Freising, Neustift


 

GESCHICHTE


Neustift: Kloster - Kaserne - Fabrik - Landratsamt 


Im Jahr 1142 gründete Bischof Otto der Große ein "Neues Stift" am Lauf der Moosach, eine halbe Wegstunde von seiner Domstadt Freising entfernt. Hier befanden sich bereits das Grab der als heilig verehrten irischen Wandermönche Declanus und Marinus aus dem 8. Jahrhundert, eine Kapelle des hl. Alexius mit einem Hospital und eine Kapelle des hl. Gotthard. Der Zisterzienser Otto wählte für sein Neustift aber Prämonstratenser aus dem schwäbischen Ursberg. Denn der sumpfige Ort entsprach nicht dem Rodungsauftrag für Zisterzienser, doch erinnerte er an Prémontré, das Mutterkloster der Chorherren des hl. Norbert. Zudem waren diese auch in der Sorge um Pilger, Arme und Kranke tätig - die Aufgaben also, die Bischof Otto seiner Gründung zugedacht hatte. Deshalb gehörte wohl bis in das 13. Jahrhundert auch ein Frauenkonvent zu Neustift. 
Bereits 1143 erfolgten die Weihe der Klosterkirche Peter und Paul und die päpstliche Bestätigung des Stifts. Nur die Propstei selbst war von der bischöflichen Eingriffsgewalt befreit. Ab dem 14. Jahrhundert verlagerten sich die Aufgaben von der sozialen Fürsorge hin zur Seelsorge. Die Chorherren betreuten nun zahlreiche Pfarreien im Umland. Erst 1717 wurde Neustift zur Abtei erhoben. 
Schenkungen des lokalen Adels ließen rund um das Kloster eine Grundherrschaft entstehen. Diese Hofmark zählte um 1800 nur 59 Anwesen. Ihre Einwohner gehörten zur Freisinger Stadtpfarrei St. Georg. Neustift besaß selbst keine Pfarrkirche. 
Der Prälat von Neustift war bis zur Landeseinung von 1505 ein Untertan des Herzogs von Bayern-Landshut. Die Stadt Freising, in der Neustift seit dem Mittelalter elf Häuser besaß, galt bis zur Säkularisation des Hochstifts (1802) als Ausland. Den Unterhalt des Klosters sicherten mehrere in Eigenregie betriebene Gutshöfe, eine Brauerei, eine Ziegelei, die Abgaben und Dienste der Untertanen und die Einkünfte aus den Pfarreien. 
1634 legten die Schweden das alte Kloster in Schutt und Asche. Die bis dahin blühende Wallfahrt zu den Heiligen Declanus und Marinus erlosch völlig. Von ihr gibt heute nur mehr ein spätgotisches Tafelbild im Germanischen Nationalmuseum Zeugnis. Langsam kam es zu einem bescheidenen Wiederaufbau. Zwischen 1700 und 1722 errichtete der Freisinger Hofmaurer Johann Jakob Mafiol unter Oberaufsicht des berühmten Antonio Viscardi eine Kirche im barocken Stil. Sie fiel bereits 1751 wiederum einem verheerenden Brand zum Opfer.
Erst unter dem tatkräftigen Abt Askanius Hainbogen (1705-1775), einem gebürtigen Freisinger, erlebte Neustift eine späte Blüte. 1756 wurde die heute noch bestehende Kirche geweiht. 1775 war der seit 1714 nur als Torso vorhandene Turm vollendet. Die erst 1784 abgeschlossene qualitätvolle Innenausstattung besorgten erstrangige Künstler. Johann Baptist Zimmermann schuf die Fresken zur Geschichte des hl. Norbert. Auch der Stuck von Franz Xaver Feichtmayr zeigt luftig und hell die Spätreife des bayerischen Rokoko. Geprägt wird der Kirchenraum jedoch vor allem durch die eleganten Skulpturen am Hochaltar und das Chorgestühl von Ignaz Günther von 1765. 
Die Neustifter Prämonstratenser wirkten vor allem als Seelsorger. Von 1781 an stellten sie auch als Ersatz für den aufgehobenen Jesuitenorden mehrere Lehrer am Landshuter Gymnasium. Bibliothek, Archiv und sonstige Sammlungen hatten durch die wiederholten Großbrände starke Einbußen zum Nachteil der Pflege der Wissenschaften. Unter den schönen Künsten überragte in der Abtei die Musik, insbesondere der Gesang der Chorherren, die man ob ihrer Ordenstracht auch als "weiße Amseln" pries.
Ein Großfeuer in den Wirtschaftsgebäuden im Jahr 1780, insbesondere aber die Plünderungen durch französische Revolutionstruppen in den Jahren 1796 und 1800 schädigten die ohnehin karge Substanz der Abtei schwer. 1802 warf die Säkularisation in Freising ihren Schatten auf Neustift. So wurde dem aus 22 Chorherren bestehenden Konvent bereits verboten einen neuen Abt zu wählen, da er ohnehin nicht mehr lange regieren werde. 
Am 23. April 1803 erfolgte die Säkularisation von Neustift. Die Klosteranlage, von der ein Prälat gesagt haben soll, sie sei eine "prächtige Kaserne", wurde sofort durch bayerisches Militär übernommen. Die Prämonstratenser erhielten nahezu allesamt Stellen als Seelsorger. Die nach dem Brand von 1780 völlig neu erbauten Ställe, Speicher und Werkstätten, sowie der Wasserreichtum machten die Abtei als Quartier für berittene Truppen sehr brauchbar. So diente der heute als öffentlicher Park zugängliche Klostergarten als Reitbahn und Exerzierplatz. Die damalige militärische Sparsamkeit rettete indes als positiver Nebeneffekt viel von der alten Substanz. So blieben die Bibliotheksschränke aus der Zeit um 1760 erhalten und dienen seit 1973 der Dombibliothek und dem Diözesanmuseum Freising. 
Die Klosterkirche kam in ziviles Staatseigentum. Noch 1803 wurde sie Filiale der Freisinger Stadtpfarrei St. Georg und zugleich Garnisonskirche. 1858 wurde St. Peter und Paul Neustift in den Rang einer Expositur und erst 1892 zur eigenständigen Pfarrei erhoben. 
Bis zum Jahr 1905 wurde Neustift ohne größere bauliche Veränderungen als Kaserne genutzt. Ihre wirtschaftliche Bedeutung war so groß, dass das Dorf als Ausgleich für die Verlegung der Garnison in die Stadt Freising eingemeindet wurde. 
1906 verkaufte das Königreich Bayern die Klosterkaserne an die Stadt Freising. Sie wurde noch im gleichen Jahr an den Textilfabrikanten Feller veräußert. Bis 1971 wurden in Neustift Lodenstoffe hergestellt. Außerdem bot die Anlage Raum für zahlreiche Wohnungen. 1979 kaufte der Landkreis Freising das Areal. Nach einer grundlegende Renovierung dient das ehemalige Kloster seit 1987 als "Bayerns schönstes Landratsamt".

( Christian Lankes )



 

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