Für Franken und ganz Bayern ist Unterriedenberg als "Jüdisches Dorf" bemerkenswert. Bis 1803 gehörte es zum Fuldaer Zent Brückenau, während das nahe gelegene Oberriedenberg dem Hochstift Würzburg unterstand (seit 1977 sind beide Ortsteile vereint). 1752 wurde eine Synagoge erbaut, im Jahr 1763 lebten dort zwölf jüdische Familien. Mithin war eine große Mehrheit der damaligen Siedler jüdischen Glaubens. Sie bezeichneten sich in einer Quelle selbst als Schutzjuden der Herrschaft Römershag, der Ort war jedoch lediglich ein ehemaliger Amtssitz der Fürstabtei Fulda. Ansonsten schweigen die Quellen zu dieser Kehillah, die erst im Jahr 1800 ein eigenes Memorbuch anlegte.
Mit der Säkularisation endete die Herrschaft des Krummstabs, Unterriedenberg wurde 1814 endgültig bayerisch. Nun galten die Paragraphen des bayerischen Judenedikts. Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 wurden auf insgesamt 12 Matrikelstellen die folgenden jüdischen Familienvorstände genannt. Es gab zu dieser Zeit vor allem zwei Berufszweige, nämlich Viehhandel und das "Schmusen" (Handelsvermittler), wobei die Schmuser ihr Einkommen zusätzlich noch als Tagelöhner aufbessern mussten: Victor Machol Engel (Viehhandel), Bonum Maier Engelhard (Viehhandel), Abraham Schlom Goldbach (Schmuser u. Tagelöhner), Victor Joseph Nusbaum (Schmuser u. Tagelöhner), Moses Wolf Hahn (Schmuser u. Tagelöhner), Knebel Simon Sitzmann (Schmuser u. Tagelöhner), Hirsch Maier Engelhard (Schmusen und Taglohn), Victor Gerst Strauß (Schnittwarenhandel), Mindel Mantel (Schnittwarenhandel), Mindel, Witwe von Joseph Edelstein (Kramwarenhandel), Jend Hirsch Hecht (Viehhandel), Salomon Victor Heß (Viehhandel).
Die Toten der Gemeinde wurde auf dem jüdischen Friedhof in Pfaffenhausen/Hammelburg, seit 1911 in Geroda beigesetzt. Die jüdische Gemeinde gehörte von 1840 bis 1892/93 zum Rabbinatsbezirk Gersfeld (Hessen), danach zum Distriktsrabbinat Bad Kissingen. Auch im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts lebten die jüdischen Familien in Unterriedenberg vor allem vom Viehhandel, ein paar eröffneten Geschäfte am Ort wie die Schnitt-, Eisen- und Spezereiwaren-Handlung von Viktor Sitzmann. Aus dem Jahr 1837 stammt ein Protokollbuch der Gemeinde, das zusammen mit einem undatierten Registerbuch der Chewra Kadischa (Beerdigungs- und Wohltätigkeitsverein) und dem Memorbuch in der Synagoge aufbewahrt wurde. An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde neben dem barocken Gotteshaus eine Schule mit Lehrerwohnung sowie eine Mikwe, 1909 renoviert und mit einem Heizkessel ausgestattet. Die Verstorbenen wurden bis 1911 auf dem jüdischen Friedhof in Pfaffenhausen beigesetzt, später in Geroda. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zumindest im letzten Drittel des Jahrhunderts als Vorbeter und Schochet (Schächter) fungierte. Die jüdische Gemeinde gehörte von 1840 bis 1892/93 zum Rabbinatsbezirk Gersfeld, danach zum Distriktsrabbinat Bad Kissingen.
Im Vergleich zu vielen anderen fränkischen Landgemeinden schrumpfte Unterriedenberg in der großen Auswanderungswelle des 19. Jahrhunderts nur langsam. Ein Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. März 1839 berichtete allgemein über die Situation, und erwähnt dann doch ein Kuriosum aus Unterriedenberg: "Aus manchen Orten, wo 30-40 jüdische Familien wohnen, gehen 15-20 und noch mehr Individuen weg, und zwar meistens junge und arbeitsame Leute. - Zu Riedenburg [gemeint Unterriedenberg], einem Dorf im Landgericht Brückenau, hat ein Greis von 85 Jahren den Entschluss gefasst, nach Amerika auszuwandern".
1932 waren die Vorsteher der Gemeinde Albin Lichtstern und Leo Sitzmann, letzterer als Schriftführer und Schatzmeister. Im Schuljahr 1932/33 erhielten noch zwei jüdische Kinder Religionsunterricht, regelmäßige Gottesdienste fanden bis Anfang 1938 in der Unterriedenberger Synagoge statt. Erst im März kam kein Minjan (Zehnzahl der jüdischen Männer) mehr im Ort zustande, worauf man den Gottesdienst nun mit den Juden der Nachbargemeinde Dittlofsroda zusammen feierte.
1933 lebten noch 32 jüdische Personen in Unterriedenberg (Gesamtbevölkerung222). Infolge der zunehmenden Repressalien und der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts verarmten die jüdischen Familien sehr schnell. Nachdem der Besuch der öffentlichen Schule in Unterriedenberg für die jüdischen Kinder nicht mehr möglich war, besuchten diese 1936 die israelitische Volksschule in Bad Brückenau.
Bis Anfang November 1938 emigrierten vier jüdische Einwohner in die USA, 15 verzogen in andere deutsche Städte (je fünf nach Frankfurt am Main und Würzburg sowie in andere Städte). Danach lebten noch sechs jüdische Familien am Ort, darunter ein koscherer Bäckermeister. Am Novemberpogrom waren vor allem SA-Leute aus Unterriedenberg, Oberbach und Oberriedenberg beteiligt. Sie drangen in die jüdischen Häuser ein, schlugen die Fenster ein, zerstörten die Wohnungen und verbrannten die auf die Straße geworfenen Trümmer. Das bei Juden gefundene Bargeld wurde konfisziert und dem Bürgermeister übergeben. Die jüdische Gemeinde wurde wenige Wochen später aufgelöst. Die letzten elf jüdischen Einwohner verzogen am 10. Dezember 1938 nach Frankfurt am Main.
(Patrick Charell)
Bilder
Bevölkerung 1910
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid: Unterriedenberg. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 323-337.
- Magnus Weinburg: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Bd. 1. Frankfurt a.M. 1937, S. 166-168.
- Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation. 2. Aufl. München 1992 (= Bayerische Landeszentrale für politische Bildung A85), S. 129.
- Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hg.) / Günter Wich: Historischer Atlas von Bayern, Teil Franken, Reihe 1 Heft 23: Brückenau-Hammelburg. München 1973, S. 48 u. Kartenbeilage 1 u. 2.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 211.
