Bernried


 

GESCHICHTE

Bernried – ein Zentrum der Klerusreform im 12. Jahrhundert

 

Um 1120 gründeten Graf Otto von Valley und seine Gemahlin Adelheid am Westufer des Starnberger Sees das Augustiner-Chorherrenstift Bernried. Sie statteten das unter dem Patronat des hl. Martin stehende Stift mit Gütern aus ihrem Besitz aus. Ihr Schild, den sie dem Stift als Klosterwappen überließen, zeigt einen schwarzen Schrägbalken mit fünf silbernen Glocken auf goldfarbenen Untergrund. Die ersten Chorherren kamen vermutlich aus Dießen, als Propst wurde der Weltpriester Sigebot von Epfach am Lech erwählt. Er gehörte einem Reformkreis an, der sich um die Einsiedlerin Herluca in Epfach gebildet hatte. Die Bewegung strebte einen untadeligen Lebenswandel für Geistliche an. Sie richtete sich vor allem gegen den damals vielfach praktizierten Verkauf geistlicher Ämter und die Priesterehe. 1121 floh Herluca nach Bernried. Hier traf sie mit dem Kleriker Paul und dessen Schüler Gebhard aus Regensburg zusammen. Paul, der als „Paulus Bernridiensis“ in die Geschichte einging und das ehrenvolle Prädikat „bayerischer Livius“ erhielt, war ein Vorkämpfer der Kirchenreform in Süddeutschland und ein bedeutender Biograf. Er reiste bald weiter nach Rom, um dort Quellen für eine Biografie Papst Gregors VII. zu sammeln. 1122 überbrachte er von Papst Calixt II. (1119–1124) das päpstliche Schutzprivileg für das neue Stift. Bernried war somit direkt dem päpstlichen Stuhl unterstellt und nicht an die Weisungen des Augsburger Bischofs gebunden. Paul verfasste auch einen Bericht über das Leben der Herluca. Sie starb 1127 in Bernried und wurde später selig gesprochen. Herluca und das adelige Gründerpaar fanden in der Stiftskirche ihre letzte Ruhestätte. Eine Bodenplatte im Chorraum erinnert noch heute an die Stifter. 1202 gehörten dem Stift sechs Chorherren, je zwei Diakone und Subdiakone, sowie drei Brüder an. Das Frauenkloster, das wohl von Anfang an neben dem Männerstift bestanden hatte, dürfte spätestens im 13. Jahrhundert aufgehoben worden sein. Als 1268 das Geschlecht der Valley erlosch, erbten die Wittelsbacher Herzöge die Vogtei.

Über die ältere Geschichte des Klosters ist nur wenig bekannt, da sein Archiv und seine Bibliothek bei mehreren Bränden vernichtet wurden. Die Gründung verfügte nie über besondere Reichtümer oder Privilegien, war jedoch für viele andere Stifte ein Vorbild bezüglich Zucht und Ordnung. Unter Kaiser Ludwig dem Bayern (um 1282–1347) erhielt der Propst die niedere Gerichtsbarkeit über alle Personen, die zur Hofmark gehörten. 1382 ließ Propst Ulrich Saller für die Einwohner von Bernried eine eigene Pfarrkirche zu Ehren Maria Himmelfahrt errichten.

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) brachte dem Stift große Belastungen, die durch Verwüstung und Einquartierung von spanischen Soldaten entstanden waren. Danach baute Propst Johann Riedl (1638–1675) mit finanzieller Unterstützung von Kurfürst Ferdinand Maria und weiteren Adeligen Kloster und Kirche wieder auf. Er gilt daher als der zweite Gründer des Stifts. Die gotische Kirche wurde vermutlich von dem Bernrieder Baumeister und Stuckateur Kaspar Feichtmayr umgebaut. Mit einem neuen Hochaltar erfolgte 1663 die Einweihung. Eine letzte Blütezeit erlebte das Stift unter Propst Mansuetus Resch (1723–1741), der alle Gebäude restaurieren ließ und Wissenschaft, Kunst und Kultur förderte. Ende des 18. Jahrhunderts lieferte der Münchner Maler Franz Kirzinger das neue Hochaltarbild „Glorie des hl. Martin“ sowie Gemälde für neue Seitenaltäre. 1774 lebten 13, 1802 sogar 18 Chorherren im Stift Bernried.

Die Säkularisation 1803 bedeutete die Enteignung und Auflösung des Bernrieder Stifts durch den Staat. Teile der Bibliothek kamen in die Hofbibliothek, die spätere Bayerische Staatsbibliothek. Die Stiftskirche wurde Pfarrkirche. 1810 erwarb lgnaz Graf Arco die Klosteranlage. Nach mehreren Eigentümerwechseln kaufte August Freiherr von Wendland 1852 das ehemalige Stift und die Ländereien. Er ließ Ost-und Westtrakt des Klosters abreißen und gestaltete den Südflügel als Schloss im Neorenaissancestil um. Der rund 80 Hektar große Bernrieder Park, der unmittelbar am Starnberger See liegt und seit der Stiftsgründung zum Besitz des Klosters gehört hatte, erfuhr Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Königlichen Oberhofgärtner Carl von Effner und dessen Sohn Carl Joseph von Effner eine Umgestaltung zum englischen Landschaftspark. 1941 gingen das Schloss und der Park an das Reichsinnenministerium. Im Jahr 1942 verlegte man kriegsbedingt die Orthopädische Klinik von München in das Bernrieder Schloss. Schließlich erwarben die Missionsbenediktinerinnen von Tutzing 1949 die Anlage und bauten im Lauf der folgenden Jahrzehnte hier Lehranstalten, eine mobile Kranken- und Sozialbetreuung sowie die Zentralstelle des Hospizvereins Pfaffenwinkel e.V. auf. Im Kloster der Missionsbenediktinerinnen erinnern noch heute zwei Gemälde des adeligen Paares Otto und Adelheid von Valley an die Gründer des Stifts Bernried.

 

Christine Riedl-Valder

 

 

Links:

http://www.missions-benediktinerinnen.de/bernried.htm

http://www.bildungshaus-bernried.de/

 



 

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AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Ansicht der St. Martinskirche und des Südflügels des ehem. Augustiner-Chorherrenstifts Bernried am Starnberger See (Umbau 1659 ff., Weihe 1662), Fotografie: 1990.
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Heck, A.)

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