Hammelburg


 

GESCHICHTE
Hammelburg - Franziskanische Seelsorge in der Rhön

 

Die Vorgeschichte einer Klostergründung in Altstadt bei Hammelburg am Fuß des Heroldsbergs reicht zurück bis 716. In diesem Jahr übereignete Herzog Hedan II. dem Bischof und Friesenmissionar Willibrord (658?739) seine Besitzungen ?ad hamulo castellum? zur Gründung eines Klosters. Statt eines geistlichen Instituts entstand aber damals vermutlich nur ein landwirtschaftliches Gut. Dieses übergaben die Karolinger zunächst dem Hochstift Würzburg; 777 wurde es schließlich durch Karl den Großen an das Benediktinerkloster Fulda geschenkt. Dieses Hofgut (Altstadt) und eine spätestens im 12. Jahrhundert entstandene Siedlung am jenseitigen Ufer der Fränkischen Saale (Hammelburg) verband seit 1121 eine Brücke.

In den Pestjahren des 13. Jahrhunderts errichtete man in Altstadt eine den Vierzehn Nothelfern geweihte Kapelle. Sie wurde in der Reformationszeit profaniert und die dort aufgestellten Steinfiguren der Nothelfer vergraben. Im Zuge der Gegenreformation erneuerten Fuldaer Jesuiten, die möglicherweise eine eigene Niederlassung planten, ab 1603 die ruinöse Kapelle und versahen sie mit vier Altären. Mit der Ausgrabung der Nothelfer-Statuen war dann der Anfang zu einer Wallfahrt gemacht.

Nach der Niederlage der Schweden im Dreißigjährigen Krieg in Franken tauchte im Jahr 1636 der Gedanke eines Franziskanerklosters auf. Gegen den anfangs harten Widerstand des Rates von Hammelburg, der lieber ?wieder ein Regiment Schweden erdulden, als von diesen Bettelmönchen belästigt werden? wollte, bestätigte 1649 der Fuldaer Fürstabt Joachim von Gravenegg (reg. 1644?1671) diese Gründung formell, die zunächst mit drei Patres und einem Brudermönch besetzt war. Gleichzeitig blühte die Wallfahrt nach Altstadt auf, weshalb 1654 die Nothelfer-Kapelle erweitert werden musste. In den Jahren 1656 und 1664 wurden die Konventsbauten erneuert bzw. neu errichtet. Ab 1667 erfolgte nach Plänen des Franziskanerbruders Daniel Hollingshofen der Neubau der Kirche, die am 12. Oktober 1670 zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis Mariens geweiht wurde. Bereits 1671 wurde dieser Kirchenbau um eine Antoniuskapelle erweitert.

1698 ereignete sich eine Brandkatastrophe, der die Kirche und die Klosterbibliothek zum Opfer fielen. Weitgehend auf den alten Fundamenten errichtete der von Antonio Petrini beeinflusste Franziskanerbruder Antonius Payer (1673?1704) die Kirche von 1698 bis 1700 neu. Vergleichbar der ebenfalls nach seinen Plänen erbauten Kirche von Schwarzenberg oberhalb Scheinfeld schuf Payer eine franziskanisch schlichte, gewölbte Saalkirche mit Polygonchor und an der Nordseite chorartig vorspringender Kapelle ohne größeren architektonischen Anspruch. Gleiches gilt für die innere Ausstattung. Die mächtigen Altäre dürfen als Schöpfungen des Franziskanerbruders und Kunstschreiners Georg Blank (1655?1733) gelten. Sicher belegt ist dieser nur bei der Kanzel von 1701. Der Nothelfer-Altar auf der linken Seite entstand zwar mit der übrigen Ausstattung, wurde aber erst 1742 geweiht: Um eine Marienfigur sind zehn Nothelfer-Figuren angeordnet, vier weitere finden sich im Auszug. Jede Skulptur trägt auf ihrer Brust eine Reliquie des entsprechenden Heiligen.

Vom Vorplatz der Kirche bis in halbe Höhe des Heroldsbergs und von dort wieder retour zieht sich ein Kreuzweg: der erste in der Thüringer Provinz. Die Stationen wurden ab 1733 von dem Hammelburger Bildhauer Johann Jakob Faulstieg (1697?1768) in Zusammenarbeit mit dem Franziskanerbruder Wenzel Marx (1708?1773) aus Leitmeritz geschaffen. Nur der Kalvarienberg mit der Beweinung Christi durch Maria, Magdalena und Johannes unterm Kreuz unterhalb von Schloss Saaleck ist als Freigruppe mit lebensgroßen Figuren ausgebildet. Die übrigen Passionsszenen sind in kleinen Kapellen auf Reliefs oder in Vollplastiken bühnenartig dargeboten. Die größte und aufwändigste Kapelle erhebt sich als XIV. Station direkt bei der Kirche. Im Inneren der Anlage findet sich ein Heiliges Grab und darüber ein Steinrelief des Auferstandenen.

Der Reichsdeputationshauptschluss des Jahres 1803 brachte für Altstadt unruhige Jahre, in denen das Kloster fünfmal den Landesherrn wechselte, bis es 1816 dem Königreich Bayern zugeschlagen wurde. Altstadt wurde von König Max I. Joseph die Aufnahme von Novizen untersagt. König Ludwig I. genehmigte 1826 den Fortbestand des Konvents. Die Bedeutung von Kloster Altstadt lag weniger in der ursprünglich angestrebten Wallfahrt zu den Vierzehn Nothelfern als in der Seelsorge. 16 Orte wurden von den Franziskanern geistlich betreut. Daneben leiteten die Mönche von 1668 bis 1817 das Hammelburger Gymnasium. Altstadt hatte außerdem innerhalb der Organisation des Franziskanerordens besondere Bedeutung: Von 1761 bis 1816 war das Kloster Sitz der oberen thüringischen Ordensprovinz und damit zugleich über viele Jahre der Ort eines theologischen bzw. philosophischen Studiums. Von 1828 bis 1836 war Altstadt Sitz der fränkischen Provinz des Ordens, seitdem gehörte es der Bayerischen Provinz an. Bedeutend war ferner die anspruchsvolle Klosterbibliothek, die einmal 5000 Bände zählte, darunter 72 Inkunabeln der Zeit vor 1500. Der Buchbestand wurde im Jahr 2012 an die Diözesanbibliothek Würzburg ausgelagert. Im Jahr 2014 nahm die 375jährige Kostergeschichte Hammelburgs ein Ende. Am 30. November wurde das Kloster aufgelöst, nachdem einer der drei letzten verbliebenen Patres verstorben war. Ein Jahr später erwarb die Bayerische Musikakademie, die bereits seit 2006 eine Kaufoption hatte, die Klostergebäude, die Kirche verblieb bei der ansässigen Kirchenstiftung und wird als Pfarrkirche genutzt.

 

(Erich Schneider)



 

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