Passau, Niedernburg


 

GESCHICHTE

Niedernburg in Passau – Wallfahrtsort der Ungarn

Schon um die Mitte des 8. Jahrhunderts soll Herzog Tassilo III. in Passau auf dem „Ort“, der Landzunge zwischen Donau und Inn, ein Kanonissinnen-Stift errichtet haben. Archäologische Funde belegen einen Kirchenbau aus jener Zeit, in der durch den hl. Bonifatius das Bistum Passau gegründet wurde. Die erste überlieferte urkundliche Erwähnung des Damenstifts ist eine Urkunde König Arnulfs aus dem Jahr 888.

Die Kanonissinnen von Niedernburg waren adlige Frauen, an deren Spitze eine Äbtissin stand. Sie lebten nach kirchlichen Vorschriften in Gemeinschaften, waren aber nicht an Gelübde gebunden. Ab dem 9. Jahrhundert orientierten sich diese Gemeinschaften zunehmend an der Regel des hl. Benedikt. In Niedernburg wurde vermutlich unter Heilika, der ersten namentlich bekannten Äbtissin (reg. 954–1020), die Benedikt-Regel eingeführt.

Nachdem Otto II. im Jahr 976 das Kloster dem Passauer Bischof Pilgrim als Eigenkloster übergeben hatte, versuchte Niedernburg diese Abhängigkeit loszuwerden. Deshalb suchte die Äbtissin Heilika engen Kontakt mit dem Herrscherhaus der Ottonen. Tatsächlich erlangte das Kloster mit der Erhebung zur Reichsabtei durch Kaiser Heinrich II. am 19. April 1010 eine rechtlich unabhängige und reichsunmittelbare Stellung.

Durch drei Schenkungsurkunden erhielt die Reichsabtei neben dem Bischof die mächtigste wirtschaftliche Stellung in Stadt und Region. Zu seinem Grundbesitz gehörten der Nordwald zwischen den Flüssen Ilz und Rodel sowie das Gebiet zwischen Donau und Böhmerwald, das „Land der Abtei“, in dem das Kloster die Gerichtsbarkeit ausübte. Niedernburg wurde mit bedeutenden Rechten ausgestattet, wie der Böhmischen Maut, dem Marktzoll und der Wasser-Maut aus dem Passauer Innhandel.

Im 11. Jahrhundert entstand die romanische dreischiffige Pfeilerbasilika Heiligkreuz. Mitte des 11. Jahrhunderts wurde hier die Äbtissin Gisela, Schwester Kaiser Heinrichs II., Witwe des ungarischen Königs Stephan des Heiligen und zweite Nachfolgerin Heilikas, bestattet.

Im 12. Jahrhundert wurde als zweiter Sakralbau eine Marienkirche errichtet, von der bis heute das Fresko Maria mit dem Kind erhalten ist.

In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts verlor Niedernburg seine reichsunmittelbare Stellung. 1161 schenkte Kaiser Friedrich I. Barbarossa das Kloster – mit Ausnahme von Königssteuer und Vogtei – dem Passauer Bischof Konrad I., der es zum Sitz des Fürstbistums machte. Sein Nachfolger Wolfger erhielt von Heinrich IV. im Jahr 1191 auch Königssteuer und Vogteirechte, sodass Niedernburg seither wieder Eigenkloster der Passauer Bischöfe war. Die Klosterfrauen scheinen mit der Änderung ihres Status nicht einverstanden gewesen zu sein, zumindest legt dies die Entscheidung Bischof Wolfgers nahe, der die Äbtissin absetzte und die Leitung des Klosters an eine Dechantin übertrug. 1224 ging der rechtlich eigenständige Bezirk des Klosters in Besitz der Stadt Passau über. Die finanzielle Lage des Klosters verschlechterte sich zusehends. Die Klosterdisziplin ließ nach und vorübergehend durften keine Novizinnen mehr aufgenommen werden. Über das Klosterleben des 14. und 15. Jahrhunderts ist wenig bekannt.

Im 15. Jahrhundert wurde das Grab der als Seligen verehrten Königin Gisela das Ziel zahlreicher ungarischer Pilger, insbesondere als Zwischenstation auf der Wallfahrt nach Aachen. Im Querhaus der Heiligkreuz-Kirche errichtete man über der originalen Grabplatte des 11. Jahrhunderts um 1420/30 ein gotisches Hochgrab. 1481 wurden die beiden Klosterkirchen Heiligkreuz und St. Marien durch ein Langhaus miteinander verbunden.

Von der Ausstattung sei das 1567 vor dem Gisela-Grab aufgestellte Gnadenbild "Mariä Schutz" erwähnt, zu dem eine eigene Wallfahrt entstand.

Um 1500 erfuhr Niedernburg eine rechtliche Aufwertung, als die damalige Dechantin Ursula von Schönstein von Papst Alexander VI. wieder in den Rang einer Äbtissin erhoben wurde.

Bereits 1489 hatte das Kloster mit der Pfarrei Gmunden am Traunsee einen Zuwachs an Pfründen erhalten. Doch in Folge der Reformation, aber auch der Beschlüsse des Trienter Konzils, das strenge Klausur vorschrieb, drohte das Kloster, das bisher als adliges Damenstift gedient hatte, zu zerfallen. Um der völligen Auflösung zu begegnen, öffnete daher im Jahr 1583 Fürstbischof Urban von Trenbach den Konvent auch für Bürgertöchter.

Rückschläge für das Kloster gab es im 17. Jahrhundert. Während der beiden verheerenden Stadtbrände 1662 und 1680, letzterer war im Laboratorium der Klosterapotheke ausgebrochen, wurde jeweils auch das Kloster zerstört. Dabei wurde das Klosterarchiv vernichtet, was die Erforschung der Geschichte von Niedernburg erheblich erschwert. Trotz finanzieller Schwierigkeiten konnten Kirche und Konventgebäude schnell wieder errichtet werden. Während auf den Wiederaufbau der Marienkirche völlig verzichtet wurde, waren die Neubauten der Heiligkreuz-Kirche und der Konventsgebäude im barocken Stil von namhaften italienischen Künstlern, wie dem Architekten Petrus Paneck und den Stukkateuren Giovannni Simonetti und Jacopo Torini, bereits 1687 fertig gestellt.

Über die Entwicklung des Klosterlebens im 18. Jahrhundert wissen wir wenig. Beeinflusst von den Ideen der Aufklärung, wurde 1780 in Niedernburg eine Mädchenschule eingerichtet.

Im Zuge der Säkularisation wurde 1803 auch Kloster Niedernburg aufgehoben und sein umfangreicher Grundbesitz außerhalb und in Passau in das Eigentum des bayerischen Staates übernommen. Die Klosteranlage mit Heiligkreuz-Kirche, Kreuzgang, Wirtschaftsgebäuden und Höfen ist bis heute weitgehend erhalten geblieben.

Nachdem Passau im Jahr 1821 wieder Bischofssitz geworden war, gelang es Bischof Karl Joseph von Riccabonda 1836 in Kloster Niederburg Maria-Ward-Schwestern anzusiedeln, die sich der Kinderfürsorge und Mädchenbildung widmen sollten. Hierauf gründen seit 1965 die Gisela-Realschule und das Gisela-Gymnasium der Englischen Fräulein.

Seit dem Ende der Teilung Europas ist das Grab der sel. Gisela wieder das Ziel vieler ungarischer Besucher und ein Symbol alter Beziehungen zwischen Bayern und Ungarn.

(Stephanie Haberer)



 

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