Jüdisches Leben
in Bayern

Glossar

Almemor: Ursprünglich aus dem Arabischen stammende Bezeichnung für Bima.

Armlederpogrom: eine von Franken ausgehende Aufstandsbewegung bäuerlicher und städtischer Unterschichten, die von 1336 bis 1338 für eine Reihe von Massakern an jüdischen Gemeinden im südwestdeutschen Raum und im Elsass verantwortlich war. 

Aron ha-Kodesch / Oraun ha-Kodesch: Behältnis, in dem in der Synagoge die Torarollen aufbewahrt werden. Im Mittelalter meist eine Nische in der Ostwand, später ein hölzerner Schrank, umgeben von einer Rahmenarchitektur.

Bar Mizwa wörtlich „Sohn der Pflicht“: Bezeichnung für einen 13-jährigen Jungen, der vor der versammelten Gemeinde zur Thora aufgerufen wird.

Beth Olam: Friedhof.

Betteljuden: jüdische Unterschicht, die im Gegensatz zu den Schutzjuden keinen Schutzstatus hatten, meist als Vaganten durchs Land zogen und sich mit Betteln, Gelegenheitsarbeiten und Kleinkriminalität durchschlugen

Bima auch Almemor: Erhöhter Platz in der Synagoge, von dem aus die Tora vorgelesen wird; bei orthodoxen Gemeinden in der Mitte der Synagoge, bei reformorientierten Gemeinden oft vor dem Aron ha-Kodesch.

Chanukka oder Lichterfest: ein acht Tage dauerndes, jährlich gefeiertes jüdisches Fest zum Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 164 v. Chr. beziehungsweise im Jahr 3597 jüdischer Zeitrechnung. 

Chanukkia oder Chanukkaleuchter: der acht- oder neunarmige Leuchter, dessen Kerzen zum jüdischen Chanukkafest entzündet werden. 

Chasan s. Vorbeter, Sänger.

Chewra Kadischa: Heilige Bruderschaft, Beerdigungsgesellschaft in jüdischen Gemeinden.

Chuppa: Hochzeitsbaldachin.

Chuppastein (Hochzeitsstein): Stein an der Außenwand der Synagoge, meist mit einem Stern und und oft abgekürzter hebräischer Aufschrift (Gut Glück - Stimme der Freude und Stimme des Jubels, Stimme des Bräutigams und Stimme der Braut); er bezeichnet die Stelle, an der das Brautpaar unter dem Hochzeitsbaldachin (Chuppa) getraut wurde. An den Stein warf der Bräutigam einen zerbrechlichen Gegenstand. Seit dem 19. Jahrhundert fand die Trauung meist in der Synagoge statt.

Davidstern (auch Magen David oder Judenstern): Seit Jahrhunderten eines der Symbole des Judentums. Der MAGEN DAVID war in der NS-Zeit das Kennzeichen für Juden, das an der Kleidung getragen werden mußte. Auch heute ist er ein Kennzeichen des Judentums – er ist Bestandteil der Nationalflagge des Staates ISRAEL.

Displaced Persons (DPs): Bezeichnung für Zivilpersonen, die während des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat vertrieben und verschleppt wurden, unter anderem ehemalige Zwangsarbeiter, Häftlinge der Konzentrationslager und Kriegsgefangene. Die Zahl der jüdischen DPs in den westlichen Besatzungszonen wird zwischen 50.000 und 75.000 Personen geschätzt. Aufgrund ihres besonderen Verfolgungsschicksals richtete die amerikanische Militärregierung für jüdische DPs eigene Lager ein.

Eretz Jisrael: Bezeichnung für das Gelobte Land.

Genisa: Aufbewahrungsort von beschädigten, abgenutzten oder unbrauchbar gewordenen religiösen Büchern, Ritualien und anderen Gegenständen, oft in einem Hohlraum im Dachstuhl von Synagogen.

Guter Ort: Friedhof, (nach Kohelet 12,5: „… denn der Mensch geht hin zu seinem ewigen Haus“); auch „Haus der Lebendigen“ (nach Hiob 30, 23; „Denn ich weiß, Du wirst mich zum Tod gehen lassen, zum Haus, da alle Lebendige zusammen kommen.“).

Halacha wörtlich „Wandel“: Normativer Teil der mündlichen Lehre.

Hoffaktor: ein an einem höfischen Herrschaftszentrum bzw. Hof beschäftigter Kaufmann, der (Luxus)waren, Heereslieferungen oder Kapital für den Herrscher beschaffte. Viele Hoffaktoren waren Juden, für die der zeitgenössische Quellenbegriff Hofjude verwendet wurde. 

Israel: Jüdischer Vorname; Bezeichnung des Landes; dritte der drei „Schichten", in die das jüdische Volk eingeteilt ist: KOHANIM (KOHEN, COHEN = Priester), LEVIIM (LEVITEN = Diener der Priester, die ihnen vor dem Segnen die Hände waschen) und ISRAELIM (ISRAEL = gewöhnlicher Jude).

Jeschiwa: (jiddisch/hebräisch ישיבה, pl. Jeschiwot oder Jeschiwos) jüdische Hochschule, an der sich meist männliche Schüler dem Tora-Studium und insbesondere dem Talmud-Studium widmen. 

Judenedikt: Edikt "die Verhältnisse der jüdischen Glaubensgenossen im Königreich Bayern betreffend", gewährte erste bürgerliche Rechte und Zugang zu Landwirtschaft und Handwerk, regulierte das Religions- und Schulwesen und beschränkte durch den Matrikelparagraphen die Zahl der jüdischen Familien pro Ort.

Judenregal: Das war ein mittelalterliches königliches Hoheitsrecht. Es stellte im Heiligen Römischen Reich die Juden als „Schutzjuden“ gegen Bezahlung von Gebühren unter den Schutz des Kaisers. Sie waren dadurch vor Ausweisung und Verfolgung geschützt.

Kaddisch: Lobgebet, das Gott preist; es wird gewöhnlich von Trauernden nach der Bestattung und im Gedenken an Verstorbene am Jahrestag des Ablebens (Jahrzeit) rezitiert.

Kaschruth: Jüdische Speisegesetze

Kiddusch (hebräisch קידוש von kadosch, heilig, deutsch wörtlich „Heiligung“, manchmal „Segensspruch“) bezeichnet den Segensspruch über einen Becher Wein. Mit dieser Handlung werden der Sabbat und die jüdischen Feiertage eingeleitet.

Kohen/Cohen: Priester, Angehöriger der Priesterkaste, die den Dienst im Heiligtum versehen musste.

Levi: Angehöriger des Stammes LEVI und gleichzeitig der zweiten „Schicht" des jüdischen Volkes. Die LEVIIM (LEVITEN) unterstützen die KOHANIM bei ihrer Arbeit und waschen ihnen vor dem Segnen des Volkes die Hände.

Laubhüttenfest: Jedes Jahr im Herbst feiern die Juden ihr Laubhüttenfest, das hebräische Sukkot. Sie danken für die Ernte und erinnern an die Flucht des israelischen Volkes aus der ägyptischen Knechtschaft.  

Lewajia: Bestattung.

Magen David: sechszackiger Davidstern, Davidschild, Hexagramm.

Matrikelparagraph: In der Folge des Judenedikts von 1813 wurden die jüdischen Familien in den Orten und Städten in Verzeichnissen (Matrikeln) erfasst. Die Anzahl der am Ort wohnberechtigten Familien wurde dadurch festgeschrieben. Diese rigide Politik, die kaum einen Wohnortwechsel zuließ, und das Ziel hatte, die Anzahl der Familien zu verringern, führte zu vermehrter Auswanderung.

Mazzewa (Plural: mazzewot): Grabstein, Grabmal, wird ein Jahr nach der Bestattung gesetzt. 

Menora: (siebenarmiger) Leuchter.

Mesusa: Kapsel mit einer Pergamentrolle, am rechten Türpfosten des Hauseingangs angebracht.

Mikwe: Rituelles Tauchbad mit "lebendigem Wasser (Bach-, Fluss-, Grund- oder Regenwasser). Das vollständige Untertauchen dient der Wiederherstellung der rituellen Reinheit.

Minhag: Brauch

Minjan: Versammlung von zehn religiös volljährigen Männern, die für einen Gottesdienst erforderlich sind.

Mischna: Sammlung von Gesetzestexten.

Misrach, Misrachfenster, Misrachwand (hebr. Osten): Gebetsrichtung nach Jerusalem.

Mohel: Beschneider, der die Beschneidung der Neugeborenen vornimmt.

Parochet: Vorhang vor dem Allerheiligsten des Tempels, später auch vor dem Aron ha-Kodesch der Synagoge.

PN oder PT: Abkürzung auf (fast) allen jüdischen Grabsteinen, über der Inschrift mit Name und Daten. 

P.N. = PO NIKBAR = „hier ist begraben" 

Pogrom (russ. Verwüstung, Zerstörung): Bezeichnung für Judenverfolgen, dann auch allgemein für Verfolgung von Minderheiten.

P.T. = PO TAMUN = „hier liegt begraben" (oder „hier wurde hingelegt") s.A.: seeligen Andenkens. Zeichen, dass die Person(en) verstorben ist (sind).

Rabbiner: Gesetzeskundiger, der Fragen der Anwendung der Tora entscheidet; ursprünglich in der Schule zum Studium des Talmud ausgebildet. In Bayern war seit dem Judenedikt von 1813 ein abgeschlossenes Universitätsstudium nachzuweisen.

Rintfleischpogrom: Ein im Jahre 1298 vor allem in Franken, aber auch in der Oberpfalz und anderen Teilen Altbayerns, verübter Massenmord an Juden. Insgesamt wurden mindestens 4000 bis 5000 Juden ermordet; die jüdischen Gemeinden vieler Städte in Franken wurden ausgerottet. 

Schächten: Rituelles Schlachten von Tieren.

schiwa, „Schiwe-Sitzen“: Siebentäige Trauer.

Schloschim: Die 30-tägige Trauerzeit; nach dem siebentägigen Schiwe-Sitzen gelten gelockerte Trauervorschriften. Für Säuglinge, die innerhalb von 30 Tagen nach der Geburt sterben, ist keine Trauerzeit einzuhalten; für die Eltern dauert die Trauerzeit ein Jahr lang. Sie schließt mit der „Jahrzeit“, dem Jahrtag des Todes, an dem gewöhnlich der Grabstein gesetzt wird.

Schofar: Blasinstrument, meist gefertigt aus dem Horn eines Widders. Es ist das häufigste im Alten Testament erwähnte Musikinstrument und dient bis heute rituellen Zwecken. Am jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana und in den vier Wochen zuvor wird in den Synagogen auf der ganzen Welt das Schofarhorn geblasen. Auch am Ende des Versöhnungstages Jom Kippur ertönt sein Klang

Shoah (hebr. Verwüstung, Vernichtung, Katastrophe): Die Ermordung von etwa sechs Millionen jüdischer Männer, Frau und Kinder im nationalsozialistischen Machtbereich zwischen 1933 und 1945; oft auch Holocaust genannt.

Schulklopfer: Er hatte dafür zu sorgen, dass die Juden auch immer rechtzeitig und möglichst vollzählig zu Gebet und Thoralesung in der Synagoge (= "Schul") erschienen.

Schutzjude: vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert wurde damit ein Jude bezeichnet, der gegen Zahlung von besonderen Abgaben dem Schutz eines Fürsten oder einer städtischen Obrigkeit unterstellt war und dafür bestimmte Privilegien genoss. 

Tahara: wörtlich: Reinigung. Waschung des Leichnams.

Taharahaus: „Leichenhalle": Halle in einem Gebäude auf dem Friedhofsgelände, in dem die rituelle Reinigung (TAHARA) und die anschließende Einsargung durchgeführt werden.

Talmud: Grundwerk des Judentums, das in mehrhundertjähriger Diskussion und Überlieferung entstanden ist.

Tora: wörtlich „Lehre“; Bezeichnung für die fünf Bücher Moses.

Toramantel: Die Torarolle wird mit einem Mantel verhüllt und geschützt. Er besteht häufig aus einem Kopfstück mit zwei Öffnungen für die Stäbe der Torarolle sowie aus einem Vorder- und Rückenteil. Die Schauseite wird mit Symbolmotiven, z.B. eine Krone als Symbol für die Tora, geschmückt.

Torarolle: Der Text der Tora wird für die Verwendung im Gottesdienst auf Pergament geschrieben und auf zwei Stäben aufgerollt.

Toraschild: Silberner Schild (Tass), über den Toramantel gehängt, trägt den Namen des Festes, an dem die Torarolle verwendet wird.

TNBZH: Abkürzung (5 Buchstaben), die auf fast jedem jüdischen Grabstein zu finden ist: „TIHIJE NISCHMATO ZRURA BIZROR HACHAJIM" = Möge seine/ihre Seele eingebunden sein im Bunde des (ewigen) Lebens" (mehrere andere inhaltliche ähnliche Übersetzungen sind gebräuchlich und möglich).

Vorbeter / Vorsänger (Chasan): Leitet den Gottesdienst in der Synagoge. In kleineren Gemeinden ist der Vorbeter auch Religionslehrer und Schächter. Bereits im Mittelalter ist der Rabbiner häufig auch Vorsänger.


aus: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hrsg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/2: Unterfranken Teilband 2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries, Lindenberg im Allgäu, Glossar, S. 1658-1668

Christoph Daxelmüller, „Der gute Ort“. Jüdische Friedhöfe in Bayern, Augsburg 2009 (Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur 39)

Israel Schwierz, Für das Vaterland starben - Denkmale und Gedenktafeln bayerisch-jüdischer Soldaten, Aschaffenburg 1998.