Freising, St. Andrä (Hugibertsmünster)


 

GESCHICHTE

Eines der bedeutendsten Stifte Altbayerns

Am Westabhang des Freisinger Domberges stand schon zu Zeiten des hl. Bonifatius, der das Bistum Freising 739 gründete, das Benedikinerkloster Hugibertsmünster. Bischof Ellenhard (Amtszeit 1052?1078), Graf von Tirol, errichtete hier im Jahr 1059 ein dem Apostel Andreas geweihtes Kollegiatstift für 21 Kanoniker und beschenkte es mit seinen väterlichen Erbgütern bei Meran. Unter den ersten Kanonikern war der selige Batho, ein Mönch des Klosters Innichen im Pustertal, der als Glaubensbote in den slawischen Ländern wirkte und dann als Kaplan von Bischof Ellenhard nach Freising kam. Dem Willen des Stifters zufolge hatten die Stiftsangehörigen den Gottesdienst im Dom mitzugestalten. St. Andreas war sehr reich dotiert. Dem Rang nach kam es direkt hinter dem Freisinger Domstift und war eines der bedeutendsten Kollegiatstifte Bayerns. Auf Vorschlag des Bischofs verlieh der Papst die Propstwürde einem Freisinger Domherrn. Der Dekan wurde vom Kapitel gewählt und vom Bischof bestätigt. Er war der eigentliche Vorstand des Stiftes. Die Kanonikate wurden vom Papst oder vom Kapitel vergeben. Der Fürstbischof, der Kaiser und der Kurfürst von Bayern hatten ein Vorschlagsrecht. Die Aufnahme in das Kapitelkollegium war dem Adel und Gelehrten der Theologie oder Rechtswissenschaft vorbehalten.

Bedeutende Pröpste des St. Andreasstiftes waren Otto Truchsess von Waldburg (Amtszeit 1558?1561; später Augsburger Bischof und Kardinal), Melchior Klesl (Amtszeit 1627?1630; Bischof in Wien und Kardinal) und Ernst Adalbert von Harrach (Amtszeit 1630?1667; Erzbischof von Prag). Die Propstwürde diente ihnen dazu, die Auslagen, die ihre Reisetätigkeit als hohe kirchliche Würdenträger mit sich brachte, zu begleichen. 1601 zählte man 18 Kanoniker, später ging ihre Zahl auf 12 zurück. Seit 1685 führte das Stift den Titel ?Ecclesia Collegiata insignis? (hochansehnliches Kirchenkollegiat), womit seine Vorrangstellung noch einmal deutlich wurde. Es unterhielt eine Schule, die noch im 18. Jahrhundert nachweisbar ist. Eine Reihe bedeutender Maler fertigte Altarblätter für die zehn Altäre in St. Andreas (unter anderem Hans von Aachen, Peter Candid, Joachim Sandrart, Johann Degler, Andreas Wolff). Ab 1756 erhielt die dreischiffige Basilika eine prunkvolle Neuausstattung durch erstrangige Rokokokünstler (unter anderem Stukkaturen von Johann Baptist Zimmermann; Statuen und Altäre von Ignaz Günther). Das Stift besaß auch einen ungewöhnlich reichen Schatz an Paramenten. 1782 wurde ein Kapitelzeichen verliehen, bei dem es sich um eine Medaille mit den Bildnissen der Heiligen Andreas und Ludwig an blauseidenem Band handelte. Als der Fürstbischof Joseph Konrad Freiherr von Schroffenberg 1790 plante, die Vermögen der beiden Kollegiatstifte St. Andrä und St. Veit zur Tilgung seiner Schulden zu verwenden, scheiterte er am energischen Widerstand der Kanoniker.

1802 wurde das Stift im Zuge der Säkularisation aufgehoben; die Stiftskirche und alle dazugehörigen Nebenkirchen, die St.-Martins-Kapelle, die Allerheiligenkapelle, die Münchener Kapelle und die Seelnonnenhauskapelle wurden geschlossen. Im Gegensatz zum Freisinger Domkapitel stand St. Andreas bis zum Schluss in guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Unter den letzten Kanonikern befand sich der bedeutende Theologe und Schriftsteller Klemens Alois Baader (1762?1838; Mitglied der Wissenschaftlichen Akademien in München und Erfurt), der damals ein Buch mit dem Titel ?Nothwendigkeit der individuellen Säcularisation? (1802) verfasste. Ein weiterer Kanoniker des St. Andreasstifts war Dr. Joseph von Heckenstaller (1748?1832), dem das Freisinger Bistum viel verdankt. Unermüdlich und selbstlos führte er nach der Säkularisation die geistliche Verwaltung bis zur Neuerrichtung des Erzbistums in München und rettete eine rund 500 Bände starke Sammlung von Archivalien, die sich heute im erzbischöflichen Archiv befindet.

Die prächtige Stiftskirche St. Andreas, die auf allen alten Kupferstichen Freisings die Westseite des Domberges prägt, war 1803 zum raschen Abbruch bestimmt. Ihre kostbaren liturgischen Geräte gingen an die Münze in München und wurden eingeschmolzen. Die Kircheneinrichtung hat man zum Schleuderpreis versteigert. Die kurfürstliche Gemäldegalerie, die sich einige Kunstwerke einverleibte, schätzte beispielsweise das mächtige Hochaltarbild, das ?Martyrium des heiligen Andreas? von Joachim Sandrart und das Altarbild ?Die Geißelung Christi? von Johann Andreas Wolff zusammen auf lediglich 64 Gulden. Der Hochaltar von Ignaz Günther kam nach Partenkirchen, wo er 1865 einem Brand zum Opfer fiel. Ein Bauer von Nandlstadt in der Hallertau erwarb den Batho-Altar und den Reliquienschrein für insgesamt 9 Gulden. Heute befinden sich die Reliquien des seligen Batho in der Nandlstädter Pfarrkirche St. Martin und werden dort verehrt (Batho-Fest am 30. Juli). Sein barock verziertes Haupt ist zusammen mit anderen Reliquien in einer verglasten Nische in der Südwand der Kirche zu sehen. Ab 1806 wurden auch die meisten Chorherrenkurien von St. Andreas abgebrochen. Im Propsteigebäude und dem Dechanthof war im 19. Jahrhundert das Knabenseminar untergebracht. Die durch die Aufhebung aufgelöste Pfarrei St. Andreas wurde 1837 anderen Freisinger Pfarreien zugeteilt.

Christine Riedl-Valder


 

SUCHE

LAGE IN BAYERN
Kartenausschnitt in Google Maps anzeigen