Jüdisches Leben
in Bayern

Schwanfeld Gemeinde

Laut dem aus dem Beginn des 14. Jahrhunderts stammenden "Memorbuch Charlesvilles" wurden 1298 bei dem Rintfleisch-Pogrom auch in Schwanfeld ansässige Juden ermordet. Damit endete die jüdische Präsenz in dem Dorf für die kommenden 250 Jahre. Erst 1540 lebte mit Abraham, einem Schutzjuden des damaligen Dorfherrn Graf Wilhelm IV. von Henneberg-Schleusingen, wieder ein Jude in Schwanfeld. Nachdem Wilhelm IV. im Jahr 1542 Schwanfeld, Schonungen und Mainberg gegen das bis dahin würzburgische Amt Meiningen getauscht hatte, erneuerte Fürstbischof Konrad von Bibra (1540-1544) den Schutzbrief. Dafür hatte Abraham jährlich fünf Gulden Schutzgeld zu zahlen. 1554 endete die Dorfherrschaft des Hochstifts Würzburg in Schwanfeld, und in den nächsten Jahrzehnten übten Reichsritter die Dorfherrschaft aus.

 

Dies hatte zur Folge, dass die Schwanfelder Juden nicht von den Ausweisungen der Fürstbischöfe Friedrich von Wirsberg (1558-1573) und Julius Echter von Mespelbrunn (1573-1617) betroffen waren. Vielmehr gestattete der Reichsritter und bischöfliche Amtmann Konrad von Grumbach 1579 die Anlage des von mehreren Gemeinden belegten jüdischen Bezirksfriedhofs. Außerdem durften die Schwanfelder Juden, die wahrscheinlich in den 1560er und 1570er Jahren vom Zuzug der aus dem Hochstift ausgewiesenen Familien profitierten, einen Gemeinderabbiner und ein eigenes Gericht unterhalten. Nach dem Tod von Grumbachs kinderlosem Sohn Wolf zog Julius Echter das frei gewordene Lehen ein, hielt sich aber an Konrad von Grumbachs Vereinbarungen mit der jüdischen Gemeinde. Kurz nach Echters Tod im Jahr 1617 existierten 1621 und 1623 in Schwanfeld zwölf jüdische Haushalte mit neun Männern, zwei Witwen und und einem zwölfjährigen Jungen als Haushaltsvorständen. Insgesamt lebten zu dieser Zeit, in der auch erstmals ein Lehrer namens Leb bezeugt ist, 39 Juden in Schwanfeld.1699 vermerkt eine Auflistung der Juden im Hochstift Würzburg vier fürstbischöfliche und zwei Schutzjuden des Domkapitels, die mit ihren Familien in Schwanfeld ansässig waren. Außerdem lebte zu dieser Zeit der Lehrer Isaac mit Frau und vier Kindern schon seit fünf Jahren ohne Schutzbrief in dem Dorf.

1701 hatte sich die Zahl der domkapitelschen Schutzjuden auf drei erhöht. Mit Ascher Ensel wird 1714 erstmals ein Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Schwanfeld namentlich erwähnt. Rund zehn Jahre später war auch mit David ein Schutzjude des Johanniterordens 1725 in Schwanfeld ansässig. Zwischen 1738 und 1763 schwankte die Zahl der Schwanfelder Schutzjuden zwischen sechs und zwölf Familien. Ob diese Schwankungen auf jeweils unterschiedliche Definitionen eines jüdischen Haushalts zurückgehen, bleibt unklar. 1742 wurde in Schwanfeld Jakob Elkan geboren, der im Weimar der Goethezeit als Tuchhändler und Hofjude zu Wohlstand gelangte und dort 1805 starb. Erwähnung fand Elkan auch in dem Gedicht "Auf Miedings Tod" von Johann Wolfgang von Goethe, das die Anfertigung einer Theaterkulisse beschreibt. Sein Sohn Israel Julius Elkan gründete in Weimar eine Bank und avancierte 1833 zum Großherzoglich Sächsisch-Weimarischen Hofbankier, 

Als 1762 die hochstiftische Judenschaft in acht Distrikte eingeteilt wurde, wurde Schwanfeld dem Distriktsrabbinat Schonungen zugeteilt. Rund 20 Jahre später kam es 1781 kam es aus bisher unbekannten Gründen in Schwanfeld zu einem Pogrom, bei dem die jüdischen Häuser und der jüdische Friedhof beschädigt wurden.

Dass es bereits 1758 und 1774 ähnliche Ausschreitungen gegeben haben muss, legt ein Dekret des Würzburger Fürstbischofs Franz Ludwig von Erthal (1779-1795) vom 11. Juni 1781 nahe. Die Verordnung sah vor, dass bei einem weiteren „excess“ alle nichtjüdischen Schwanfelder für die Entschädigung der betroffenen Juden aufzukommen hatten, wenn sich der Täter nicht ermitteln lassen sollte. Offensichtlich hielt die Regierung des Hochstifts derartige Abschreckungsmaßnahmen für notwendig.

Gewaltfrei verlief ein Jahr später 1782 ein Konflikt zwischen dem Amtmann und einem jüdischen Viehhändler und Metzger: Der Handerker hatte eine unklare Rechtslage ausgenutzt und für das Fleisch von Kühen und ein Jahr alten Rindern den für Ochsenfleisch üblichen Preis verlangt. Dieser Einheitspreis fand auch nicht die Zustimmung der Regierung in Würzburg. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam es auch zu einer Auseinandersetzung zwischen den Schwanfelder Juden und dem Klingenberger Landgerichtsrat, als dieser den Schwanfelder Juden verbot, Most nach den Regeln der Kaschrut herzustellen und zugleich mit unkoscherem Most für Christen zu handeln.

Bemerkenswert ist am Ende des 18. Jahrhunderts die Reaktion des Würzburger Juliusspital-Pfarrers auf den Konversionswunsch des aus Schwanfeld stammenden, 19-jährigen Juden Salomon Mayer: Der Geistliche bezeichnete sich als nicht zuständig für das Anliegen des Taufbewerbers und riet ihm von der Konversion mit der Bemerkung ab: "Es sei besser, Mayer bleibe ein schlechter Jude, als daß darselbe ein noch schlechterer Christ werde".

Um 1800 lebten die meisten Schwanfelder Juden nördlich des Kembachs in der Nähe der Synagoge. Sie bildeten bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts ein jüdisches Quartier, das die Schlossanlage vom mehrheitlich von Christen bewohnten Ortsteil um die Pfarrkirche im Süden Schwanfelds trennte. Am Ende der Hochstiftszeit hatten die drei Brüder Jakob, Maier und Jockel Schlom als Viehhändler beträchtliche Vermögen in Höhe von 15.600, 12.000 und 16.500 Gulden erworben. Zu den armen Juden gehörte dagegen Jacob Löw mit einem Kapital von 150 Gulden. 1806 fiel Schwanfeld an das neue Großherzogtum Würzburg. Zu dieser Zeit lebten bereits 30 jüdische Familien mit 155 Personen im Dorf und stellten damit 25 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 1816 machten die 230 Schwanfelder Juden rund 37 Prozent der Dorfbevölkerung aus. Nach der großen Rabbinatsreform im bayerischen Königreich gehörte die Gemeinde zum Bezirksrabbinat Schweinfurt, wo auch die Verstorbenen bestattet wurden.

Nach dem Übergang des Großherzogtums Würzburg an das Königreich Bayern erhielt das für Schwanfeld zu diesem Zeitpunkt zuständige Landgericht Werneck 1817 von der Landesdirektion, der Vorläuferin der Regierung von Unterfranken, die Anweisung, die Bestimmungen des 1813 erlassenen Matrikelgesetzes umzusetzen. Das Landgericht forderte darauf die unverheirateten Juden auf, sofort das Hausieren einzustellen, und sah als Strafe die Konfiszierung der Waren und im Wiederholungsfall eine "Tracht Schläge" vor. Da zur Schwanfelder Gemeinde weniger als 50 Familien gehörten (der gesetzlichen Mindestanzahl für eine Kultusgemeinde), sollte außerdem alle Gottesdienst in der Synagoge eingestellt und nur noch Hausandachten abgehalten werden.

Auf den am 22. Januar 1817 folgenden Einspruch der Schwanfelder Juden reagierte die Landesdirektion unverzüglich, und wies 24. Januar desselben Jahres das Landgericht Werneck an, den Synagogengottesdienst in Schwanfeld vorläufig zu erlauben. Außerdem sollten die Hausierpatente der Schwanfelder Juden, die vor allem mit Textilien, Kurzwaren und Gegenständen des täglichen Bedarfs handelten, bis in deren hohes Alter verlängert werden. In der Folgezeit wurden allerdings nur noch in Ausnahmefällen neue Hausierpatente erteilt. Acht Jahre später zeigte sich erneut, dass jüdische Beschwerden an höherer Stelle gegen staatliche Maßnahmen auf lokaler Ebene durchaus erfolgreich sein konnten: Nachdem die Kreisregierung 1825 wegen des Matrikelparagraphen den Antrag des Burgpreppacher Juden Mathes Schwanfelder (sic!) abgelehnt hatte, sich im Herkunftsort seiner Vorfahren niederzulassen, stellte das Münchner Innenministerium fest, dass bereits seit 1822 ein Matrikelplatz in Schwanfeld vakant war. Da auch der von Schwanfelder betriebene "Handel mit Leder, Hopfen, Wolle und anderen rohen Landesproducten" im staatlichen Interesse lag, konnte sich Schwanfelder in Schwanfeld niederlassen. Dort wirkte er nebenberuflich als Vorsänger und nahm 1836 das Amt des Gemeindevorstehers wahr.

Nachdem der langjährige Lehrer Niehm Gattmann 1829 wegen Streitigkeiten mit der jüdischen Gemeinde keinen privaten Religionsunterricht mehr erteilte, wirkte Abraham Stein wahrscheinlich bis zu seinem Tod 1875 mehr als vier Jahrzehnte als Religionslehrer in Schwanfeld. Zuvor hatte der Pädagoge die Jeschiwa in Fürth und das Lehrerseminar in Hildburghausen (heute Thüringen) absolviert. Einige Jahre nach seinem Amtsantritt konnte Stein mit seiner großen Familie das 1837 und 1838 erbaute Schulhaus in unmittelbarer Nähe der Synagoge beziehen. Die Räume für den Religions- und Elementarunterricht waren wohl im besser beleuchteten Obergeschoss untergebracht. Da Gattmanns Gesundheit bereits in den 1860er Jahren zunehmend angegriffen war, unterstützten ihn seit 1868 Assistenten. Nach dem Tod des langjährigen Lehrers übernahm 1875 der aus Rödelmaier stammende Leopold Löb Dorfzaun, der in Schwanfeld auch als Kantor wirkte, bis 1897 den Religions- und Elementarunterricht in der jüdischen Volksschule.

1833 gingen bei Ernst Franz von Halbritter, dem Regierungsdirektor der Kammer des Innern des Untermainkreises, Beschwerden über das Wachstum der jüdischen Gemeinde und den vermehrten Ankauf von Grundbesitz durch Juden unter anderem in Schwanfeld ein. Zu einem lokalen Pogrom kam es in Schwanfeld am 8. Mai 1866, als zahlreiche Personen laut einem Bericht des "Schweinfurter Tagblatts" vom 11. Mai desselben Jahres "grobe Excesse" verübten und "viele Fenster (einwarfen) und die Juden, deren man habhaft werden konnte, arg mißhandelt(en)".

1885 wurde in Schwanfeld Ludwig Frankenthal geboren, der nach dem Besuch der Realschule in Kitzingen und des Nürnberger Königlichen Realgymnasiums in München Medizin studierte. Von 1928 bis 1938 wirkte der Arzt, der 1925 den Ruf an ein Jerusalemer Krankenhaus abgelehnt hatte, als Chefarzt der chirurgischen Abteilung im 1928 gegründeten Israelitischen Krankenhaus in Leipzig. Die 1938 erfolgte Emigration in die Niederlande bewahrte 1940 Frankenthal nicht vor der Deportation und der Ermordung in Auschwitz im Oktober 1944. Zur Wende des 20. Jahrhunderts lebten noch 114 Juden in Schwanfeld. Der jüdische Lehrer im Ort war nun auch für die inzwischen zu Schwanfeld gekommene "Filiale" Untereisenheim zuständig. Ab 1909 unterrichtete der aus Hainsfarth im Donau-Ries Kreis stammende Siegbert Friedmann in Schwanfeld, bis die jüdische Elementarschule 1925 aufgelöst wurde. Als letzter jüdischer Religionslehrer war im Dorf der Lübecker Martin Selmansohn von 1927 bis zu seiner Emigration nach Dänemark tätig. Im Jahr 1913 existierte in Schwanfeld auch eine Ortsgruppe der "Zionistischen Vereinigung". Damit gehörte das Dorf wie Bad Kissingen, Kitzingen und Würzburg zu den wenigen Orten in Unterfranken, wo die Vereinigung vertreten war. Anfang der 1930er Jahre bestanden in Schwanfeld drei jüdische Metzgereien, fünf Stoffgeschäfte und mobile Handelsunternehmen. Obwohl zumindest die jüdischen Kinder mit ihren christlichen Nachbarn um 1930 Kontakt pflegten und auch mit christlichen Festen vertraut waren, stimmten 1932 fast 50 Prozent der Schwanfelder Wähler für die NSDAP. 

Die Präsenz des Nationalsozialismus im Dorf zeigte sich bereits am 5. März 1933, als am Rathaus die Hakenkreuz gehisst und das Horst-Wessel-Lied gesungen wurde. Mitte Mai 1934 fand laut einem Bericht des Schwanfelder Volksschullehrers zwischen Theilheim und Schwanfeld eine Geländeübung der SA statt, die auch der kurz danach ermordete SA-Führer Ernst Röhm besucht haben soll. Im September 1934 behauptete der fanatische Nationalsozialist und erster Führer der Schwanfelder Hitlerjugend, dass "die nationalsozialistische Revolution hier ein gutes Echo" gefunden habe. Während des Pogroms am 10. November 1938, an dem 20 bis 40 SA-Leute maßgeblich beteiligt waren, sollten die jüdischen Schwanfelder gezwungen werden, ihren Grundbesitz zu verkaufen. Da einige Juden dies ablehnten, wurden sie beschimpft und geschlagen. Die Wohnungen der Schwanfelder Juden wurden demoliert und geplündert.

Unter dem Eindruck des Pogroms veräußerten einige jüdische Schwanfelder ihr Mobiliar und bereiteten die Emigration vor. Die zahlreichen Äcker und Wiesen, die Schwanfelder Juden gehörten, wurde 1939 im Auftrag der Abteilung Landwirtschaft des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft durch die Bayerische Bauernsiedlung GmbH an "arische" Bauern vergeben. Das jüdische Schulhaus, das formal im Besitz der "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" blieb, diente ab November 1938 als Rathaus. 1942 lebten noch zehn Juden in Schwanfeld, von denen acht an 25. April 1942 von Würzburg nach Krasnyslaw bei Lublin deportiert und anschließend wahrscheinlich in den Vernichtungslagern der Umgebung ermordet wurden. Die beiden letzten Schwanfelder Jüdinnen wurden 1942 und 1943 ebenfalls deportiert und in Theresienstadt und Auschwitz ermordet. 

Für seine Teilnahme an der Zerstörung der Schwanfelder Synagoge und die Unterschlagung der Ritualgegenstände musste sich der ehemalige Bankdirektor P. 1949/1950 bei einem Spruchkammerprozess verantworten. Das Gericht stufte G. als „Belasteten“ ein und verurteilte ihn zu einer 18-monatigen Inhaftierung in einem Arbeitslager, die allerdings wegen G. vorheriger Internierung entfiel. Die am Novemberpogrom beteiligten Schwanfelder wurden nicht bestraft.

1950 wurde das ehemalige Schulhaus an die JRSO rückübertragen, die das Gebäude am 25. Oktober desselben Jahrs für 13.000 DM an einen Schwanfelder Friseur verkaufte.

1960 kehrte der Viehhändler Ludwig Gutmann nach Schwanfeld zurück und lebte dort im spätklassizistischen Stammhaus seiner Familie bis zu seinem Tod 1984, obwohl er ein Opfer des Nationalsozialismus war: Während seine Frau Therese Thekla und sein Sohn Gerd am 26. 1942 im Wald von Bikernieki erschossen wurden, überlebte Gutmann auch das bei Minsk gelegene Vernichtungslager Maly Trostinz, die sowjetische Haft und ein Arbeitslager in der Sowjetunion.

2005 ließ die Gemeinde Schwanfeld einen Gedenkstein errichten, der an die jüdischen Schwanfelder erinnert. Die Gemeinde beteiligte sich auch mit einem Koffer am 17. Juni 2020 in Würzburg eröffneten DenkOrt Deportationen. Bereits einen Monat zuvor wurde der Zwillingskoffer in Schwanfeld präsentiert. Im Spätsommer 2020 beschloss der Gemeinderat Schwanfeld außerdem, 17 Stolpersteine in Schwanfeld verlegen zu lassen.


(Stefan W. Römmelt)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Gerhard Gronauer / Hans-Christof Haas / Cornelia Berger-Dittscheid: Schwanfeld mit Untereisenheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 1518-1553.
  • Magnus Weinberg: Die Memorbücher der jüdischen Gemeinden in Bayern, Bd. 1. Frankfurt a.M. 1937, S. 141-143.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 242.