Übersichtskarte von Oberschwaben


Quelle: Geld und Glaube - Leben in evangelischen Reichsstädten, 1998

Signatur: GUG-PUB-1998-01

Entwurf: Haus der Bayerischen Geschichte, Thomas Berger
Grafik: Wolfgang Benkert, Worksroom, Würzburg.

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Beschreibung:

Die zwölf oberschwäbischen Reichsstädte Augsburg (bikonfessionell), Biberach (bikonfessionell), Isny (evangelisch), Kaufbeuren (bikonfessionell), Kempten (evangelisch), Leutkirch (evangelisch), Lindau (evangelisch), Memmingen (evangelisch), Nördlingen (evangelisch), Ravensburg (bikonfessionell), Ulm (evangelisch) und Wangen (katholisch) lagen in einer territorial extrem zersplitterten Region. Allein im Gebiet des heutigen Regierungsbezirks Bayerisch-Schwaben existierten 164 Einzelgewalten, nämlich 13 Fürsten und Grafen, 59 geistliche Herrschaften (Stifte, Klöster, Ritterorden), 85 reichsunmittelbare und landsässige Adlige sowie (zählt man Ulm wegen seiner heute bayerischen Gebiete dazu) sieben Reichsstädte. Natürlich kann die Übersichtskarte diese Vielfalt nur in reduzierter Form abbilden.
Für die Reichsstädte wirkte sich die Zersplitterung der Region insofern günstig aus, als eine Bedrohung ihrer Freiheit durch direkte Nachbarn eher unwahrscheinlich war: Sowie sie ? wie Biberach, Kaufbeuren, Lindau, Memmingen, Ravensburg, Wangen und, an erster Stelle, Ulm ? über ein nicht unerhebliches Territorium innerhalb ihres Umlands ? das heißt über Grund und Boden oder Herrschaftsrechte ? verfügten, waren sie den benachbarten Herrschaftsgebieten meist ebenbürtig oder gar überlegen. Im Übrigen wurden sie durch ihre reichsrechtliche Anerkennung und durch ihren kaiserlichen Stadtherrn, wenn es seinen Interessen und machtpolitischen Möglichkeiten entsprach, geschützt. Dass es aber in den größeren Territorien, die an die Region grenzten, durchaus Begehrlichkeiten gab, musste z. B. Memmingen erfahren, als es im Spanischen Erbfolgekrieg für zwei Jahre (1702?1704) von Kurbayern in Besitz genommen wurde. In eine ähnliche Kategorie wie dieses mächtige katholische Fürstentum im Osten, das relativ nahe bei Augsburg, Kaufbeuren und ? über die Herrschaft Mindelheim ? bei Memmingen lag, gehörten das Herzogtum Württemberg (evangelisch) im Wesen, die Grafschaft Tirol (katholisch) und die Schweizer Eidgenossen (gemischtkonfessionell) im Süden sowie, mit geringerem Gewicht, das Herzogtum Neuburg (katholisch) und die Grafschaft Oettingen (bikonfessionell) im Norden.
Zu den Herrschaftsgebieten in der Region von mittlerem Umfang sind im Westen die Grafschaft Waldburg (katholisch) und das Fürstentum Hohenzollern (katholisch), im Norden das Hochstift Augsburg, also die Besitzungen des Bischofs und des Domkapitels von Augsburg (katholisch), im Süden ebenfalls das Hochstift Augsburg sowie die Grafschaften Rothenfels, Hohenegg und Bregenz (katholisch) zu zählen.
Aus der Fülle kleinerer geistlicher und weltlicher Herrschaften in der Nachbarschaft der Reichsstädte ragten die Gebiete des Fürststifts Kempten (katholisch), der Reichsabtei Ottobeuren (katholisch), die Klöster Ochsenhausen und Rot (katholisch) sowie die Landvogtei Schwaben (habsburgisch, katholisch) hervor; mit ihnen hatten Kempten und Memmingen zahllose Konflikte auszutragen. Hingegen waren die kleineren Adelsherrschaften in der Nähe der Reichsstädte, etwa die verschiedenen Fugger-Linien wie Babenhausen oder Kirchheim in der Umgebung Memmingens (alle katholisch) nicht von entscheidender Bedeutung, konnten aber durch ihre politischen, verwandtschaftlichen, zugleich konfessionellen Verbindungen zu größeren Fürstenhäusern den Städten durchaus Schwierigkeiten bereiten.
Die evangelischen Reichsstädte, die fast allein das evangelische Element in Oberschwaben ausmachten, sahen sich also von einer Vielzahl katholischer Mächte ?umstellt? und waren deshalb nach Möglichkeit auf Ausgleich und gute Nachbarschaft bedacht. Streitbar wurden sie in der Regel nicht wegen konfessioneller Angelegenheiten, sondern immer dann, wenn es um ihre landeshoheitlichen Rechte als Reichsstadt ging.
Alle zwölf Reichsstädte lagen an mehr oder weniger wichtigen Handelsstraßen, die netzartig miteinander verknüpft waren und insofern auch die Städte untereinander verbanden. Dabei waren die Nord-Süd-Verbindungen traditionell stärker ausgeprägt als die von Ost nach West, lebte doch die Wirtschaftslandschaft Oberschwaben in erster Linie von ihrer Funktion als Durchgangs- oder Umschlagplatz für den Handel zwischen Italien und Nordwest-Europa. Diese Tatsache blieb ? wenn auch in eingeschränktem Maß ? bis 1800 gültig, obwohl nach der Entdeckung Amerikas die großen Warenströme zum Atlantik umgelenkt wurden und auch oberschwäbische Handelsgesellschaften diesem neuartigen Trend zu entsprechen suchten, indem sie in den Überseehandel einstiegen. Ebenso blieben, sieht man von kleineren Verschiebungen ab, die wichtigsten Handelswaren Leinen, Seide, Baumwolle, Leder, Metalle und Schmiedeerzeugnisse sowohl im überregionalen als auch im regionalen Wirtschaftsverkehr gleich. Große Bedeutung besaß auch der Salzhandel auf der Ost-West-Route; und zu erwähnen ist die südwestliche Orientierung zur Schweiz, nach Südfrankreich und nach Spanien. Die wichtigsten Handelsstraßen waren:
Nord-Süd-Verbindungen: von Nord- und Mitteldeutschland über Nürnberg, Augsburg, Kaufbeuren zum Fern- und Reschen- oder Brennerpass nach Italien; vom Rheinland über Mainz, Worms, Speyer, Esslingen, Ulm, Memmingen, Kempten zum Fern- und Reschen- oder Brennerpass und weiter; von Augsburg über Memmingen und Kempten in den Bodenseeraum (Lindau/Ravensburg), weiter in die Schweiz und nach Südfrankreich oder Spanien, oder von Ulm über Biberach, Ravensburg (und Lindau) in die Schweiz und weiter; von Memmingen über Leutkirch und Wangen nach Lindau und weiter; von Nürnberg über Nördlingen, Ulm, Ravensburg in den Bodenseeraum und weiter; von Augsburg über Nördlingen, Rothenburg, Würzburg nach Frankfurt und weiter in den Norden; von Augsburg über Gauting, München, Rosenheim nach Südosten bzw. in umgekehrter Richtung (Salz); von Lindau über Bregenz durch das Rheintal nach Italien.
Ost-West-Verbindungen: Salzstraße von Salzburg bzw. Bad Reichenhall/Berchtesgaden über München, Landsberg, Memmingen in den Bodenseeraum und die Schweiz und weiter, oder von Memmingen über Biberach weiter nach Westen bzw. Südwesten; von Stuttgart über Nördlingen, Ingolstadt nach Regensburg und weiter; von Biberach bzw. Memmingen über Kaufbeuren nach Schongau und weiter nach Osten; aus dem Schwarzwald über Donaueschingen und Überlingen nach Lindau und weiter.
Offensichtlich lagen die ?Oberzentren? Augsburg und Ulm, aber auch die Mittelstädte Memmingen und Kempten besonders günstig, weil sie Schnittpunkte verschiedener Fernverbindungen darstellten und zum Teil wichtige Flussübergänge kontrollierten. Vorteilhaft war auch die Lage von Lindau und Ravensburg durch ihre Nähe zum Bodensee, zur Schweiz und nach Vorarlberg. Die kleineren Reichsstädte Leutkirch und Wangen hingegen lagen an eher regional bedeutsamen Handelsstraßen.

Literatur:

$Quelle: Berger, Thomas, in: Jahn, Wolfgang / Kirmeier, Josef / Berger, Thomas / Brockhoff, Evamaria (Hrsg.), "Geld und Glaube". Leben in evangelischen Reichsstädten, Augsburg 1998, S. 75-78.