Jüdisches Leben
in Bayern

Schweinfurt Gemeinde

Juden sind in Schweinfurt erstmals zu Beginn des 13. Jahrhunderts nachweisbar, da ein „habraham de swinfurt“ 1212 in Würzburg eine Urkunde unterzeichnete. 1248 und 1349 fielen der Rintfleisch-Verfolgung und dem Pestpogrom auch Juden in der Reichsstadt zum Opfer. Im 15. Jahrhundert betätigten sich die Schweinfurter Juden als Kreditgeber unter anderem für die Würzburger Fürstbischöfe Johann von Brunn und Gottfried Schenk von Limpurg und die Reichsstadt Schweinfurt.

Am 4. September 1415 quittierte ein "David, Jude von Schweinfurt" den Schuldbrief des Würzburger Bischofs Johann II. von Brunn (reg. 1411-1440) mit seinem Siegel. Im Jahr 1436 wurde das damalige Zentrum des jüdischen Lebens in der Reichsstadt, die Judengasse an der Mainseite, gepflastert und in diesem Zusammenhang erstmals namentlich genannt.

Im Jahr 1500 ließen sich Bürgermeister und Rat der Stadt Schweinfurt von König Maximilian vorsorglich den Besitz der Synagoge und des jüdischen Friedhofs bestätigen, falls einmal keine Juden mehr in Schweinfurt wohnen sollten. Möglicherweise war bereits zu diesem Zeitpunkt die Ausweisung der Juden geplant. 1542 umfasste die jüdische Gemeinde 56 Personen: 46 gehörten sechs in Schweinfurt ansässigen Familien an, und zehn hielten sich zum Thorastudium in der Stadt auf. Zwölf Jahre später untersagte der Rat den Juden nach dem verheerenden Schweinfurter "Stadtverderben" 1554 (Zweiter Markgrafenkrieg 1552-54) die Wiederansiedelung, was Kaiser Karl V. 1555 offiziell billigte. In der Folgezeit kamen jüdische Händler aus der Umgebung hauptsächlich zu den Jahrmärkten nach Schweinfurt, um dort mit Vieh zu handeln. Ab 1797 lebten für kurze Zeit vier aus Niederwerrn vertriebene Schutzjuden mit ihren Familien in der Reichsstadt, hatten diese aber bereits 1803 wieder verlassen.

Im Jahr 1816, rund 260 Jahre nach dem Ende jüdischen Lebens in der Reichsstadt, konnten sich Juden mit dem Bayerischen Judenedikt 1813 erstmals in größerer Zahl wieder in Schweinfurt niederlassen, das nun zum Königreich Bayern gehörte. Nach dem Wegfall der einschränkenden Matrikelgesetze siedelten sich ab 1861 vermehrt Juden aus dem Umland der ehemaligen Reichsstadt in Schweinfurt an, die vor allem im Einzel- und Großhandel tätig waren. Nachdem die Schweinfurter Juden am 26. April 1863 die Bildung einer eigenen Gemeinde beschlossen hatten, erteilte die Königliche Regierung in Würzburg ein Jahr später, am 8. August 1864, die Erlaubnis zur Gründung einer jüdischen Kultusgemeinde. Rund drei Monate später, am 1. November 1864 wurde der Sitz des seit 1840 bestehenden Distriktsrabbinats, das Mayer Leberecht versah, von Niederwerrn nach Schweinfurt verlegt. Im selben Jahr wurden auch der "Israelitische Frauenverein" und die "Wiederunterstützungs- und Armenkasse" gegründet. Am 1. Juli 1866 erwarb die israelitische Kultusgemeinde, deren Statuten im Frühjahr desselben Jahrs in Kraft getreten waren, die Christoph Stremel’sche Brauerei in der Siebenbrückleinsgasse.

22 Jahre später wurde dort das neue Gemeindezentrum errichtet. Das durch einen Mittelrisalit in zwei Teile mit je vier Fensterachsen gegliederte Gemeindezentrum war im Stil der Neorenaissance errichtet. Im Erdgeschoss des aus zwei Geschossen bestehenden Gebäudes waren das Schulzimmer, das Sitzungszimmer für den Vorstand der israelitischen Gemeinde und die sanitären Einrichtungen für die Schule untergebracht. Im ersten Stock lagen die 3-Zimmer-Wohnung des Lehrers, die Wohnung des Rabbiners und das Amtszimmer des Distriktsrabbinats. Ihre Toten hatte die IKG Schweinfurt zunächst in Euerbach, Gerolzhofen, Schwanfeld und vereinzelt in Kleinsteinach zur Ruhe gebettet. 1874 wurde auf dem städtischen Friedhof ein eigener jüdischer Bereich ausgewiesen und am 10. November der Knabe Max Salomon als Erstes bestattet.

Da die Erinnerung an die eigene Geschichte und Kultur für die jüdische Gemeinde in Schweinfurt große Bedeutung besaß, nahmen 48 Personen im Februar 1898 an der Gründung des "Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" teil, der 1914 bereits 93 Vorträge veranstaltet hatte!

1905 wurde das 1895 eingeführte Frauenstimmrecht in der Gemeinde wieder abgeschafft. Rund zehn Jahre später existierten 1914 laut Rabbiner Salomon Stein in der jüdischen Gemeinde 22 Stiftungen, die unter anderem für den Synagogenbau, die Unterstützung von Armen und Stipendien für Gymnasiasten und Thoraschüler bestimmt waren. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs entfiel die geplante 50-Jahrfeier der Gemeinde.

Eine herausragende Rolle in der Geschichte der jüdischen Gemeinde spielte bis zu seiner Emigration nach Haifa im Jahr 1934 Justizrat Dr. Moses Hommel. Der Rechtsanwalt engagierte sich unter anderem überregional im Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden (VBIG), als Vorsitzender des Schweinfurter "Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" und der "Wanderunterstützungs- und Armenkasse" und als lokales Vorstandsmitglied des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Wie Hommel kämpfte auch Distriktsrabbiner Stein gegen den in den 1920er Jahren zunehmenden Antisemitismus.

Da die Schweinfurter Industrieunternehmen von der NS-Wirtschaftspolitik profitierten, stieß der Nationalsozialismus in der Stadt kaum auf Widerstand. Dies zeigte sich im Novemberpogrom am 10. November 1938, als in Schweinfurt die im Gemeindezentrum untergebrachten Schulräume, das Gemeindebüro und die Rabbinerwohnung wie auch jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet wurden. Zahlreiche jüdische Schweinfurterinnen und Schweinfurter wurden öffentlich gedemütigt. Rund 30 Männer, zu denen auch der erst einen Monat später wieder freigelassene Rabbiner Dr. Köhler gehörte, wurden in das Konzentrationslager Dachau gebracht.

Seit Dezember 1938 fanden zwischen der Stadt Schweinfurt und der jüdischen Gemeinde Verhandlungen über den Verkauf des Gemeindehauses und der Synagoge in der Siebenbrückleinsgasse statt. Während im Gemeindehaus Polizei- und Luftschutzdienststellen untergebracht werden sollten, war die Synagoge als Lager für Luftschutzgeräte vorgesehen.

Am 31. Juli 1939 wurde der Kaufvertrag notariell beurkundet, mit dem die Stadt Schweinfurt das Schulhaus mit der Wohnung des Rabbiners, Lehrers und Kultusdieners, verschiedenen Nebengebäuden und der Synagoge erwarb.

Bis 1941 konnten 225 der 363 Juden, die 1933 in Schweinfurt lebten, unter anderem in die USA, nach Palästina, Großbritannien und in die Niederlande emigrieren. Keiner der 90 jüdischen Schweinfurterinnen und Schweinfurter, die am 25. April, 10. und 23. September 1942 deportiert wurden, überlebte. Gut dokumentiert ist die Deportation vom 25. April 1942, die die Gestapo in Kooperation unter anderem mit der Schutzpolizei, der SS, der Reichsbahn und den Finanzbehörden durchführte. In Schweinfurt verblieben bis zum Ende des 2. Weltkriegs nur drei Juden, die mit einem "arischen" Ehepartner verheiratet und deswegen geschützt waren.

Am 28. März 1950 stimmte der Stadtrat dem von der „Jewish Restitution Successor Organisation“ (JRSO) vorgeschlagenen Vergleich für das Rückerstattungsverfahren zu. Darin wurde festgelegt, dass das Anwesen der israelitischen Kultusgemeinde gegen eine Zahlung von 70.000 DM Eigentum der Stadt blieb. 15 Jahre später wurde das ehemalige Gemeindehaus in der Siebenbrückleinsgasse im Jahr 1965 abgerissen. Auf dem Gelände befindet sich seitdem ein Parkplatz. 

1970 veranlasste der letzte Schweinfurter Rabbiner Dr. Max Köhler die Überführung der nach der „Reichspogromnacht“ aus der Schweinfurter Synagoge geborgenen Thorarollen nach London, wo sie gemäß den religiösen Vorschriften beigesetzt wurden.

Am 13. April 1973 wurde ein von Heinrich Söller geschaffener Gedenkstein am ehemaligen Standort der Synagoge vor dem Rückgebäude der Städtischen Sparkasse enthüllt. Vom 17. bis 22. Juli 1991 besuchten 38 ehemalige jüdische Schweinfurter mit ihren Angehörigen als Gäste der Stadt Schweinfurt im Rahmen des 1200-jährigen Stadtjubiläums ihre Heimatstadt. Bei dieser Gelegenheit wohnten sie auch der Enthüllung einer Gedenktafel auf dem jüdischen Friedhof bei, die von Peter Vollert geschaffen wurde.

Die Gedenkstätte vor der Sparkasse wurde zweimal erweitert: 2008 mit einet Erläuterungstafel zur Geschichte der Synagoge und des Gemeindehauses der israelitischen Kultusgemeinde, und 2013 mit vier Text- und Bildstelen zu den Themen "Zeittafel zur Geschichte der Juden in Schweinfurt", "Zur Geschichte der Synagoge und des Gemeindehauses der Israelitischen Kultusgemeinde", "Reichspogromnacht 1938" und "Deportation 1942".

Seit dem 13. August 2020 erinnert in der Gedenkstätte ein von Selcuk Dizlek geschaffener Koffer aus Beton an die Deportationen der Schweinfurter Jüdinnen und Juden. Er ist als Beitrag der Stadt Schweinfurt Teil vom DenkOrt Deportationen 1941-1944, der vor dem Würzburger Hauptbahnhof und in den unterfränkischen Orten, aus denen Juden deportiert wurden, an die Vernichtung des jüdischen Lebens erinnert.


(Stefan W. Römmelt)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Hans-Christof Haas: Schweinfurt mit Obereuerheim und Werneck. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1554-1611.
  • Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns (Hg.) / Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.): Mehr als Steine. Synagogen in Unterfranken. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg in Kooperation mit dem Team des Synagogen-Gedenkbands Bayern und dem Beauftragten der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. München 2021 (= Staatliche Archive Bayerns - Kleine Ausstellungen 68), S. 56f.
  • Uwe Müller: Salomon Stein (1866–1938), Distriktsrabbiner von Schweinfurt. In: Treml, Manfred / Weigand, Wolf (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Bayern: Lebensläufe. München 1988 (= Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 18), S. 231-234.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 207.
  • Stadtarchiv Würzburg, Würzburger Urkunden, Nr. 122b/175 [4. September 1415].