Jüdisches Leben
in Bayern

Dornheim Gemeinde

In einer undatierten Notiz aus dem 15. Jahrhundert wird erstmals ein Dornheimer Jude namens Meyer erwähnt. In dieser Zeit unterstand das Dorf bereits weitgehend den Grafen von Schwarzenberg, welche die Dorfherrschaft bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts behaupteten. Erst 1566 nennt ein Iphöfener Vermögensverzeichnis erneut einen aus Dornheim stammenden Juden namens Maier. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts verzeichnete ein Hüttenheimer Amtsbuch mit den Schwarzenberg'schen Schutzjuden zwei anonyme, in Dornheim ansässige Hausväter.

Für 1619 nennt ein Zinsbuch den Schutzjuden Abraham. Bedeutsam für die Geschichte der Dornheimer Juden wurde ein 1645 von Graf Johann Adolf von Schwarzenberg ausgestellter Schutzbrief. 1682 lebten drei jüdische Familien im Ort, 1694 waren es vier, 1720 sechs. Eine vom Hochstift Würzburg 1740 durchgeführte Judenerhebung ergab, dass in Dornheim und dem rund 5 Kilometer entfernten Nenzenheim insgesamt 26 Juden lebten. Vermutlich an die Juden von Dornheim richtete sich eine schwarzenbergische Gemeindeordnung von 1780, die als Nachbarorte Iphofen, Hellmitzheim (Statdteil Iphofen), Scheinfeld und Nenzenheim nannte. 1789 ist im Zusammenhang mit einer Beschwerde über den Scheinfelder Vorgeher (Barnos) Löb Löser mit Jacob Löser erstmals ein eigener Dornfelder Kultusvorstand namentlich greifbar. 

Bis zum Ende der Patrimonialgerichtsbarkeit war für die Dornheimer Juden das schwarzenbergische Herrschaftsgericht Hohenlandsberg zuständig. Nach dem Übergang Dornheims an das Königreich Bayern sah die Matrikelgesetzgebung 1817 für Dornheim sechs Matrikelstellen vor, die in der Zeit bis 1849 um drei zusätzliche Matrikelstellen ergänzt wurden. An Einrichtungen hatte die Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule sowie ein rituelles Bad. Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden auf dem Friedhof in Hüttenheim beigesetzt. Die jüdische Gemeinde gehörte von 1838 bis 1880 zum Distriktsrabbinat Welbhausen, danach zum Distriktsrabbinat Kitzingen. Mehr als drei Jahrzehnte, von 1829 bis 1861, unterrichtete der aus Baiersdorf stammende, in Hüttenheim wohnende Melamed Abraham Faber die jüdischen Kinder aus Dornheim zusammen mit ihren Altersgenossen aus Bullenheim, Nenzenheim, Hüttenheim und Weigenheim. Bis 1804 war der in Marktbreit ansässige fürstlich-Schwarzenberg'ische Landesrabbiner für die jüdische Gemeinde Dornheim zuständig. Die für Dornheim zuständigen Rabbinate wechselten während des 19. Jahrhunderts mehrmals: Ab 1838 gehörte die Gemeinde zum Distriktsrabbinat Welbhausen, von 1887 bis 1889 zu Uffenheim und schließlich Kitzingen.

Nachdem der jüdische Religionsschulverband 1861 aufgelöst wurde, ist in den folgenden Jahrzehnten kein kontinuierlich in Dornheim tätiger Religionslehrer mehr nachweisbar. Erst in den Jahren von 1894 bis 1901 wirkte dort längere Zeit der aus Hessen stammenden Lazarus Aberbach. Seit Ende der 1880er Jahre diente ein rund 40 Meter von der Synagoge entferntes Gebäude der jüdischen Gemeinde als Schulhaus. Das ursprünglich symmetrische und von Süden erschlossene Doppelhaus wurde in einer Verbindungsgasse errichtet, die sich in die Flur fortsetzte. 

Zu den wichtigsten Mitgliedern der Dornheimer Gemeinde gehörte mehrere Jahrzehnte der 1897 im Alter von 72 Jahren verstorbene Jacob Löb Schönfärber. Die Zeitschrift "Der Israelit" würdigte den langjährigen Vorstand der Bestattungsbruderschaft und Kultusvorsteher als außerordentlich gesetzestreuen und gottesfürchtigen Juden, der zudem Lehrvorträge zur Tora gehalten habe. Besonders hob die Zeitschrift Schönfärbers Wohltätigkeit und Menschenliebe hervor, die auch von zahlreichen Christen gewürdigt worden sei. Zu seinem Nachfolger wurde sein Sohn Hermann gewählt, der von 1901 bis 1911 in der Gemeinde das Amt des Kassiers bekleidete. Um die Jahrhundertwende verfügte die Dornheimer Kultusgmeinde, deren Mitglieder meistens von Vieh- und Landhandel lebten, über einen gewissen Wohlstand. 

Nachdem die Kultusgemeinde die Osthälfte des Doppelhauses 1908 an den Dornheimer Daniel Schreier verkauft hatte, diente nur die Westhälfte des Doppelhauses als Schule. 1910, zwei Jahre nach dem Verkauf, lebten noch 29 Juden in Dornheim, deren Zahl 1925 auf 16 Personen gesunken war. 

Die vermutlich einzige erhaltene Zeichnung des Schulhauses zeichnete der Dornheimer Georg Stahl im April 1936 im Zusammenhang mit den Planungen für den Neubau eines Kamins für das Schulhaus. Das eingeschossige Gebäude mit Mansardhalbwalmdach bestand aus drei Zonen: In der Mitte lag die Erschließungszone mit der Haustreppe und der Küche, während im Osten zwei Kammern und im Westen unter anderem das ehemalige Schulzimmer lagen, das zu dieser Zeit als Wohnzimmer diente, weil die Schule bereits aufgelöst war.  

1933 lebten noch neun Juden in Dornheim. Die stark überalterte Gemeinde schrumpfte durch sieben Todesfälle zwischen 1933 und 1940. Vier Gemeindemitglieder, die Familie des 1861 geborenen Aron Schönfärber, waren bereits 1935/1936 in die Vereinigten Staaten nach St. Louis ausgewandert. Die drei letzten in Dornheim lebenden Jüdinnen – Lina Walfisch, Frieda Lärmer und Irene Lärmer- wurden am 29. November 1941 in das Behelfslager Riga-Jungfernhof deportiert. Dort mussten sie die für sie bestimmten Notbaracken selbst errichten. Nur Irene Lärmer überlebte den Lageraufenthalt.

Außer Lina Walfisch und Frieda Lärmer fielen 17 weitere, in Dornheim geborene Juden der Shoah zum Opfer. Das erste Opfer der nationalsozialistischen Gewalt war die in Mellrichstadt lebende Ida Rosenbaum, die am 11. August 1939 bei einem Angriff auf das dortige Zwangs-"Judenhaus" die Treppe hinuntergeworfen wurde und sich das Genick brach.

Eine in Dornheim gepflegte jüdische Tradition setzte der später in Basel als Lehrer und Religionslehrer tätige, zum Präsidenten des Verbands jüdischer Lehrer und Kantoren der Schweiz gewählte Erich Hausmann fort: Von seinem Vater Leopold hatte er die Gewohnheit übernommen, am Ende des Sederabends den 4. Vers des 121. Psalms dichterisch zu paraphrasieren. Da er in dem Schweizer Flüchtlingsheim Langenbruck und den französischen Flüchtlingsheimen Fontenay-aux Roses und Taverny zahlreiche jüdische Flüchtlingskinder betreut hatte, verbreitete sich dieser Brauch auch in der ganzen Welt. 

Bilder

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Hans Schlumberger / Hans-Christof Haas: Dornheim. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/2: Unterfranken Teilband 2.2. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 977-986.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 198.