Friedrich Seltsam

Sohn des Grünstadter Bierbrauers und Gutsbesitzers Johann Michael Seltsam, der in Grünstadt u. a. als Gründer des ersten Leuchtgaswerks bekannt geworden ist. Auf diese Weise wohl auch Entstehung des Interesses Friedrich Seltsams für die neuen naturwissenschaftlich behründeten Technologien im allgemeinen. 1870 Kauf des Forchheimer Gaswerks. 1871 Gründung einer "Dampfknochenkohlenfabrik" auf dem Gelände unmittelbar neben dem Gaswerk an der Wiesent, offenbar aus unternehmerischem Weitblick, der die ganz neuen, vielfältigen Absatzmöglichkeiten von Knochenmehlprodukten als Grundstoffen für die sich eben erst formierende chemische Seifen-, Leim-, Farben- und Düngemittelindustrie erkennt. Außerdem Verarbeitung von Nebenprodukten aus der Leuchtgasproduktion des Gaswerks in der Knochenbrennerei. In den ersten Jahhren täglich Verarbeitung von 15-25 Zentnern Rohknochen in der Fabrik. 1873 bereits erste Erweiterungen. 1875 allerdings Rückschlag durch Brand auf dem Firmengelände. Trotzdem 1876 klarer Wiederaufschwung, so dass in diesem Jahr die Knochenbrennerei mit ihren 31 Beschäftigten bereits 36.000 Zentner Rohknochen verarbeiten kann. 1879 Erwerb des Reichspatents für die Knochenentfettung mittels Benzin durch Seltsam, die er auch sofort in seiner Fabrik umsetzt und die - bei erhöhter Unfallgefahr - zu einer deutlichen Rentabilitätssteigerung führt. 1882 erlangt Seltsam gemeinsam mit seinem Betriebschemiker Dr. Richard Hagen ein weiteres Reichspatent, diesmal auf ein Verfahren zur Produktion von Knochenleim, das ebenfalls sogleich in der Firma umgesetzt wird. 1883-85 daher bedeutende Erweiterungen der Fabrikanlagen, z. T. gegen den deutlichen Widerstand der Forchhheimer Bevölkerung gegen "die Stinke": Kauf von zwei Dampfmaschinen zur Ergänzung der Wasserkraft; unmittelbarer Bahnanschluss durch ein Industriegleis zum Forchheimer Bahnhof. 1886 täglich Verarbeitung von bis zu 500 Zentnern Rohknochen bei einer Beschäftigtenzahl von 111 Arbeitern und Angestellten. Die Firma ist damit reichsweit eine der größten der Branche. Berits 1881 läßt Seltsam sich eine repräsentative Unternehmervilla unweit des Fabrikgeländes, an der Stelle des abgerissenen Reuther Tors errichten. Allerdings erweisen sich gerade die letzten Investitionen Mitte der 1880er Jahre als zu teuer und unrentabel. 1886/87 arbeitet die Firma mit Verlust; erneute Innovationsversuche führen nur zu weiterer Kostensteigerung. Am 12. November 1887 begeht Seltsam daher Selbstmord. Die Firma meldet Konkurs an. Der Konkursverwalter allerdings, der Direktor der Forchheimer Weberei -> Fritz Hornschuch lässt weiter produzieren und kann in der Tat die Firma im Februar 1888 an den Tübinger Unternehmer Albert Schaal verkaufen. Unter dessen Leitung Weiterbetrieb der Firma als 'F. Seltsam Nachfolger' und seit den 1890er Jahren Entwicklung zu einem chemischen Großunternehmen mit internationalen Absatzbeziehungen. (ch)

Quelle
200 Jahre Franken in Bayern / Handwerk im modernen Franken, Bayerische Landesausstellung 2006