Edelstetten


 

GESCHICHTE

Edelstetten ? ein Heim für die Töchter des schwäbischen Adels

Schon von fern grüßt die monumentale Anlage des ehemaligen adeligen Damenstifts in dem kleinen Dorf Edelstetten (ursprünglich Oetlinstetten) die Besucher. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts (laut Legende 1126) entstand in dem Ort ein Chorfrauenstift nach der Regel des heiligen Augustinus. Als Stifterin und erste Äbtissin ist Gräfin Gisela aus der Familie Schwabegg-Balzhausen überliefert. Diese Adelsfamilie gründete auch um 1125 in dem nahen Ursberg das erste Prämonstratenserkloster Süddeutschlands (ebenfalls nach der Augustinerregel). Vielleicht kamen einige der Klosterfrauen aus dem ursprünglich in Ursberg neben dem Männerkloster bestehenden Frauenkonvent. Edelstetten übernahm (wie Ursberg) als Klosterwappen dasjenige der Herren von Schwabeck. Die Schirmvogtei lag bei den Habsburgern in ihrer Eigenschaft als Markgrafen von Burgau.

Urkunden aus den Jahren 1160 bis 1283 fehlen. Über die gesamte mittelalterliche Geschichte des Stifts ist wenig bekannt. Von Anfang an aber scheint das adelige Frauenstift nach dem Status eines nicht klösterlich gebundenen, sondern eines freiweltlichen Stifts, was eigentlich dem Hochadel vorbehalten war, gestrebt haben. 1153 wurde die Meisterin des Augustinerchorfrauenstifts Diessen, die selige Mechthild von Andechs, als Äbtissin nach Edelstetten berufen, um das Stift zu reformieren. Ohne großen Erfolg kehrte sie jedoch nach sechs Jahren zurück. Man darf annehmen, dass in diesem Zeitraum die Augustinusregel wenigstens pro forma beibehalten wurde. Der Bischof von Augsburg beschränkte 1283 die Anzahl der adeligen Chorfrauen auf 13. Die Einkünfte des Stifts wurden in Präbenden (kirchliche Pfründe) verteilt; das heißt, je weniger Kanonissen da waren, desto mehr bekam jede einzelne. Im 15. Jahrhundert waren die Chorfrauen bestrebt, die ursprüngliche Regel zu unterdrücken. Spätestens unter Äbtissin Elisabeth von Heimenhofen (1490?1514) war Edelstetten jedoch als weltliches Kanonissenstift anerkannt. In jener Zeit hat man auch den Ortsnamen in Edelstetten umbenannt. Das Stift hatte meist sieben, höchstens 13 Chorfrauen, die ohne Regel und Gelübde nach Statuten lebten und jederzeit austreten und heiraten konnten. Es handelte sich im Grunde um eine Versorgungsanstalt für Töchter des schwäbischen niederen Adels. Nur die Äbtissinnen wurden auf Lebenszeit gewählt.

Nach Schäden im Bauernkrieg 1525 ließ Äbtissin Sibilla von Landenberg die Kirche im Jahr 1580 renovieren. 1632 verwüsteten die Schweden Kirche und Kloster so sehr, dass die Stiftsdamen nach ihrer Rückkehr den Gottesdienst zunächst in der alten, auf einer Anhöhe südlich des Orts gelegenen Michaelskapelle abhalten mussten.Der in wirtschaftlichen Dingen sehr geschickten Äbtissin Margareta Anna von Werdenstein (1629?1681) gelang es, trotz schwerer Zeiten die Kirche mit schönen Altären und einer Orgel auszustatten. Auch ließ sie das Stift wieder in einen bewohnbaren Zustand bringen, baute Ökonomiegebäude, die Mühle und das Mesnerhaus.Die heute bestehende barocke Klosteranlage samt Kirche ist das Zeugnis der größten Blüte des Stiftes unter den Äbtissinnen Katharina Franziska (1681?1691) und Maria Carolina (1691?1726), die beide aus dem schwäbischen Freiherrengeschlecht von Westernach stammten. Ab 1682 wurden die alten Bauten abgerissen und die imposante dreigeschossige Dreiflügelanlage nach Plänen von Michael Thumb errichtet. Der bekannte Vorarlberger Baumeister hatte auch im benachbarten Augustinerchorherrenstift Wettenhausen Stiftskirche und Prälaturtrakt entworfen. Mehrere Räume im ersten und zweiten Obergeschoss des West- und Ostflügels im Kloster wurden repräsentativ mit Stuckdekor und Fresken ausgestattet. Von 1709 bis 1712 erfolgte der Neubau der Stiftskirche als stattliche Saalkirche (nach Plänen von P. Christoph Vogt). Sie bildet seitdem den Südflügel der neuen Stiftsgebäude. Von jeher hatte der Bau die Doppelfunktion als Stifts- und Pfarrkirche, die den Heiligen Johannes Evangelist und Johannes dem Täufer geweiht war. Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zog sich die Fertigstellung der prunkvollen Kirchenausstattung hin. Weißer Stuck in der Wessobrunner Formensprache von Simpert Kraemer, ein umfangreicher Freskenzyklus von Arbogast Thalheimer (39 Bilder!) und die Ältäre des bekannten Rokokomeisters Johann Michael Fischer verliehen der Damenstiftskirche den üppigen Formenreichtum des schwäbischen Rokoko. An der Westwand verewigte man mit Wappenkartuschen die Auftraggeberin, Äbtissin Maria Carolina von Westernach (gest. 1726) und die acht damaligen Stiftsdamen. Der Nonnenchor bekam seinen Platz auf der großen Emporenanlage zwischen den beiden Freipfeilern im Westen. An deren Balustrade wurden Messingkartuschen mit Wappen der Stiftsdamen und die Bauinschrift angebracht. 1783 stieg Edelstetten zur Reichsabtei auf. Die Folge war, dass die Stiftsdamen aus dem gemeinsamen Dormitorium in Einzelzimmer umzogen.

1802 wurde das ?reichs-frei-weltliche adelige Damenstift? säkularisiert und dem belgischen Fürsten Karl von Ligne (gest. 1814) als Entschädigung für die Grafschaft Fagnolles im Hennegau zugesprochen. Damals lebten neben der Äbtissin noch acht Kanonissen im Stift. Sie zogen 1803 aus. Fürst Ligne verkaufte die Grafschaft 1804 an den ungarischen Fürsten Nikolaus II. Esterhazy von Galanta. Das ehemalige Damenstift, jetzt Schloss, ist mit dem zugehörigen Grundbesitz bis heute im Besitz der Fürsten Esterhazy.

Die repräsentativen Räume aus dem 18. Jahrhundert und die 1788?1790 eingebauten Einzelzimmer der Stiftsdamen im Ostflügel haben sich erhalten. Viele Kunstschätze im Schloss und viele Details (Epithapen und Wappenschilder der Äbtissinnen und Stiftsdamen) in der ehemaligen Stiftskirche erinnern an die frommen adeligen Damen in Edelstetten. Eines der reizvollsten Relikte aus jener Zeit stellt zweifellos die außergewöhnliche Krippe dar ? eine der wertvollsten Barockkrippen Schwabens ?, die zur Advents- und Weihnachtszeit an der Südseite des Chors aufgestellt wird. Sie zeigt das weihnachtliche Geschehen in sieben Szenen mit prächtigen Bauten und etwa 120 zum Großteil kostbar bekleideten Gliederpuppen.

Christine Riedl-Valder



 

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AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Thalheimer, A., Johannes d.T. und Joh.d.Ev. mit Kirchenmodell, Fresko, 1710/11, Neuburg/Kammel, ehem. Damenstiftsk. St. Johannes
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Voithenberg, G.)

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