Berchtesgaden, Franziskanerkloster


 

GESCHICHTE

Seelsorger der Fürstpropstei - Franziskaner in Berchtesgaden

Das Kloster der Franziskaner-Reformaten in Berchtesgaden wurde 1695 von Joseph Clemens von Bayern (1671?1723) gegründet. Dieser war seit 1688 nicht nur Kurfürst und Erzbischof von Köln, sondern seit 1685 auch Koadjutor der Fürstpropstei Berchtesgaden. Bereits im Verlauf des 16. Jahrhunderts hatte es immer häufiger Schwierigkeiten bei der Seelsorge für Berchtesgaden und seine Umgebung gegeben. Die Augustiner-Chorherren, die seit 1102 in der Stadt ansässig waren, konnten aufgrund ihrer Statuten zu dieser Aufgabe nicht verpflichtet werden. Erst die Berufung der Franziskaner aus der Bayerischen Provinz sicherte die Seelsorge im Stift sowie in der im 15. Jahrhundert errichteten Kirche ?Unserer lieben Frau am Anger?: Am 24. Dezember 1684 trafen zwei Patres aus dem bayerischen ?Ausland? ein, die im Augustinerchorherrenstift einquartiert wurden, da sie zunächst nur als zeitlich befristete Aushilfen vorgesehen waren. Kurfürst Joseph Clemens genehmigte im November 1695 jedoch ihren dauerhaften Verbleib mit der Errichtung eines Franziskanerhospizes in den Gebäuden der ehemaligen Augustinerstiftsfrauen am Anger. Das um 1400 dorthin verlagerte Frauenstift war um 1550 ausgestorben und teilweise abgerissen worden. Nach dem Weggang der ?Schönen Frauen? ? so nannte man sie aufgrund ihrer weißen Ordenstracht ? ließ der damalige Propst Wolfgang II. Griesstätter die Bauten als Alterssitz ausbauen. Über mehr als 100 Jahre diente das Stift als Alterswohnsitz für Stiftsbeamte sowie Angehörige der Chorherren. 1699 ging das gesamte Kloster am Anger mit Kirche und Garten in den Besitz der bayerischen Franziskanerprovinz über.

Der Spanische Erbfolgekrieg verzögerte die Erhebung des Hospizes zu einem selbstständigen Konvent bis in den November 1715. Fortan lebten acht bis zwölf Patres sowie einige Laienbrüder in der Berchtesgadener Gemeinschaft. Zwischen 1716 (andere Quellen geben den Neubau bereits mit 1699 an) und 1723/24 erfolgte der Neubau der Klostergebäude als schlichte Anlage. In den folgenden Jahren sicherte vor allem die Wallfahrt zum Gnadenbild der ?Ährenmadonna? das Franziskanerkloster wirtschaftlich ab.

Die umfangreiche Seelsorgearbeit der Franziskaner im Berchtesgadener Tal, zu der die so genannten Volksmissionen und elementarer Schulunterricht zählten, beinhaltete auch Auseinandersetzungen mit den Protestanten, deren Einfluss vom Salzburger Land her nicht unerheblich war. Den Höhepunkt der gegenreformatorischen Politik in der Fürstpropstei stellte 1733 die Auswanderung der protestantischen Bergleute dar.

Seit den 1770er-Jahren versuchte die Leitung der Fürstpropstei die Franziskaner aus ihrem Kloster zu vertreiben und stattdessen Tiroler Kapuziner für die Seelsorgen zu gewinnen. Als dem bayerischen Kurfürsten jedoch diese Planungen bekannt wurden, stellte er die Berchtesgadener Franziskaner unter seinen persönlichen Schutz und schlug das Kloster endgültig der bayerischen Franziskanerprovinz zu.

Als die Fürstpropstei 1802 von österreichischen Truppen eingenommen und säkularisiert wurde, unterstand das Franziskanerkloster ab Februar 1803 zunächst der Herrschaft des Großherzogs von Toscana, bevor es 1806 an die österreichische Linie der Habsburger fiel. Im Frieden von Schönbrunn 1809 wurde Berchtesgaden dem Königreich Bayern zugesprochen, das im September 1810 von seinen Rechten Gebrauch machte und Stadt sowie Kloster in Besitz nahm. Obwohl man 1812 die klösterlichen Provinzialverbände auflöste und ein Jahr später die Zahl der Konventualen im Franziskanerkloster auf sechs reduzierte, wurde der Berchtesgadener Konvent nie offiziell säkularisiert. Die Gemeinschaft überlebte die kommenden 23 Jahre als Aussterbekloster: 1822 starb der letzte Pater, der vor der Säkularisation in das Kloster eingetreten war. Anschließend zogen das Hauptsalinenamt und später das Amtsgericht in den größten Teil des ehemaligen Klosters ein.

Im Oktober 1835 gewährte König Ludwig I. von Bayern auf wiederholtes Drängen der Berchtesgadener Bevölkerung den Fortbestand des Franziskanerklosters am Anger als Hospiz: Lediglich ein Laienbruder wahrte die Kontinuität, als im Dezember 1835 ein Tiroler Franziskaner das Kloster mit neuem Leben erfüllte. Erst 1859 hatte die bayerische Franziskanerprovinz wieder genügend Nachwuchs, um Berchtesgaden von den Tirolern zu übernehmen. Das Hauptsalinenamt blieb weiterhin in den einstmals klösterlichen Räumen, sodass den Franziskanern nur noch etwa ein Drittel ihrer ehemaligen Gebäude zur Verfügung stand. Von 1887 bis 1894 wurde die Klosterkirche einer grundlegenden Renovierung unterzogen, eine weitere folgte 1935, die letzte zwischen 1992 und 1995.

In der Zeit des Nationalsozialismus hatten auch die Franziskaner in Berchtesgaden unter Repressalien zu leiden, die in der Konfiszierung von Kirche und Klostergebäuden 1941 gipfelten. In der Karwoche mussten die Konventualen ihr Kloster räumen, die Patres kamen im Pfarrhof unter, die Brüder im Mesnerhaus. Trotz der anschließenden massiven Umbauarbeiten wurde die Kirche weiterhin als Gotteshaus genutzt. Nach dem Ende des Krieges bemühten sich die Franziskaner um die Wiederinbesitznahme ihrer Klostergebäude. Dies gelang bereits zum 31. Mai 1945.

1985 ? nach 290 Jahren ? beschloss die bayerische Franziskanerprovinz aufgrund des mangelnden Nachwuchses, das Berchtesgadener Kloster aufzugeben. Den letzten Novizen hatte man 1949 aufgenommen. Zum 1. August 1986 gewann die Ordensleitung polnische Mitbrüder aus der Provinz Kattowitz für die seelsorgerischen Aufgaben: Im Mai 1897 traf der erste polnische Franziskaner ein. Etwa gleichzeitig machte das Amtsgericht seine Räumlichkeiten frei. Dort wurde 1988 nach Umbauten das ?Nationalpark-Haus? eröffnet.

Angelika Schuster-Fox



 

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AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Ansicht von Berchtesgaden und dem Franziskanerkloster (links), Tuschezeichnung, um 1800, Berchtesgaden, Heimatmuseum.
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Voithenberg, G.)

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