastulusmünster in Moosburg jedoch verlor als einfache Pfarrkirche seine Bedeutung. Auch der Großteil der Reliquien des hl. Kastulus wurde 1604 nach St. Martin in Landshut übertragen. Die Seelsorge übernahmen hier in der Folgezeit fünf Priester. In das Moosburger Stiftsgebäude zogen 1699 Kapuziner ein. Sie errichteten ein Hospiz, das bis 1802 bestand. In den folgenden Jahren wurden der Kreuzgang, mehrere Kapellen und barocke Anbauten, sowie die Westvorhalle der Kirche abgebrochen. An die einstigen Stiftsherren erinnern heute noch einige qualitätsvolle Steinepitaphien und die hervorragenden spätgotischen Kunstwerke in St. Kastulus, sowie vier ehemalige Kanonikerhäuser, die sich an der Straße „Auf dem Plan“ befinden.

 

 

 

Christine Riedl-Valder

 

 

 

 

 

Link:

 

http://www.sankt-kastulus.de/kirchen/kastulus.htm

 



 

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