Kempten, Benediktinerkloster


 

GESCHICHTE

Kempten, Benediktinerkloster – Exklusives Fürstenstift mit großem Machtanspruch

 

Schon um 730 errichtete der Mönch Theodor aus dem Kloster St. Gallen in Kempten eine christliche Missionsstation, zu der auch eine Marienkapelle gehörte. Sie befand sich wohl auf dem Areal der heutigen evangelischen Stadtpfarrkirche St. Mang. Als erster Abt ist 752 der selige Audogar überliefert. Die Einrichtung stand unter königlichem Schutz und hatte einflussreiche Förderer. Hildegard, die zweite Gemahlin Kaiser Karls des Großen, die aus einem schwäbischen Herzogsgeschlecht stammte, schenkte dem Benediktinerkloster 774 die Leiber der heiligen Märtyrer Epimach und Gordian und übertrug ihm großen Landbesitz. Hildegard wurde daher in Kempten als Selige verehrt und ihr Bildnis in das Wappen der Abtei aufgenommen. Während der Ungarneinfälle wurde das Kloster im 10. Jahrhundert verwüstet. Danach verlegte man die Abtei auf die westliche Hochfläche vor der Stadt.

Während die eigentliche Vogtei über das Kloster bei den Welfen und nach 1191 bei den Hohenstaufen lag, übten bis 1212 auch die Markgrafen von Ronsberg die Vogteirechte über einzelne Stiftgüter aus. Nach dem Aussterben dieses Geschlechts verlieh König Friedrich II. (reg. 1211–1250) an Abt Heinrich (erwähnt 1197–1224) die Grafschaft Kempten als Reichslehen. Das Kloster erlangte damit die Souveränität. Mit der zusätzlichen Verpfändung der Vogtei an das Stift im Jahr 1218 kam es in den Besitz von Rechten, die die Landesherrschaft innerhalb der Grafschaft ermöglichten. Dies sollte zu jahrhundertelangen Auseinandersetzungen mit der aufstrebenden Stadt Kempten führen. Aufgrund seines rechtlichen Status erfüllte das Benediktinerstift Kempten sogar die Voraussetzungen für den Reichsfürstenstand. Bald nach 1212 ließ daher Abt Heinrich Münzen mit der Umschrift „Princeps Campidon[ensis]" (Fürst von Kempten) prägen.

1225 wurde die Klosteranlage erneuert. An deren Ostseite stand eine von der Hirsauer Bauschule beeinflusste, romanische dreischiffige Basilika mit westlichem Querschiff und Turmpaar. Westlich vor dem Areal lag die zur Abtei gehörende Pfarrkirche „St. Lorenz auf dem Berg“.

Der Konvent setzte sich nur aus Mitgliedern adeliger Familien zusammen, die eine große Anzahl von Dienstleuten beschäftigten. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts geriet das Stift zunehmend in materielle Schwierigkeiten, worauf schon 1250 der Verkauf von Klostergütern unter Abt Hugo hindeutet. Eine besonders aufwändige Hofhaltung leistete sich Administrator Rudolf von Hohenegg (1269–1284), der Kanzler Rudolf von Habsburgs und spätere Erzbischof von Salzburg, Eine Sanierung der finanziellen Verhältnisse gelang dann erst allmählich im Lauf des 14. Jahrhunderts.

Die gleichzeitige Wahl Pilgrims von Nordholz und Friedrichs von Hirschdorf zum Abt im Jahr 1382 offenbarte eine tiefe Zerstrittenheit des Konvents. Der Bischof von Konstanz nutzte diese Situation, um ein Recht auf Bestätigung des gewählten Klostervorstands geltend zu machen. Das Kemptener Stift geriet nun zeitweise in Gefahr, sein Recht auf freie Abtwahl zu verlieren. Erst Fürstabt Johann von Riedheim (reg. 1481–1507) gelang 1483 – nachdem der Bischof von Konstanz erneut das Recht der Prüfung und Bestätigung seiner Wahl in Anspruch genommen hatte – von Papst Sixtus IV. die gänzliche Herauslösung seines Klosters von aller Jurisdiktion des Bischofs.

Der kleine, vornehme Konvent wurde von der Ordensreform des 15. Jahrhunderts kaum berührt. Im Vergleich zu den frühhumanistischen Aktivitäten anderer süddeutscher Prälatenklöster, die zum Beispiel auf dem Gebiet des Quellenstudiums und der Geschichtsschreibung große Leistungen vollbrachten, war das Kemptener Stift unproduktiv. Die gesellschaftliche Stellung des Kemptener Fürstabts äußerte sich in der Tatsache, dass er das Ehrenamt des Hofmarschalls der Kaiserin des Heiligen Römischen Reichs ausübte. In der Rangfolge der kirchlichen Würdenträger stand er gleich nach dem Abt der Reichsabtei Fulda.

Das Benediktinerstift Kempen war dauernd darum bemüht, eine geschlossene Territorialherrschaft zu erreichen. Fürstabt Friedrich von Laubenberg (Amtszeit 1405–1434) nahm am Konzil von Konstanz (1414–1418) teil. Er erfreute sich der Gunst Papst Martins V., der 1418/19 dem Stift seine Privilegien und den Schutz des Heiligen Stuhls bestätigte. Außerdem half er dem Stift bei seinen Bemühungen, entzogene Klostergüter zurückzuerwerben. Die Unzufriedenheit der Untertanen mit der Herrschaft des Klosters entlud sich 1491/92 in einem Bauernaufstand. Nach dessen friedlicher Beilegung nahm das Stift jedoch sofort wieder seine harte Konfrontationspolitik auf, sodass sich der Konflikt neuerlich verschärfte und schließlich 1525 im Bauernkrieg mündete. Abt und Konvent waren zur Flucht gezwungen und das Kloster wurde geplündert. Ein Jahr später erreichte man mit dem Memminger Vertrag dann eine Beilegung der Auseinandersetzungen.

Um die Bürgerschaft von Kempten rechtlich aus der klösterlichen Herrschaft zu befreien, hatte bereits König Rudolf I. (Amtszeit 1273–1291) die Stadt von der Stiftvogtei getrennt. Ab 1361 war Kempten freie Reichsstadt. Zwei Jahre später wurde auch die klösterliche Zwingburg auf der Burghalde abgerissen. Doch erst 1525 gelang es durch den wirtschaftlichen Aufstieg Kemptens zum Fernhandelsplatz, den die verkehrsgünstige Lage begünstigt hatte, alle Rechte abzulösen und die vollständige Unabhängigkeit vom Stift zu erreichen. 1527 schloss sich die Stadt der Reformation an. Die jahrhundertelangen Auseinandersetzungen zwischen dem Benediktinerkloster und der Reichsstadt bewirkten eine Doppelgestalt Kemptens, die sich dann durch die konfessionellen Gegensätze weiter ausprägte und heute noch erkennbar ist.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde 1632 zunächst das gesamte Kloster, im folgenden Jahr auch ein Großteil der Stadt zerstört. Unmittelbar nach dem Westfälischen Frieden 1648 begann Fürstabt Roman Giel von Gielsberg (Amtszeit 1639–1673), der aus thurgauischem Ritteradel stammte, mit den Planungen für den Wiederaufbau. Der monumentale Neubau der Stiftanlage und -kirche ab 1651, begonnen durch den Vorarlberger Baumeister Michael Beer (bis 1653) und fertiggestellt von dem Graubündner Johann Serro (1654–1670), war die erste rein barocke Klosteranlage nördlich der Alpen. Sie bildete das Zentrum der katholischen Stiftstadt, die hier in der Folgezeit entstand. Ihre Struktur, die auf Systematisierung und Regularisierung abzielte, brachte den Anspruch auf die Repräsentation landesherrlicher Gewalt zum Ausdruck.

Im 18. Jahrhundert erlebte das Kloster unter den Fürstäbten Rupert von Bodman (Amtszeit 1678–1728), Anselm von Reichlin-Meldegg (Amtszeit 1728–1747) und Engelbert Syrg von Syrgenstein (Amtszeit 1747–1760) seine größte Blütezeit. Das Stift Kempten umfasste in dieser Zeit rund 1000 Quadratkilometer mit rund 85 Dörfern und etwa 42000 Untertanen. Nach dem Hochstift Augsburg stellte es die größte geistliche Herrschaft Schwabens dar. Dieser Wohlstand äußerte sich unter anderem in der prachtvollen Ausstattung der Klosterkirche und der Residenz. Der Münchner Hofbildhauer Ägid Verhelst, der Wessobrunner Stuckateur Johann Georg Übelhör und der Kemptener Hofmaler Franz Georg Hermann schufen im Appartement des Fürstabts eine der bedeutendsten Raumfolgen des süddeutschen Rokoko.

Das jähe Ende dieser Blütezeit setzte 1802 ein, als bayerische Truppen das Stift und die Reichsstadt besetzten. Im Jahr darauf wurde das Stift aufgehoben. Die Mönche erhielten eine Pension und ein Wohnrecht im Kloster auf Lebenszeit, die weltlichen Angestellten wurden in den Staatsdienst übernommen. 1814 versteigerte man die beweglichen Güter. Eine Reihe von Gemälden aus der fürstlichen Sammlung kam nach München. Das Stiftarchiv wurde in das Reichsarchiv übernommen – 1992 wurde es in der Form, wie es bei der Säkularisation bestanden hatte, wiederhergestellt. Ein Teil der Bibliothek ging nach Augsburg und in späteren Jahren in das niederbayerische Kloster Metten. Die Klosterkirche wurde von nun an als Pfarrkirche genutzt, die umfangreiche Klosteranlage diente öffentlichen Zwecken: Militär, Verwaltungs- und Justizbehörden belegten die Räume. Die Wirtschaftsgebäude wurden zum Teil an Privatleute verkauft. In das Stiftsgymnasium zog die öffentliche Schule ein. Nach Abriss des Gebäudes im Jahr 1864 wurde hier das katholische Pfarramt errichtet. Der größte Teil der Residenz wird heute von der Justiz als Amts- und Landgericht genutzt. Die prächtigen Wohnräume des fürstlichen Appartements befinden sich in der Obhut der Schlösserverwaltung Bayern und sind als Museum öffentlich zugänglich. Thron- und Festsaal, Vorzimmer (Bibliothek), Audienzzimmer, Arbeitszimmer, Schlafzimmer und Hofkanzlei des Fürstabts bieten ein beeindruckendes Zeugnis für den Glanz des ehemaligen Benediktinerstifts.

 

Christine Riedl-Valder

 

 

Link:

http://www.schloesser.bayern.de/deutsch/schloss/objekte/kempten.htm

 

 



 

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AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Kempten, Ansicht der ehem. Benediktinerklosterkirche St. Lorenz (heute Pfarrkirche), Ölgemälde, um 1830, Kempten, Allgäu-Museum.
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Voithenberg, G.)

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