Mutterhaus für kirchliche Diakonie (ev)


 

GESCHICHTE

München-Ottobrunn, Mutterhaus für kirchliche Diakonie

Eine Gruppe von Protestantinnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen deutschen Gebieten in Polen nach Bayern geflohen war, wollte in der Region München ein Diakonissenhaus moderner Prägung gründen, um der Not nach den Kriegswirren zu begegnen. Es sollte die Jugend ansprechen und für den kirchlichen Dienst begeistern. Im Gegensatz zu den traditionellen Diakonissenhäusern sollten die drei „evangelischen Räte“ - Gehorsam, Armut, Keuschheit - in der neuen Einrichtung nicht als ehernes Gesetz gelten, sondern in der Eigenverantwortung der einzelnen Mitglieder liegen. Man strebte einen Mittelweg zwischen strengem Orden und freier Schwesternschaft an.
Das Vorhaben fand Unterstützung durch den evangelischen Landesbischof Hans Meiser (1881-1956) und Friedrich Langenfaß (1880-1965), den Dekan des evangelisch-lutherischen Kirchenbezirks München. Oberin Schwester Klothilde Reutzel aus der Diakonissenanstalt Neudettelsau erklärte sich im Juli 1945 bereit, die Leitung der neuen Einrichtung zu übernehmen. Sie sollte den Namen „Mutterhaus für kirchliche Diakonie“ tragen, wie Bischof Meiser noch im selben Jahr bestätigte. Als erster Rektor wurde Friedrich Hofmann, der Pfarrer der Münchner Christuskirche, berufen. Die Gründungsfeier fand am 25. März 1946 statt. Die Frauen bezogen ihre erste Heimstätte in einem Hinterhaus in der Landwehrstraße; später zogen sie in die Magdalenenstraße um. Der erste Diakonische Kurs startete bereits in den Wintermonaten 1945/46. Bis 1966 absolvierten ihn rund 170 Schwestern, die dann  in die Dienst-, Glaubens- und Lebensgemeinschaft des Mutterhauses eintraten. Die ersten Einsegnungen erfolgten 1949.
Das Aufgabenfeld der Schwestern war breit gefächert: Sie arbeiteten für die Münchner Evangelische Bahnhofsmission, in der Jugendarbeit der kriegszerstörten Landeshauptstadt und des Landkreises, im Flüchtlingslager München-Laim, im Krankenhaus und Altenheim in Ottobrunn, in der Lagerfürsorge in Traunstein, in der Gemeindekrankenpflege der Münchner Stadtteile Allach, Laim und Kreuzkirche sowie in gleicher Funktion in Dachau, Weilheim, Ottobrunn, Grafing und Berchtesgaden. Dazu kam ihr Einsatz im Sozialdorf Herzogsägmühle in Peiting (Lkr. Weilheim-Schongau), das seit 1946 unter der Leitung des evangelischen Vereins für Innere Mission München stand. Dort betreuten die Diakonissen Kriegsverletzte und körperbehinderte Jugendliche.
Bis 1949 wurde das Mutterhaus unter der Trägerschaft der Inneren Mission München geführt. Am 29. April 1950 erhielt es den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen. Damit verbunden waren die Wahl eines Schwesternrats und die Bildung eines Kuratoriums. 1951 kam für die Diakonissen ein weiteres großes Betätigungsfeld in Bischofshofen (Lkr. Berchtesgadener Land) hinzu. Im dortigen Ortsteil Strub ging in den Gebäuden der ehemaligen Reichssportschule der Wehrmacht, die nach Kriegsende unter anderem zur Unterbringung lettischer Flüchtlinge gedient hatten, ein internationales Senioren- und Pflegeheim für alte und kranke Flüchtlinge in Betrieb. Gleichzeitig wurde die aus einer Turnhalle zum Gotteshaus umgebaute Kirche geweiht. 500 Flüchtlinge aus sieben Nationen fanden hier Aufnahme. In der Folgezeit kamen Neubauten für einen Kindergarten, Kinderhort, eine Kinderkrippe, eine Berufsfachschule für Altenpflege und Altenpflegehilfe und ein Rehabilitationszentrum für adipöse Jugendliche hinzu, die heute alle zur „Lebenswelt Insula“ gehören.
1955 entstand am Standort in Ottobrunn der Neubau des Mutterhauses. Das dortige Evangelische Krankenhaus wurde 1956 in Eigenregie übernommen – seit 1948 arbeiteten die Diakonissen bereits in dieser Einrichtung. Außerdem wurden ein Altenheim und eine Berufsfachschule mit zweijähriger Ausbildung für die Krankenpflege eröffnet. Die Zentrale des Mutterhauses zog später in ein Haus im Hohenbrunner Ortsteil Riemerling bei München um.
Mitte der 1960er-Jahre setzte eine organisatorische Umstrukturierung der Gemeinschaft ein. Im Verwaltungsbau in Hohenbrunn wurde 1967 das „Seniorenwohn- und Pflegezentrum Lore Malsch“ begründet. Mit Beteiligung der Diakonissen entstand der „Evangelische Schwesterring München“. 1974 wurde das „Mutterhaus für kirchliche Diakonie“ in das „Evangelisch-Lutherische Diakoniewerk Hohenbrunn“ und den „Verein der Ottobrunner Diakonie-Schwesternschaft“ aufgespalten. Letzterer schloss sich dem „Zehlendorfer Verband für Evangelische Diakonie“ an. Der Großteil der Frauen ist heute (2017) im Ruhestand, viele sind aber noch ehrenamtlich tätig.
Das Diakoniewerk Hohenbrunn übernahm die Rechtsnachfolge des Mutterhauses inklusive seines Vermögens und die Trägerschaft für die bereits bestehenden Einrichtungen. Dazu gehörten in Hohenbrunn das Pflege- und Demenzzentrum und ein 2014 eingerichtetes Flüchtlingsheim der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Feldkirchen (seit 2016 von Tochtergesellschaften der Inneren Mission München betrieben), in Taufkirchen die Seniorenwohnanlage „Am Hachinger Bach“ mit Kurzzeitpflegeplätzen und in Ottobrunn das Pflegezentrum St. Michael, das seit 1998 Tagespflege für hilfsbedürftige Menschen bietet und seit 2013 die ersten Wohngemeinschaften für Demenzkranke im Landkreis München betreibt. Der Sitz der Zentralverwaltung befindet sich in der „Lebenswelt Insula“ in Bischofshofen-Strub.
(Christine Riedl-Valder)

Link:
http://www.dw-hohenbrunn.de
http://www.zehlendorfer-verband.de



 

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