Jüdisches Leben
in Bayern

Bonnland Gemeinde

Die Ursprünge jüdischen Lebens in Bonnland liegen nördlich des Landschlosses Greifenstein. In den Nebengebäuden auf diesem Areal, das noch im 19. Jahrhundert den Namen „Judenhain“ trug, siedelten die Schlossherren ihre Schutzjuden an. Erstmals ist 1456/57 der Schutzjude Abraham zu Bonnland erwähnt, der wegen eines Vergehens von Hans Georg von Thüngen zu Greifenstein bestraft wurde. In der Hammelburger Stadtchronik wird 1575 ein Nathan aus dem Ort genannt. 1588 erfolgte die Meldung über den Mord an dem Viehhändler Jacob aus Bonnland.

Während des Dreißigjährigen Kriegs reduzierte sich die gesamte Einwohnerzahl um über zwei Drittel und stieg erst in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts wieder langsam an. 1655 wird in einem Bericht des Amtes Trimberg mehrmals der jüdische Händler Abraham von Bonnland erwähnt, der in der Region Hammelburg mit Schuhen, Haushaltswaren, Fleisch und Ziegen handelte. Einige Bürger schuldeten ihm Geld, da sie die von ihm gelieferten Waren nicht bezahlt hatten.

1731 standen nachweislich vier, 1740 bereits acht jüdische Familien unter dem Schutz der Freiherren von Rußwurm. Ihre Zahl lässt darauf schließen, dass sie zu dieser Zeit bereits den Minjan erfüllen und eine Kultusgemeinde gründen konnten. 1751 wurde auf dem Schlossgelände nördlich von den sechs Reihenhäusern, in denen die Schutzjuden untergebracht waren, ein großes freistehendes "Juden-Hauß" (Plan-Nr. 122, später: Haus Nr. 56) errichtet. Die Bonnlander Juden ernährten sich notdürftig vom mobilen Handel mit allerlei Waren. Dabei legten sie nicht selten weite Strecken zurück. Das beweist die Nachricht über zwei jüdische Hopfen- und Leintuchverkäufer aus dem Ort, die 1756 im 50 Kilometer entfernten Uttrichshausen in Hessen unterwegs waren. Ihre Toten beerdigte die Kultusgemeinde Bonnhausen auf dem jüdischen Friedhof in Pfaffenhausen, der eine knappe Wegstunde entfernt lag.

Um 1800 bestand die israelitische Kultusgemeinde Bonnland aus 50 Mitgliedern. Dabei handelte es sich um etwa ein Fünftel der Dorfbevölkerung. Die großherzogliche Schulkommission überprüfte 1808 die Qualität des jüdischen Schulunterrichts und fand sie akzeptabel und den aktuellen Anforderungen entsprechend. Im Judenhaus, für das die Kultusgemeinde Miete an den Schlossherrn entrichtete, wohnte und unterrichtete damals der Rabbiner Isaac Löser neun schulpflichtige Kinder in jüdischer Religions- und Sittenlehre, sowie in hebräischer Schrift. Den Elementarunterricht besuchten einige der jüdischen Kinder in der christlichen Volksschule im Dorf. Der Gutsherr sorgte für das Schreibmaterial und übernahm die Entlohnung des Lehrers. Ende 1816 kam die Region an das Königreich Bayern, in dem das bayerische Judenedikt galt. Bonnland, dessen jüdischer Bevölkerungsanteil bis dahin auf 76 Personen gestiegen war, erhielt ein Jahr später 16 Matrikelstellen zugewiesen. Die Kultusgemeinde wurde dem Oberrabbinat Würzburg zugeteilt und kam 1840 zum Distriktsrabbinat Niederwerrn, das 1864 nach Schweinfurt verlegt wurde.

Etwa die Hälfte der jüdischen Männer verdienten sich ihren Lebensunterhalt noch als Hausierer und Schmuser; daneben gab es einige Metzger, Fleischhauer und Viehhändler. Die meisten Familien lebten weiterhin in sehr einfachen wirtschaftlichen Verhältnissen zur Miete in den Häusern des Schlossherrn. Westlich des Schlosses stand auf einer Wiese am See das Ritualbad. 1829 forderte der Amtsarzt von der Kultusgemeinde die Renovierung und Beheizung der Mikwe, doch dafür waren keine finanziellen Mittel vorhanden. Bis 1848 sank die jüdische Einwohnerzahl auf 51 Personen. Durch die desolate finanzielle Lage konnte die IKG Bonnland bald keinen eigenen Religionslehrer mehr bezahlen und musste mit Aushilfskräften über die Runden kommen. 1878 wird das Schulzimmer als äußerst reparaturbedürftig beschrieben; laut den Unterlagen wurde es aber bis zum Frühjahr 1879 renoviert.

Durch die Abschaffung des Matrikelparagraphen im Jahr 1861 verringerte sich die Mitgliederzahl der Kultusgemeinde weiterhin, weil vor allem junge Jüdinnen und Juden in die Großstädte umzogen. Einige der alteingesessenen jüdischen Familien wählten jetzt Würzburg oder Bad Kissingen als neuen Wohnsitz. Beispielsweise gründete Bernhard Hecht eine Weinhandlung, sein Sohn Jakob eine Versicherungsagentur und Moses Wolf Hecht ein Immobilienbüro in Würzburg. 1892 wohnten nur noch 30 Jüdinnen und Juden in Bonnland. Ab 1895 gab der Hauptlehrer Salomon Anfänger aus Heßdorf den wenigen jüdischen Kinder im Ort Religionsunterricht; 1920 beklagte er sich über seine geringen Lohn. Auch im 20. Jahrhundert setzte sich die Landflucht fort. 1910 war die Kultusgemeinde auf 17 Mitglieder geschrumpft. 1925 wird Hermann Dessauer als Vorsteher der jüdischen Gemeinde, die nur noch aus zehn Personen bestand. 

Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 lebten nur noch acht Jüdinnen und Juden in Bonnland. Drei von ihnen gelang es, in die USA zu emigrieren. Der 1895 eingerichtete Truppenübungsplatz Hammelburg kam 1935 unter die Verwaltung der Deutschen Wehrmacht, die darin noch im selben Jahr das Infanterieregiment 57 mit drei Bataillonen unterbrachte. Da dafür das Areal erweitert werden musste, wurden die Hausbesitzer in Bonnland und Hundsfeld kurzerhand enteignet und die beiden Gemeinden zum 19. Mai 1938 aufgelöst. Mit der Auslöschung des Dorfes endet auch die Geschichte der Kultusgemeinde. Die letzten 280 Bürger, darunter auch die jüdischen Bewohner, zogen nach Würzburg, Theilheim, Fulda, Gersfeld oder in andere Orte um. Juden erhielten dafür keinerlei staatliche Unterstützung; Parteimitglieder bekamen dagegen nach dem Novemberpogrom 1938 die enteigneten jüdischen Häuser andernorts als Entschädigung zu Spottpreisen übereignet. Auch der letzte Schlossbesitzer, Heinrich Adalbert von Gleichen-Rußwurm wurde von den Nationalsozialisten enteignet. Er verließ den Ort im Jahr 1938 und übersiedelte nach Baden-Baden. Viele einstige jüdische Mitbürger von Bonnland, die in andere deutsche Städte umgezogen waren, wurden 1942 und 1943 in die Vernichtungslager, u.a. nach Auschwitz oder Theresienstadt, deportiert und dort ermordet. 

Der Truppenübungsplatz Hammelburg wurde 1945 von US-Streitkräften besetzt. Die dort seit 1940 inhaftierten Kriegsgefangenen kamen frei, an ihrer Stelle hielten die Amerikaner in der Folgezeit ehemalige SS-Männer und NSDAP-Mitglieder zur Entnazifizierung gefangen. Am 1. April 1949 wurde die politische Gemeinde Bonnland im Landkreis Karlstadt (heute Main-Spessart) als neue Heimstatt für Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten wieder gegründet, doch schon 1965 mussten die Bewohner das Dorf wieder verlassen. Seitdem werden die Gebäude als Ortskampfanlage innerhalb des Truppenübungsplatzes Hammelburg verwendet. Das unter Denkmalschutz stehende Schloss Greifenstein bleibt davon unberührt. Von den einstigen Gebäuden der Schutzjuden nördlich des Schlosses ist nichts erhalten, keine Spuren erinnern heute mehr an das ehemalige jüdische Leben an diesem Ort.

 

(Christine Riedl-Valder)

Bevölkerung 1910

Literatur

  • Cornelia Berger-Dittscheid: Bonnland. In: Wolfgang Kraus, Hans-Christoph Dittscheid, Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Mehr als Steine… Synagogen-Gedenkband Bayern, Bd. III/2: Unterfranken Teilband 2.1. Erarbeitet von Cornelia Berger-Dittscheid, Gerhard Gronauer, Hans-Christof Haas, Hans Schlumberger und Axel Töllner unter Mitarbeit von Hans-Jürgen Beck, Hans-Christoph Dittscheid, Johannes Sander und Elmar Schwinger, mit Beiträgen von Andreas Angerstorfer und Rotraud Ries. Lindenberg im Allgäu 2021, S. 106-113.
  • K. statistisches Landesamt: Gemeindeverzeichnis für das Königreich Bayern. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und dem Gebietsstand von 1911. München 1911 (= Hefte zur Statistik des Königreichs Bayern 84), S. 224.