München, Angerkloster der Armen Schulschwestern


 

GESCHICHTE

München, Angerkloster der Armen Schulschwestern – Pionierinnen des bayerischen Mädchen-Bildungswesens

 

Maria Theresia von Jesu Gerhardinger (1797-1879) war nach der Gründung der ersten Niederlassung der Armen Schulschwestern in Neunburg vorm Wald 1833 auf der Suche nach einem geeigneten Mutterhaus ihres Ordens in zentraler Lage. In König Ludwig I., dem die Bildung der Jugend ein Anliegen war, fand sie einen mächtigen Förderer. Er stellte der Kongregation die Gebäude des ehemaligen Klarissenklosters am Anger zur Verfügung. Am 16. Oktober 1843 wurde die neue Heimstatt der Armen Schulschwestern in München von Erzbischof Lothar Anselm von Gebsattel eingeweiht. Das schon in Neunburg begründete, erste bayerische Lehrerinnenseminar des Ordens wurde ins Mutterhaus nach München verlegt und konnte sich hier gut entfalten.

 Papst Pius IX. bestätigte im Jahr 1865 die Regeln der Kongregation. Die Frauengemeinschaft breitete sich erstaunlich schnell aus und entwickelte sich zum größten weiblichen Schulorden der katholischen Kirche. 1879, als Mutter Theresia starb, zählte ihre Kongregation bereits 129 Häuser in Bayern, 166 Filialen in ganz Europa und 133 Niederlassungen in Nordamerika, die nach der 1847 erfolgten Reise der Ordensgründerin in der Neuen Welt entstanden waren. In der Folgezeit erhielten Tausende Mädchen ihre Schulbildung und die Unterweisung in Glaubensfragen in dieser Institution. In München wurden die Volksschule im Angerkloster und das Theresia-Gerhardinger-Gymnasium für Mädchen eröffnet. Als erste Münchner Schule verfügte die Volksschule über elektrisches Licht und bot Sportunterricht in einem eigenen Turnsaal. Ab 1874 diente die von den Schwestern geleitete, mittlerweile siebenklassige städtische Volksschule gleichzeitig als Seminarschule für den Ordensnachwuchs, der hier im Unterricht praktische Erfahrungen sammeln konnte.

 Um die Wende zum 20. Jahrhundert setzte eine pädagogische Reform ein, die nicht zuletzt vom Kampf um die Gleichberechtigung der Frau auf dem Bildungssektor getragen wurde. Die Mädchenschule der Armen Schulschwestern am Anger war damals mit rund 700 Schülerinnen die bestbesuchte Höhere Töchterschule der Stadt München. Aufgrund der Neuregelung des Mädchenschulwesen 1911 entwickelte die Kongregation eine sechsklassige Höhere Mädchenschule, später Lyzeum genannt, die mit der Hochschulreife abschloss. Außerdem entstand eine dreijährige Haustöchterschule, die spätere Mittelschule, die zur mittleren Reife führte. Da die Schulräume den Anforderungen bald nicht mehr entsprachen, errichtete man in den Kriegsjahren zwischen 1914 und 1918 einen repräsentativen Neubau an der Blumenstraße, der die Schulen mit modernsten Unterrichtsräumen für Naturwissenschaften und Kunst sowie ein Internat beherbergte. In der Au im Münchner Osten wurde eine Berufsfachschule für Hauswirtschaft und eine Fachakademie für Sozialpädagogik gegründet.

 Im Schuljahr 1934/35 besuchten allein in Bayern über 68000 Mädchen die Einrichtungen der Armen Schulschwestern; in ganz Europa betreute die Kongregation etwa 100000, in Amerika fast 150000 Schülerinnen. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfuhr der Orden massive Einschränkungen; die Münchner Einrichtungen wurden, wie fast alle anderen deutschen Institute der Armen Schulschwestern, geschlossen. 1944 zerstörten Bomben bei einem Luftangriff das Kloster und die Jakobskirche. Die Schwestern fanden im schwer beschädigten Schulhaus an der Blumenstraße eine Behelfsunterkunft.

 Bereits 1945 wurde der Unterricht mit acht Klassen wieder aufgenommen, doch erst 1956/57 konnte die neue Niederlassung am Anger, ein geräumiger Vierecksbau, bezogen werden. Der Neubau von Kloster und St.-Jakob-Kirche erfolgte nach Plänen des Architekten Friedrich Haindl. Bis 1957 war die Münchner Niederlassung gleichzeitig Sitz der Generaloberin. Seither wird die Internationale Kongregation der Armen Schulschwestern vom Generalatshaus in Rom aus geführt.

 In der St. Jakobskirche befindet sich die Ruhestätte der Stifterin Mutter Maria Theresia. Sie wurde 1985 durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Der Ministerrat der Bayerischen Staatsregierung beschloss 1998, die Büste von Mater Theresia Gerhardinger in die Walhalla bei Regensburg aufzunehmen und sie damit als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten Deutschlands zu ehren. Die von ihr begründete Kongregation leistete seit ihren Anfängen einen immensen Beitrag zur Entwicklung des bayerischen Bildungs- und Sozialwesens. Heute ist der Orden in 35 Ländern mit Waisenhäusern, Kindergärten, Grund- und weiterführenden Schulen und sonstigen Bildungseinrichtungen vertreten. Gegenwärtig gehören rund 700 Schwestern zur bayerischen Ordensprovinz; weltweit sind es rund 3000.

 Das Gerhardinger-Gymnasium am Unteren Anger und das Gymnasium am Anger (Blumenstraße 26) wurden 1996 zum Theresia-Gerhardinger-Gymnasium am Anger zusammengelegt. Die Grundschule wurde 2002 zweizügig organisiert und erhielt den Namen Theresia-Gerhardinger-Volksschule am Anger. Zur Münchner Niederlassung der Kongregation gehören darüber hinaus ein Studentinnenwohnheim am Anger, die Fachakademie für Sozialpädagogik und die Berufsfachschule für Ernährung und Versorgung am Mariahilfplatz. Die Schwestern im Münchner Angerkloster bieten neben ihrem pädagogischen Engagement auch ein Veranstaltungsprogramm für Mädchen und Frauen, das Orientierungs-, Besinnungs- und Meditationskurse sowie Bibelwanderungen und die Möglichkeit, das „Kloster auf Zeit“ auszuprobieren, umfasst.

 

 

(Christine Riedl-Valder)

 

 

Link:

 

www.schulschwestern.de



 

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