Attel


 

GESCHICHTE

Attel ? Von der Benediktinerabtei zur Heimat für behinderte Menschen

Auf einem Hügel oberhalb des Inns bei Wasserburg entstand im 11. Jahrhundert ein Benediktinerkloster. An gleicher Stelle hatte vermutlich schon im 10. Jahrhundert eine dem hl. Michael geweihte Zelle bestanden. Das Benediktinerkloster wurde um 1037 von dem Grafen Arnold V. von Andechs-Dießen gegründet und mit Ländereien ausgestattet. Der Bruder des Stifters, Graf Friedrich, ließ aber um 1070 das Kloster wiederholt überfallen und zerstören, sodass ein klösterliches Leben in Attel nicht mehr möglich war.

1137 kam es zum Wiederaufbau des Klosters unter dem Hallgrafen Engelbert von Limburg-Wasserburg. Er versah Attel reich mit Kirchen, Höfen, Ländereien und Zehntrechten. Das wieder erstandene Kloster wurde der in der Steiermark gelegenen Abtei Admont unterstellt. Es war von den Hirsauer Reformen geprägt, die eine strenge Einhaltung der Benedikt-Regel und ein von weltlichen und bischöflichen Einflüssen unabhängiges Klosterleben unter päpstlichem Schutz zum Ziel hatten. Die Vogtei über Attel erhielt die Stifterfamilie. 1177 bestätigte Papst Alexander III. alle bisher erteilten Privilegien, wie die freie Abtwahl, und unterstellte das Kloster ausdrücklich seinem päpstlichen Schutz.

Ab dem 13. Jahrhundert wurde der Abtei eine Reihe von Pfarreien inkorporiert, darunter Wasserburg. Außerdem erlangte Attel durch zahlreiche Schenkungen und Stiftungen von Gütern, Ländereien, Einkünften und Rechten eine bedeutende Stellung in der Region. 1423 ernannte der bayerische Herzog Wilhelm den Abt Johann Kofrär (reg. 1413-1441) zu seinem Kaplan. Während des Basler Konzils (1441) erhielt Abt Johann das Recht zum Gebrauch der Pontifikalien. 1452 wurde von Tegernsee aus die Melker Reform in Attel eingeführt, sodass vor Beginn der Reformation in Attel - im Gegensatz zu anderen Klöstern - keineswegs der Zerfall der Ordenszucht beklagt werden musste. Vielmehr erlebte die Abtei einen großen Aufschwung. Sie erweiterte ihren Besitz durch den Zukauf von Gütern und Ländereien und blühte auch auf künstlerischem Gebiet. 1509 fertigte beispielsweise ein Wasserburger Bildhauer mit dem bis heute erhaltenen Stifterhochgrab für Attel eine herausragende spätmittelalterliche Grabplastik.

Die Jahre der Reformation überstand Kloster Attel unbeschadet. Abt Engelbert (1523) wurde vom Papst sogar dem Herzog zur Bekämpfung der lutherischen Bewegung in Bayern empfohlen. Die im September 1560 von Vertretern des Herzogs und des Bischofs durchgeführte Generalvisitation ergab, dass die Ordensregeln eingehalten und die Sakramente nach katholischer Art ausgeteilt wurden. Zu dieser Zeit lebten neben dem Abt zehn Konventualen in Attel.

Erst während des Dreißigjährigen Kriegs litt die Ordenszucht. Die Zahl der Mönche sank aufgrund der grassierenden Pest und der Zerstörungen durch schwedische Truppen. Andererseits hat aber auch die Atteler Wallfahrt zu der 1658 errichteten Kapelle ?Unserem Herrn im Elend? ihren Ursprung in dieser Zeit. Im Jahr 1628 hatte man im Inn ein romanisches Kruzifix gefunden. Der Legende nach sei dieses Gnadenbild in einem Wasserstrudel flussaufwärts (!) geschwommen und man habe den Ruf ?O Elend, o Elend? vernommen. Unter Abt Engelbert Fischer (reg. 1669-1687) wurde Attel wieder aufgebaut. Die Abtei trat der bayerischen Benediktinerkongregation bei, die 1684 nach langwierigen Verhandlungen zwischen dem bayerischen Kurfürsten, den Bischöfen und den Äbten durch Papst Innozenz XI. gegründet worden war.

Im 18. Jahrhundert wurde unter Abt Cajetan Scheyerl (reg. 1703-1723) die romanische dreischiffige Basilika aus dem 12. Jahrhundert abgerissen und durch einen barocken Neubau nach dem Vorbild der Münchner Jesuitenkirche St. Michael ersetzt. Die 1715 geweihte Abteikirche wurde unter Abt Nonnosus Moser (reg. 1723-1756) in den folgenden Jahrzehnten im Stil des Rokoko ausgestattet. Der 1731 fertig gestellte Hochaltar zeigt den Engelssturz von Peter Paul Rubens in einer Kopie des Konventualen Leander Laubacher. Die Immaculata-Figuren stammen von Ignaz Günther. Auch die Wallfahrtskirche, die Klostergebäude und die Bibliothek entstanden neu. Der Bestand der 1788 vollendeten Klosterbibliothek wurde unter Abt Dominikus Weinberger wesentlich vermehrt. Nach der Säkularisation wurden die über 5300 Bände aus den Bereichen Theologie, Recht, Philosophie, Mathematik, Philologie, Geschichte und Medizin auf verschiedene bayerische Bibliotheken verteilt.

Am 18. März 1803 wurde die Abtei Attel säkularisiert. Der bayerische Lokalkommissar Felix von Grimming ließ den gesamten klösterlichen Besitzstand zunächst beschreiben und schätzen und anschließend verkaufen und versteigern. Die Klosterkirche St. Michael diente in staatlichem Besitz als Pfarrkirche. Die Gebäude gingen in Privatbesitz über.

1873 erwarb der Orden der Barmherzigen Brüder die Anlage und errichtete eine Pflegeanstalt für unheilbar kranke Männer. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Pflegeheim beschlagnahmt und als Lazarett genutzt. Ab 1946 diente das Areal als Lager für Displaced Persons. Erst 1950 konnte der reguläre Betrieb als Pflegeheim wieder aufgenommen werden. Zwischen 1970 bis 2000 entstanden auf dem Gelände zahlreiche Erweiterungsbauten, beispielsweise eine Förderschule, Werkstätten und Wohnheime. Von 1970 bis 1994 verwaltete der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising die Stiftung Attel. Seither wird die Stiftung als Einrichtung für behinderte Menschen in Selbstverwaltung geführt.

(Stephanie Haberer)



 

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AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Epitaph für Abt Sebastian Adler (gest. 1547), Steinrelief/Rotmarmor, um 1550, Wasserburg/Inn (Attel), ehem. Benediktinerklosterkirche St. Michael.
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Voithenberg, G.)

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