Kitzingen, Ursulinenkloster


 

GESCHICHTE
Die Ursulinen in Kitzingen ? Frühbarock am Main

Im Jahr 1660 berief der Würzburger Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn (reg. 1642?1673) vier Ursulinen aus Metz nach Kitzingen. Der bedeutende Lehrorden war 1535 zu Brescia von der hl. Angela Merici gegründet worden. Wie bereits bei den 1630 nach Kitzingen geholten Kapuzinermönchen handelte es sich um eine weitere Maßnahme im Bemühen um die Rekatholisierung Kitzingens nach der Einlösung der Ansbacher Pfandschaft im Jahr 1629. Hauptaufgabe der Nonnen war die Erziehung der weiblichen Jugend in der Mainstadt. Aus Würzburger Sicht war das katholische Engagement in Kitzingen notwendig, da in der Stadt seit dem so genannten ?Gnadenvertrag? von 1650 Protestanten und Katholiken lebten.

Zunächst logierten die Ursulinen in einem Privathaus, quartierten sich aber bald im ehemaligen Benediktinerinnenkloster bzw. seit 1558 protestantischen Damenstift ein. 1670 gab es bereits Pläne zur Erneuerung der baufälligen Klosteranlage, die aber erst 1685 ernsthaft in Angriff genommen werden konnten. Zum Baumeister wurde kein Geringerer als Antonio Petrini aus Würzburg bestimmt. Zwischen 1685 und 1693 entstanden Kloster und Kirche nach seinen Plänen. In letztere zogen die Nonnen ?processionaliter ... am Festtag S. Johannis des Tauffers? 1693 ein. Die Weihe der Kirche an die Gottesmutter Maria erfolgte jedoch erst am 9. August 1699 durch Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenclau (reg. 1699?1719). Die Vollendung der Innenausstattung zog sich noch weit bis in das 18. Jahrhundert hin. Zu den letzten größeren Arbeiten dürfte beispielsweise die erhaltene Stuckdecke mit Rahmen und Bandwerk zählen, die um 1720 zu datieren ist.

Eine Ansicht des neuen Ursulinen-Klosters schuf der Kitzinger Maler Johann Paul Codomann. Sie erschien 1692 als Kupferstich-Illustration einer Festschrift des Kloster-Direktors Georg Adam Meyer mit dem umständlich-barocken Titel ?Auff- und Fortgang deß Jungfrewlichen Ursuliner-Ordens ...?. Der Stich zeigt das Kloster von Süden und ist baugeschichtlich vor allem wegen der im 19. Jahrhundert veränderten Südfassade der Kirche von Interesse.

Auf hohem Sockel erhebt sich das sechsachsige, flachgedeckte Langhaus der Kirche, an das sich ein dreijochiger, eingezogener und überwölbter Chor anschließt. Der mächtige zweigeschossige Turm über quadratischem Grundriss mit niedrigeren, achtseitigem Klangarkadengeschoss und welscher Kuppelhaube mit Laterne ragt auf der Südseite im Winkel zwischen Langhaus und Chor empor. Das Langhaus ist im Inneren von betonter Schlichtheit und wird durch eine tiefe Empore dominiert, die in das Schiff auf drei Säulenarkaden vorragt. Diese einstige Nonnenempore überdeckt im Westen eine dreijochige und dreischiffige Vorhalle mit einer Treppenanlage, die zwischen dem Niveau des Kirchplatzes und dem des höher gelegenen Langhauses vermittelt. Hauptstück der Kirche ist die mit kräftigen Pilastern instrumentierte Westfassade ? ein Paradebeispiel der männlich-herben Gliederungskunst des Antonio Petrini.

Die Kitzinger Kirche gilt als ein Hauptwerk des italienisch geprägten Barock dieses Baumeisters. Wie eine eingehendere Analyse der Architektur ergeben hat, spiegeln sich gerade in der Kitzinger Kirche u. a. in der untergegangenen Langhausfassade regionale Bautraditionen der aufkeimenden deutschen Barockarchitektur der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg wider. Gemeinsam mit Stift Haug in Würzburg und St. Stephan in Bamberg gehört die Kitzinger Ursulinenkirche zu den Gründungswerken der barocken Architektur in Franken.

Kaum mehr als ein Jahrhundert konnten sich die Ursulinen an dem Neubau erfreuen, denn 1803 wurde das Kloster in der Säkularisation aufgehoben. Bis 1817 diente es zeitweilig als Militärlager und Zufluchtsort bei Hochwasser. Dann erwarb die evangelische Gemeinde die Kirche, die damit erstmals über ein Gotteshaus in der Innenstadt verfügte. Damals wurde die Kirche in mehreren Etappen größeren Renovierungsmaßnahmen unterzogen, bei denen manches Detail verändert wurde. Dies gilt hauptsächlich für die Südseite des Langhauses, in dem man die Gliederung durch Fenster und Nischenfelder zugunsten großer Fensteröffnungen aufgab. 1945 wurden die Kirche und die als Schule dienenden ehemaligen Konventsgebäude beim Bombenangriff schwer beschädigt, konnten aber bis 1950 wieder aufgebaut werden.

(Erich Schneider)



 

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