Ingolstadt, Gnadenthal


 

GESCHICHTE
Das Gnadental der Franziskanerinnen zu Ingolstadt

Das Frauenkloster Gnadenthal in Ingolstadt entstand um 1276 als Gemeinschaft frommer Frauen ohne feste Ordensregel und Klausur. Die Frauen dürften wohl in der Krankenpflege und als Seelnonnen tätig gewesen sein. Ihr Haus befand sich in Nachbarschaft des Klosters der Franziskaner, ursprünglich ebenfalls außerhalb der Stadtmauer gelegen.

Eine Generation nach ihrer Entstehung unterwarf sich die Gemeinschaft der freien Beginen unter die Aufsicht des Franziskanerkonvents. Erst 1467 übernahmen die Schwestern verbindlich die Regel des Dritten Ordens des hl. Franziskus und wurden zu Terziarinnen. Um die erwünschte Disziplin einhalten zu können, erbaute der Konvent ab 1480 eine richtige Klosteranlage und ab 1487 dazu auch eine eigene Kirche. Der aufwändige Bau führte zu äußerster Einschränkung der ohnehin asketischen Klosterfrauen in ihrer Lebensführung. Dazu kam 1489 die Einschließung der Nonnen in die strenge Klausur. Auch Selbstgeißelungen und andere Bußübungen gehörten zum Alltag des Konvents.

Nach der Säkularisation von 1802 wurde Gnadenthal zu einem zentralen Aussterbekloster für Franziskanernonnen bestimmt. 1829 erklärte sich König Ludwig I. mit dem dauernden Fortbestand des Klosters einverstanden. Damit war jedoch die Bedingung verknüpft eine Studienanstalt zu führen. Die Franziskanerinnen eröffneten zunächst eine Volksschule für Mädchen. Im Lauf der Jahre entwickelte sich die Mädchenerziehung weiter und mit ihr die in Gnadenthal angebotenen Schulformen. In der NS-Zeit wurden die Nonnen enteignet, die Bildungsanstalt teilweise geschlossen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhielten die Klosterfrauen ihre Schulen zurück. Seit 1987 dürfen auch Buben im Gymnasium Gnadenthal zur Schule gehen; 2002 übernahm die Diözese Eichstätt das Gymnasium.

Die Kirche steht in der Nordostecke des um 1750 renovierten Klosterkomplexes. Man kann den flachgedeckten kleinen Saalbau entweder vom Klosterhof oder von außen her betreten. Das ursprüngliche Langhaus wurde 1605 und nochmals 1698 gestreckt und mit einer Empore für den Konvent versehen. Der Chor ist dreiseitig geschlossen, gewölbt und in die umliegende Bebauung der Harderstraße eingebunden. Im Inneren prägt heute die Chorausmalung der Schwester Euphemia, entstanden zwischen 1953 und 1956, den Raumeindruck. Den Altar beherrscht die sog. Landshuter Madonna von 1522. Mit der Jahreszahl 1513 und der Signatur Hans Leinbergers versehen ist das aus Lindenholz geschnitzte Relief der Anna Selbdritt an der Südwand der Kirche.

Die überlebensgroße Figur eines hl. Michael im Kunstschatz von Gnadenthal verweist auf eine Besonderheit dieses Klosters, nämlich seine alte Apotheke. Denn der hl. Michael mit dem Attribut der Seelenwaage und wird von vielen Berufsgruppen als Schutzpatron verehrt, die mit Maß und Gewicht hantieren, so neben Kaufleuten, Waagenmachern und Eichmeistern auch den Apothekern. Im Gegensatz zu anderen Klosterapotheken überdauerte die im 17. Jahrhundert eingerichtete Apotheke von Gnadenthal an ihrem angestammten Ort. Der nur etwa acht Quadratmeter große Raum ist an drei Seiten mit Schränken bestückt. Der eigentliche Arzneischrank ist abschließbar und durch ein kunstvolle Schnitzerei verziert. Im Apothekenzimmer gibt es nur ein Fenster, davor steht der Rezepturtisch nebst einem Ständer für die Handwaagen. Es haben sich zahlreiche Apothekengefäße aus Zinn, Glas und bemalter Majolika aus verschiedenen Epochen erhalten. Außer Gnadenthal betrieben nur wenige Frauenklöster in Bayern ? wie zum Beispiel Rentberg ? eine Apotheke.

Allen Klosterapotheken gemeinsam war zunächst die Bedarfsdeckung für den Konvent und das Dienstpersonal, doch meist wurde auch das Umland pharmazeutisch versorgt. Im 18. Jahrhundert nahm die Zahl der Apotheken zu und es entwickelte sich Konkurrenz zwischen bürgerlichen und klösterlichen Betreibern. 1803 wurde geplant die Klosterapotheken an staatlich ausgebildete Apotheker zu verkaufen. Von den 44 altbayerischen Klosterapotheken wurden jedoch nur 14 veräußert. Als Käufer traten teilweise die ehemaligen Klosterapotheker in Erscheinung. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass nach der Säkularisation oftmalsdeutlich weitere Wege bis zur nächsten Apotheke zurückgelegt werden mussten, was die medizinische Versorgung der Bevölkerung erheblich verschlechterte.

(Laura Scherr)



 

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