Jüdisches Leben
in Bayern

Sulzbach-Rosenberg Gemeinde

Seit Anfang des 14. Jh. gab es in Sulzbach jüdische Einwohner. Dies belegt eine Urkunde aus dem Jahr 1305. Juden aus dem Ort gehörten laut dem Nürnberger Memorbuch zu den Opfern des Pestpogroms der Jahre 1348/49. Dies lässt auch eine Urkunde Kaiser Karls IV. (1316‒1378) aus dem Jahr 1356 vermuten, mit der Schulden christlicher Bürger, die sie in den Jahren 1348/49 bei Sulzbacher Juden gemacht hatten, für nichtig erklärt wurden. Aus den folgenden Jahrhunderten existieren jedoch nur wenige Quellen, die hier Juden erwähnen. Sie lassen lediglich auf vereinzelt in Sulzbach auftretende Israeliten schließen. 

Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jh. entwickelte sich unter dem liberalen Pfalzgrafen Christian August (Amtszeit 1645‒1708) eine jüdische Gemeinde im Ort. Der Pfalzgraf sorgte für Gleichberechtigung zwischen Christen und Juden. 1650/51 stellte er Schutzbriefe für einzelne Juden aus. 1666 erlaubte er die Ansiedlung und Handelstätigkeit des Feustel Bloch und seines Sohnes Moses aus Neuhaus. Ein Jahr später willigte er in die Anlage eines jüdischen Friedhofs am südöstlichen Stadtrand ein. 1685, als bereits elf jüdische Familien in Sulzbach lebten, die zum Teil aus Polen kamen, zum Teil 1670 aus Wien vertrieben worden waren, erließ der Kurfürst einen kollektiven Schutzbrief für die gesamte Judenschaft. Damit war zugleich die Erlaubnis zur Gründung einer Kultusgemeinde verbunden. Ab dieser Zeit gab es in der Regierung auch das Amt des „Judenobmann“, das jeweils von einem der Räte übernommen wurde. Seit 1690 gehörte die Sulzbacher Judenschaft dem Rabbinat Fürth an. Nach dem Tod des dortigen Rabbiners 1708 erhielt Sulzbach ein eigenes Rabbinat.

Mit Unterstützung des Kurfürsten führte Isaak Kohen Jüdels aus Prag 1669 das Druckerhandwerk in der Stadt ein und begründete damit die ruhmreiche Tradition jüdischer Druckereien in Sulzbach. 1684 eröffnete Moses Bloch seine Druckerei, in der er u.a. den Sohar, das bedeutendste Werk der Kabbala, herausbrachte. In der Betriebsführung folgten 1694 die Söhne, danach sein Schwiegersohn, der aus der Wiener Emigrantenfamilie Fraenkel abstammte. Dessen Familie leitete die Druckerei bis 1851, allerdings nach 1813 unter dem Namen Arnstein. Insgesamt erschienen in der Sulzbacher Druckerei, deren guter Ruf bald weit über die Grenzen des Fürstentums hinaus bekannt wurde, über 300 hebräische Werke, darunter allein drei Talmudausgaben, außerdem u.a. jüdische Gebetbücher in den unterschiedlichsten Fassungen, Pentateuch-Drucke, religionsgesetzliche Texte, jüdisch-deutsche Frauenlektüre, religiöse Erbauungsbücher, Propheten- und Heiligenlegenden. Die Druckwerke wurden bis nach Polen, Böhmen, Österreich und in den Elsass geliefert. Sulzbach zählt mit Wilhermsdorf (Mittelfranken) und Fürth zu den bedeutendsten Druckorten für hebräische und jiddische Bücher innerhalb der Grenzen des heutigen Bayerns. Fast 300 Drucke in hebräischer Sprache des Druckorts Sulzbach sind über das Münchener Digitalisierungszentrum online verfügbar. Eine Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek zeigte 2015 Beispiele der Sulzbacher Druckereien.

Kurfürst Karl Theodor gewährte 1744 den Juden in Floß und Sulzbach mit einer neuen Konzession weitgehende Rechte, u.a. in der Religionsausübung, im Handel, beim Weiderecht und Grunderwerb, und befreite sie von etlichen Abgaben. Einige Punkte in diesem Erlass führten zu Streitigkeiten zwischen der immer zahlreicher werdenden Judenschaft und den Christen. In diesem Zusammenhang kam es 1752 in Sulzbach zu einem Handwerkeraufstand, der zu monatelangen Unruhen führte und nur durch das Eingreifen des Kurfürsten beendet werden konnte. Daraufhin wurde im folgenden Jahr der jüdische Friedhof zweimal geschändet. 1787 gehörten bereits 50 jüdische Familien der Kultusgemeinde Sulzbach an.

Anfang des 19. Jh. umfasste die jüdische Gemeinde 68 Familien. Nach einer großen Auswanderungswelle in den 1850er Jahren und dem Wegzug in andere Städte ‒ 1861 durch die nun erlaubte freie Wohnsitzwahl ermöglicht ‒, schrumpfte die Sulzbacher Kultusgemeinde jedoch immens. 1880 gehörten ihr nur noch 123 Mitglieder an.

Um der verordneten Schulpflicht nachzukommen, stellte die jüdische Gemeinde 1825 einen Lehrer an; zuvor hatten die Kinder durch Hauslehrer Unterricht erhalten. Zehn Jahre später bekam die Judenschaft von der Regierung die Genehmigung zur Eröffnung einer eigenen Elementarschule. Sie wurde zusammen mit der Lehrerwohnung in dem Gebäude gegenüber der Synagoge (Synagogenstr. 10) eingerichtet. Ab 1945 hat man dafür ein Unterrichtsraum in der katholischen Schule angemietet.

Ein großes Unglück erlitt die ganze Stadt und mit ihr die jüdische Gemeinde am 9. Juni 1822, als ein verheerender Brand rund 280 Häuser in Schutt und Asche legte. Auch die Synagoge, die Mikwe, zwei jüdische Gemeindehäuser sowie die Druckerei und das Handelshaus der Familie Arnstein wurden dabei zerstört. Etwa 40 jüdische Familien verloren bei dieser Katastrophe ihr Hab und Gut. Glücklicherweise wurden sie von vielen Seiten, v.a. von der Fürther Gemeinde, großzügig unterstützt.

In Sulzbach gab es im 19. Jh. auch ein jüdisches Krankenhaus, das zwischen 1835 und 1850 in der Brühlgasse 5 betrieben wurde. Der 1842 eingesetzte Rabbiner Dr. Wolf Schlesinger war als Demokrat politisch sehr aktiv. Er gründete 1848 den "liberal-demokratischen Volksverein zu Sulzbach" und wurde dann aufgrund „aufrührerischer Reden“ im Zusammenhang mit der Märzrevolution 1848 verfolgt, so dass er nach Amerika fliehen musste. Das Ortsrabbinat wurde daraufhin aufgegeben und die Sulzbacher Jüdinnen und Juden traten der Floßer Kultusgemeinde bei. Ab 1896 waren sie Mitglieder der Bayreuther Gemeinde.

Um die Wende zum 20. Jh. verlor die Kultusgemeinde erneut viele Mitglieder. 1910 gehörten ihr noch 25 Personen an. Sie wurden ab 1912 vom Rabbinat Sulzbürg-Neumarkt, nach 1931 vom Rabbinat Regensburg betreut. Die jüdische Elementarschule musste 1922 aufgrund des Schülermangels schließen. Danach organisierte die Gemeinde nur noch den jüdischen Religionsunterricht.

933 lebten nur mehr neun Jüdinnen und Juden in Sulzbach. Da die baldige Auflösung ihrer Kultusgemeinde absehbar war, willigten sie 1934 ein, ihre Synagoge 934, der politischen Gemeinde zur gemeinnützigen Verwendung zu übereignen. 1936, nachdem die meisten noch in Sulzbach ansässigen Jüdinnen und Juden in die USA ausgewandert waren, erfolgte die Auflösung der Kultusgemeinde. Im selben Jahr wurde das Heimatmuseum in der ehemaligen Synagoge eröffnet und die Synagogenstraße in Museumsstraße umbenannt. Der jüdische Friedhof, auf dem 1936 die letzte Beerdigung stattgefunden hatte, wurde von der Israelitischen Kultusgemeinde München 1943 an die Stadt Sulzbach-Rosenberg verkauft. Den einzigen noch verbliebenen jüdischen Mitbürger verhaftete die Gestapo Regensburg 1943. Er überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man 1995 die Museumsstraße wieder in Synagogenstraße umbenannt. Die wenigen, mittlerweile wieder in der Stadt lebenden Israeliten (2007 waren es 15 Personen) sind Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde Amberg.


(Christine Riedl-Valder)

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Angela Hager / Cornelia Berger-Dittscheid: Sulzbach-Rosenberg. In: Wolfgang Kraus, Berndt Hamm, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. 1: Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern, Oberbayern, Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager unter Mitarbeit von Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Frank Purrmann. Lindenberg im Allgäu 2007, S. 290-299.
  • Stefan Jakob Wimmer / Michael Brenner: AK Von Sulzbach bis Tel Aviv. Hebräische Neuerwerbungen aus 50 Jahren 1965 - 2015. Schatzkammerausstellung in der Bayerischen Staatsbibliothek in Kooperation mit dem Generalkonsulat des Staates Israel in München aus Anlass des fünfzigjährigen Jubiläums der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel am 12. Mai 1965. München 2015.
  • Mosche N. Rosenfeld: Jüdischer Buchdruck am Beispiel der Sulzbacher Druckerei. In: Haus der Bayerischen Geschichte / Manfred Treml / Josef Kirmaier / Evamaria Brockhoff (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Bayern – Aufsätze. München 1988 (= Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 17), S. 237-244.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 131.