Unter- und Oberaltertheim standen seit der Mitte des 16. Jahrhundert unter der Herrschaft der Remlinger Grafen zu Castell. Quellen aus dem 17. Jahrhundert lassen auf Handelstätigkeiten von Juden in beiden Orten schließen; sie beweisen jedoch nicht, dass sie auch dort ansässig waren. 1731 lebten in Unteraltertheim nachweislich vier jüdische Familien; ab 1767 bis 1790 lag ihre Zahl durchgängig bei acht Haushalten. Vermutlich trafen sie sich mit den Juden im einen Kilometer entfernten Oberaltertheim zu gemeinsamen Gebeten. 1767 wird erstmals ein David aus Unteraltertheim als Ortsvorgänger genannt. Er informierte die Kanzlei der Grafen zu Castell über die Vermögenswerte der Juden aus beiden Ortschaften, die wohl spätestens jetzt eine gemeinsame Kultusgemeinde bildeten.
Die Haupterwerbsquelle der Israeliten bildete in dieser Zeit der Viehhandel. Da ihnen der Grundstückskauf verboten war, hatten sie aber oft mit mangelnden Weideflächen zu kämpfen. Oft mussten sie Bußgelder bezahlen, wenn sie ihr Vieh heimlich auf den Gemeindewiesen weiden ließen. 1768 erließen die Grafen von Castell schließlich eine Verordnung, die es den Juden erlaubte, ihre Tiere auf bestimmten Weiden grasen zu lassen. Die Judenschaften beider Orte wehrten sich 1779 vehement gegen die Integration in den Amtsbezirk des Wertheimer Oberrabbiners Samuel Hirsch, so dass die Castell`sche Regierung dessen Antrag abwies. Vermutlich ab dem letzten Drittel des 18. Jh. verfügten die Unteraltertheimer Juden über eine eigene Schule bzw. Synagoge. 1774 gab nämlich der Jude Liebmann den Rücktritt von seinem Amt als Lehrer und Schächter bekannt. Die Castell`sche Kanzlei empfahl 1799 die Ausstellung eines weiteren Schutzbriefes für den Ort, da die Judenschaft damals nur aus sechs zahlungsfähigen Schutzjuden und zwei Betteljuden bestand und diese mit dem Unterhalt von Schule, Schulmeisterwohnung und Lehrer eine große finanzielle Last zu tragen hatten. Ihre Toten bestattete die jüdische Gemeinde von Unteraltertheim im vier Kilometer entfernten Wenkheim (Baden-Württemberg).
1814 kam der Ort an das Königreich Bayern und erhielt 1817/18 im Rahmen des geltenden Judenedikts 13 Matrikelstellen. Die Kulturgemeinde bestand damals aus zirka 60 Mitgliedern. Zwanzig Jahre später, 1839, waren es 17 jüdische Familien und rund 80 Personen. Neben dem Viehhandel vertrieben die Israeliten auch Waren aller Art, u.a. Tuche und Stoffe, Getreide, Leder, Federn und Gewürze. Um den mobilen Kleinhandel einzudämmen, erließen die bayerischen Behörden in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Verordnungen, die das produzierende Gewerbe und Ladengeschäfte begünstigen sollten. Erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffneten dann mehrere Geschäfte, die von Juden betrieben wurden (u.a. eine Bäckerei). Nur wenige Unteraltertheimer Juden gelangten zu einem bescheidenen Wohlstand. Vom 1. auf 2. Oktober 1838 zerstörte ein Großbrand 60 Häuser im Dorf, darunter auch die Synagoge. Auf demselben Grundstück entstand um 1841 ein modernes jüdisches Gemeindezentrum mit Betsaal, Schule, Lehrerwohnung und Mikwe. Das vorherige Ritualbad hatte sich "in der Synagoge bei Seligmann Mayer", also vermutlich im Vorderhaus neben der alten Synagoge befunden. Es handelte sich dabei um ein von Grundwasser gespeistes Kellerbad, das man 1829 mit einem Heizkessel ausstattete. Ober- und Unteraltertheim bildeten lange einen gemeinsamen Schulsprengel und teilten sich den Religionslehrer. Zumindest im letzten Drittel des Jahrhunderts gehörte Unter/IOber-Altertheim dem Distriktsrabbinat Würzburg an. Durch die Abschaffung des Matrikelparagraphen 1861 war es den Juden erlaubt, sich überall anzusiedeln. In der Folgezeit setzte eine große Landflucht ein und die jüdischen Gemeinden in den Dörfern verloren viele Mitglieder. Dies bedeutete starke finanzielle Einbußen. Für die Landgemeinden wurde es zunehmend schwierig, die Unterhalts- und Reparaturkosten für die Gemeindeeinrichtungen aufzubringen. In Unteraltertheim lebten 1925 noch 38 Jüdinnen und Juden.
Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zählte die jüdische Gemeinde Unteraltertheim noch 34 Mitglieder. Neben den bald einsetzenden Schikanen und Diffamierungen wurde den Israeliten u.a. auch verboten, die Gemeindeeinrichtungen weiter zu nutzen und sie mussten aufgrund des "Blutschutzgesetzes" ihre christlichen Angestellten entlassen. In den folgenden Jahren wanderten einige Israeliten aus dem Dorf in die USA, nach England und nach Palästina aus. Während des Novemberpogrom 1938 bewaffneten sich örtliche SA-Leute und einige christliche Bürger, die sich ihnen angeschlossen hatten, mit Beilen, Pickel, Hacken und Knüppeln. Anschließend brachen sie die Synagoge sowie die jüdischen Wohnungen und Geschäfte im Dorf auf, zerstörten die Inneneinrichtungen, stahlen die Wertsachen und vernichteten Vorräte und Waren. Ein Jude wurde festgenommen und ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. 1939 wohnten noch 22 Israeliten im Ort. Im September desselben Jahres mussten die hier noch verbliebenen 16 jüdischen Mitbürger ihre Wohnstätten aufgeben und in ein "Judenhaus" übersiedeln. Im Februar und April 1942 hat man alle dort noch wohnenden Jüdinnen und Juden über Würzburg in das Vernichtungslager Izbica bei Lublin deportiert und ermordet.
1949 wurden am Landgericht Würzburg die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung während des Novemberpogroms in Ober- und Unteraltertheim verhandelt. Aufgrund der schwierigen Beweislage und dem Tod einiger Rädelsführer konnte man lediglich gegen sieben Beschuldigte Anklage erheben. Drei von ihnen wurden wegen Land- und Hausfriedensbruch zu Haftstrafen von je zwei Monaten Gefängnis verurteilt.
(Christine Riedl-Valder)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Axel Töllner / Hans-Christof Haas: Oberaltertheim und Unteraltertheim. In: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 750-762.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 243.
