1662 erwarb das Würzburger Juliusspital von Hans Sigmund von Wolfskeel einen Teil von Geroldshausen einschließlich des anteilsmäßigen Judenschutzrechtes. In der Statistik der jüdischen Haushalte, die Zahlungen an das Juliusspital leisteten, erscheint 1720 erstmals ein Schutzjude aus dem Dorf; 1731 und 1748 sind zwei, 1787 wieder nur eine jüdische Familie genannt. Daneben gab es in Geroldshausen aber auch noch jüdische Familien, die dem Schutz der Freiherren Wolfskeel von Reichenberg unterstanden: für das Jahr 1740 sind sechs und 1796/97 zehn jüdische Familienväter genannt. An beruflichen Tätigkeiten wird dabei ein Viehhändler und ein "Handelsjude" erwähnt. Da die Israeliten auch für das Recht "Schul" zu halten Gebühren bezahlten, darf man von der Existenz eines gemeinsamen Betraumes ausgehen. Die Gemeinde finanzierte außerdem ein Schulzimmer im Haus eines Christen und unterhielt eine heizbare Mikwe in der Küche eines Privathauses, das von allen jüdischen Frauen des Dorfes zur rituellen Reinigung benutzt werden durfte. Alle jüdischen Einrichtungen lagen auf einem Areal im Südostteil des Dorfes. Ihre Toten begruben die jüdischen Familien aus Geroldshausen auf dem Verbandsfriedhof in Allersheim. In dessen Friedhofsliste sind ab 1789 Israeliten aus dem Ort verzeichnet.
1803 werden in einem Verzeichnis des Fürstentum Würzburg zwei jüdische Viehhändler aufgeführt, die Gebühren an das Würzburger Juliusspital entrichteten, und von den Behörden als wohlhabend eingestuft wurden. Zusammen mit den ritterschaftlichen jüdischen Familien bestand die Kultusgemeinde 1813/14 aus elf Haushalten mit rund 50 Mitgliedern. Ihre Zahl erhöhte sich bis 1839 geringfügig auf 14 Familien mit 58 Personen, nahm aber dann stetig ab. 1867 gehörten 35 Personen zur Kultusgemeinde und im Jahr 1900 hatte sie nur noch 17 Mitglieder. Anfangs verdienten sich die Israeliten ihren Lebensunterhalt überwiegend durch Kleinhandel. Um 1835 gab es schon vier Haushalte, die im Handwerk und Gewerbe arbeiteten, einen Landwirt und einen Großhändler. Im 19. und 20. Jahrhundert besaßen die meisten jüdischen Familien eigene Häuser, die über den ganzen Ort verteilt lagen. Im Anwesen Nr. 19 (heute Hauptstraße 22) wohnte Isaak Lazarus Neumann, der um 1817 Vorsteher der Kultusgemeinde war. Eine bekannte, hier geborene Persönlichkeit war der Rabbiner Dr. Abraham Neumann (1809-1875), der ab 1843 die jüdische Gemeindeschule in Riga leitete und dabei großen Einfluss auf die staatlichen jüdischen Schulen im Russischen Kaiserreich ausübte. Ab 1863 wirkte er als Rabbiner und Religionslehrer in St. Petersburg, wo er begraben liegt.
Nach Auflösung des Oberrabbinats Würzburg 1839 gelangte Geroldshausen wie die meisten anderen Kultusgemeinden des Bezirksamts Ochsenfurt zum vierten Rabbinatsdistrikt, der zunächst von Marktsteft aus verwaltet wurde (später Rabbinatsbezirk Kitzingen; seit 1937 Bezirksrabbinat Würzburg). Die jüdischen Kinder besuchten den Elementarunterricht in der örtlichen Volksschule und hatten für den Religionsunterricht eigene Lehrer. Ab 1835 ist für das Dorf kein eigener Ortsrabbiner, Vorsänger oder Schochet mehr nachgewiesen. Diese Leistungen übernahmen zum Großteil auswärtige Kräfte. Zum Beispiel half der Ortsrabbiner Abraham Ellinger aus Giebelstadt zwischen 1820 und 1840 bei religiösen Aufgaben und im Religionsunterricht im Dorf aus. Später teilten sich wohl die Gemeinden Geroldshausen und Kirchheim einen Religionslehrer. 1861 beabsichtigte die Judenschaft aus diesem Schulverband mit Kirchheim auszutreten. Von 1878 bis 1895 war Julius Sommer aus Wittelshofen Lehrer in beiden Kultusgemeinden. Einen eigenen Schochet stellte die jüdische Gemeinde wieder um das Jahr 1875 ein. Um 1900 lebten noch 17 Israeliten im Ort. Obwohl fast alle hier ansässigen jüdischen Familien über eigene Häuser oder Gehöfte und Ackerland verfügten, hatten die meisten von ihnen kein großes Vermögen. Es handelte sich um Viehhändler, Landwirte und vereinzelt um Handwerker (Metzger und Schuster). Über ihre Einbindung in das dörfliche Gemeinschaftsleben, ihre Mitgliedschaft in den örtlichen Vereinen und Verbänden, ist nichts bekannt. 1908 erfolgte die Vereinigung mit der Kultusgemeinde Kirchheim.
Bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 bestand die Kultusgemeinde noch aus neun Mitgliedern. Über ihr Leben während des NS-Regimes ist kaum etwas bekannt. Das Novemberpogrom 1938 verlief in Geroldshausen im Gegensatz zu anderen Orten in der Region ohne größere antisemitische Ausschreitungen. In der Synagoge wurden die Fenster eingeschlagen. Ein jüdischer Kaufmann kam in „Schutzhaft“ und wurde in das KZ Buchenwald verschleppt. Am 15. Dezember hat man ihn wieder entlassen, da er in die USA auswandern wollte. Nach dem Novemberpogrom 1938 fanden jedoch auch in Geroldshausen Zwangsmaßnahmen statt, v.a. der Ausschluss der Israeliten aus dem Gesellschafts- und Geschäftsleben sowie ihre Enteignung. Die jüdischen Familien wurden gezwungen, ihre Immobilien und übrigen Besitz zu Schleuderpreisen zu verkaufen. Die letzten, in Kirchheim und Geroldshausen noch lebenden Jüdinnen und Juden, die keine Möglichkeit zur Auswanderung fanden, wurden bis 1942 in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten deportiert und dort ermordet. Am 4. August 1942 fielen die Synagoge, das Wohnhaus und der Hofanteil der Israelitischen Kultusgemeinde Geroldshausen an die politische Gemeinde. Die Ritualien, die der letzte Vorstand Jakob Maier auf Anraten des Bürgermeisters aus der Synagoge entfernt und in Verwahrung genommen hatte, sind verschollen.
In Geroldshausen wurde der ehemalige SS-Hauptsturmführer Dr. Eduard Wirths (1909-1945) geboren. Der einstige SS-Standortarzt und medizinische Leiter in Ausschwitz verbrachte hier seine Kindheit und Jugend. Er nahm später Zwangssterilisationen und Versuchsoperationen an jüdischen Frauen vor und war verantwortlich für die Ermordung von hunderttausenden Häftlingen.
Das jüdische Gemeindehaus, das an die Synagoge angrenzte, wurde vermutlich in den 1960er Jahren abgerissen. Die einstige Synagoge wird noch heute als privates Wohnhaus genutzt. 2004 hat man in der Nähe der Pfarrkirche einen Gedenkstein enthüllt, der pauschal an die Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Verfolgung erinnert.
(Christine Riedl-Valder)
Bevölkerung 1910
Literatur
- Cornelia Berger-Dittscheid: Geroldshausen mit Kirchheim, in: Wolfgang Kraus, Gury Schneider-Ludorff, Hans-Christoph Dittscheid, Meier Schwarz (Hg.): Mehr als Steine... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1: Unterfranken, Teilband 1. Erarbeitet von Axel Töllner, Cornelia Berger-Dittscheid, Hans-Christof Haas und Hans Schlumberger unter Mitarbeit von Gerhard Gronauer, Jonas Leipziger und Liesa Weber, mit einem Beitrag von Roland Flade, Lindenberg im Allgäu 2015, S. 640-650.
- K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 243.
