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Dießen


 

GESCHICHTE

Dießen - Augustinerchorherren und Missionsschwestern am Ammersee

Das ehemalige Augustinerchorherrenstift Dießen liegt auf einer nach Osten abfallenden Anhöhe oberhalb des Marktes Dießen. Seine Geschichte ist eng verbunden mit den späteren Grafen von Dießen-Andechs, die nachweislich zwischen dem 11. und der Mitte des 12. Jahrhunderts südlich des heutigen Ortes Dießen mit der ?Sconenburg? ihre Stammburg besaßen.

Wie die Herkunft der Dießener Grafen so verlieren sich auch die Anfänge des Klosters im Dunkel des 9. Jahrhunderts ? die in der Rückschau geschriebene Entstehungsgeschichte, die in verschiedenen Abschriften überliefert ist, ändert daran wenig. Demnach geht eine erste Klostergründung auf Rathard, ein Familienmitglied der Dießener Grafen, zurück, der im 9. Jahrhundert neben der Kirche St. Georgen ein Priesterhaus errichtet haben soll, um dort mit anderen Geistlichen nach der ?vita canonica? des hl. Augustinus zu leben. Dieses Kloster, von den Ungarn Mitte des 10. Jahrhunderts verwüstet, wurde laut späterer Chronisten 1013 wieder aufgebaut.

Die Errichtung des bis 1803 bestehenden Augustinerchorherrenstifts St. Maria datiert zwischen 1121/22 und 1127. Auf Initiative des Dießener Grafen Bertold II. (gest. 1151) wurde der Chorherr Hartwig (gest. 1173) vom Augustinerchorherrenstift Rottenbuch, dem Zentrum klösterlicher Erneuerung im Sinne der neuen Regel des hl. Augustinus, als erster Propst an das westliche Ufer des Ammersees berufen. Er verlegte das ständig wachsende Kloster von St. Georgen nach St. Stephan und errichtete dort ein reguliertes Chorherrenstift. Die Weihe der neuen Klosterkirche Mariä Himmelfahrt fand 1182 statt.

Zu diesem Zeitpunkt wird erstmals gesichert auch von einem bereits bestehenden Frauenkloster in St. Stephan berichtet. Dessen legendäre Gründung geht auf die Dießener Gräfin Kunissa (Kunigunde) vor 1020 zurück. Die Gründung auf Initiative Hartwigs vor 1120 scheint dagegen wahrscheinlicher, zumal unter seiner Führung die Kanonissen das ehemalige Priesterhaus bei St. Stephan bezogen. Die Tochter des Grafen Berthold II., die sel. Mechtildis (gest. 1160), erhielt hier ihre Ausbildung und war später einige Jahre Äbtissin von Edelstetten. Das Frauenkloster St. Stephan ging jedoch bereits in den Kriegswirren und Pestzeiten des 14. Jahrhunderts wieder zugrunde.

1132 nahm der Heilige Stuhl das Doppelkloster unter seinen pastoralen Schutz und bestätigte die erfolgte Transferierung sowie alle Besitzungen und Einkünfte, darunter auch die Wallfahrt zum sel. Rasso in Grafrath, bis 1803 Filiale des Stiftes. Die Grafen bedachten ihr Familienkloster und geistiges Zentrum auch in der Folgezeit mit großzügigen Schenkungen, darunter Weinberge in Tirol und Fischereirechte auf dem Ammersee sowie schließlich alle ihre Besitzungen in Dießen. Anschließend zog sich das Geschlecht ganz nach Andechs zurück und strich die Bezeichnung Dießen aus ihrem Grafentitel.

Mit dem Aussterben der Grafen von Andechs 1248 übernahmen die Wittelsbacher den einstigen gräflichen Einflussbereich und damit die Vogtei über das Stift, bestätigten aber bereits 1258 alle bestehenden klösterlichen Privilegien. Trotzdem verfiel die Gemeinschaft im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts. Sie war auf großzügige Schenkungen von Herzogin Mathilde, der Mutter Kaiser Ludwigs des Bayern, angewiesen, darunter alle ihre Gerichts- und Herrschaftsrechte im Markt und in der Pfarrei Dießen. Doch schon 1326 erwarb König Ludwig die Rechte des Stifts im Markt zurück, entschädigte dieses jedoch mit der Verleihung der Niedergerichtsbarkeit im Bereich der Pfarrei Dießen. Von 1326 bis 1803 bestanden somit nebeneinander der herzogliche Bannmarkt Dießen und die Klosterhofmark St. Georgen. Die Herzogin hatte außerdem einen kommissarischen Verwalter eingesetzt, der die Ökonomie sanierte, selbst in das Kloster eintrat und als Propst Bertold I. (gest. 1316) dem Stift mehr als 15 Jahre vorstand. Im Kampf Ludwigs des Bayern um die Kaiserkrone wurde Dießen 1318 und 1320 von den habsburgischen Truppen teilweise verwüstet.

Das Chorherrenstift wurde zwar 1340 wieder aufgebaut, die Chorherren führte jedoch in der Folge ein Leben, das klösterlichen Ansprüchen kaum mehr gerecht wurde. Deshalb wandte sich Propst Jakob Pienzenauer (reg. 1396?1444) an den bayerischen Herzog, der fünf Chorherren aus dem streng geführten Augustinerchorherrenstift Indersdorf nach Dießen entsandte. Unter den aus Indersdorf stammenden Pröpsten Johannes Schön (reg. 1460?1474) und Johannes II. Zallinger (reg. 1474?1496) gelangen die Neuordnung des geistigen Lebens und auch die wirtschaftliche Sanierung des Konvents. Man legte nun mehr Wert auf Wissenschaft und Literatur, naturwissenschaftliche Instrumentensammlung und Bibliothek wurden erweitert. Unter den folgenden starken Pröpsten war das Stift von den Umbrüchen in der Reformationszeit kaum betroffen, es bildete vielmehr eine Stütze für weniger gefestigte Klöster. In der Zeit der Gegenreformation ordnete Propst Simon Wörle/Werle (reg. 1611?1648) Klosterleben und -bauten neu. Einerseits veranlasste er durch die Einführung übermäßig strenger Ordensstatuten zahlreiche Stiftsherren zum Austritt aus der Gemeinschaft; andererseits begann er 1620/30 mit der Planung für eine geordnete Neuerrichtung der Klosteranlage, die sich im Lauf des Spätmittelalters zu einem umfangreichen Komplex verschiedener Kloster- und Ökonomiebauten entwickelt hatte. Die Bauarbeiten wurden freilich durch die in der Gegend verheerenden Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges unterbrochen: Es blieb ein verwüstetes, hoch verschuldetes Kloster zurück. Erst nach 1673 konnten die Arbeiten unter Propst Renatus Sonntag (1673?1690), der auch die Regeln seines Vorgängers schrittweise abmilderte, wieder aufgenommen werden.

Bereits zum Ausgang des 17. Jahrhunderts deutete sich auch in Dießen die Blüte der bayerischen Klöster des folgenden Jahrhunderts an. In den 1670er-Jahren war mit dem Neubau der Klostergebäude begonnen worden, eine neue Kirche scheiterte jedoch zunächst an den noch immer vorhandenen Schulden und den Belastungen im Spanischen Erbfolgekrieg. Trotzdem erreichte das Stift durch den Beitritt zur Laterankongregation (1699) und die Gewährung der Pontifikalrechte für den 32. Propst Andreas Sedlmayr (reg. 1690?1719) durch ein päpstliches Breve (1707) eine nicht unbeträchtliche Aufwertung seiner Stellung.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts erhielt Dießen mit Herkulan Karg (1728?1755) einen kunstsinnigen, aber auch tatkräftigen Propst. Er stellte innerhalb weniger Jahre den unter seinem Vorgänger nur schleppend vorangekommenen Kirchenbau bis 1739 fertig, der zu einem hochrangigen Ort barocker Kunst werden sollte. Karg verpflichtete bedeutende Künstler wie die Baumeister Francois Cuvilliés und Johann Michael Fischer, den Maler und Freskanten Johann Georg Bergmüller, die Stukkatoren Franz Xaver und Johann Michael Feichtmayr sowie Johann Baptist Straub und nicht zuletzt Giovanni Battista Tiepolo. 1740 vervollständigte er sein Aufbauwerk mit der Errichtung neuer Klostergebäude an der Stelle der alten Kirche, gerade noch rechtzeitig vor Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekriegs, unter dem das Stift erneut stark zu leiden hatte: Als Karg 1742 die verlangten Kontributionen nicht zahlen konnte, wurde er von österreichischen Truppen sogar gefangen gesetzt.

Propst Bertold Wolf (reg. 1755?1797) widmete sich wieder mehr den wissenschaftlichen und künstlerischen Aspekten des Klosterlebens: Dießen gewann in diesen Bereichen so stark an Bedeutung, dass einige Stiftsherren nach der Auflösung des Jesuitenordens 1773 auf dadurch frei gewordene Professorenstellen berufen wurden.

Trotz des Österreichischer Erbfolgekrieges und der Koalitionskriege blühte das Augustinerchorherrenstift Dießen zum Ende des 18. Jahrhunderts. Die Säkularisation setzte demnach auch hier einer glanzvollen Entwicklung ein jähes Ende: Am 5. November 1802 erklärte der Aufhebungskommissar Graf Ludwig von Arco das Augustinerchorherrenstift Dießen für aufgelöst. Immobilien und Mobilien wurden bis 1804 veräußert, einige Klostergebäude auch abgerissen. Die Klosterkirche löste St. Georgen als neue Pfarrkirche ab. Die Klosterhofmark wurde aufgelöst und die Gerichtsbarkeit dem Landgericht Landsberg übertragen. Die 18 Chorherren und fünf Laienbrüder verließen im Frühjahr 1803 die Klostergebäude; sie erhielten bis zu ihrem Tod eine jährliche Rente. Ein Großteil von ihnen bezog 1804 ein aus Klosterbesitz erworbenes Haus in Dießen, wo sie weiterhin in Gemeinschaft zusammenlebten. Auch der letzte Propst Ferdinand Grasl wohnte nach der Aufhebung seines Stiftes weiterhin am Ort.

Die neuen Eigentümer der einstigen Klostergebäude wechselten in den folgenden Jahrzehnten mehrmals, bevor 1867 Landsberger Dominikanerinnen einige der ehemaligen Wirtschaftsgebäude kauften und im nordwestlichen Teil des Wirtschaftshofes das Kloster St. Joseph in Verbindung mit einer Mädchenschule einrichteten. Das heute noch bestehende Kloster erhielt 1895 seine Selbstständigkeit. Die Liebfrauenschule Dießen (Mädchen-Realschule) befindet sich heute in der Trägerschaft der Diözese Augsburg. 1917 erwarben die Vinzentinerinnen von Augsburg die südlich der Kirche gelegenen ehemaligen Konventgebäude, um dort bis 1968 ihr Mutterhaus zu etablierten. 1934 wurde deshalb ein Teil des nach der Säkularisation demolierten Westflügels wieder aufgebaut. Heute dienen die Gebäude als Heim für ältere Schwestern der Vinzentinerinnen. Weitere Ausbaumaßnahmen erfolgten in den letzten Jahrzehnten: 1978/79 wurde der 1627 errichtete Getreidekasten nördlich der Klosterkirche zum neuen Pfarrzentrum umgebaut mit der neuen Winterkirche St. Stephan, der Neubau des Kirchenturms schloss sich 1986 an.

Neben den Vinzentinerinnen errichteten die späteren Missionsbenediktinerinnen 1923 bei der Wallfahrtskirche St. Alban unter der Führung ihrer Gründerin Baroness Barbara von Freyberg ein eigenständiges Kloster mit der Bezeichnung ?Verein der Schutzengelschwestern e.V.?. 1957 wurde daraus die Diözesankongregation der Benediktinerinnen von St. Alban. Von 1962 bis 1964 errichteten die Schwestern einen neuen Klosterbau, 1966 erfolgte die Erhebung zum selbstständigen Priorat. Heute betreiben die Schwestern ein Kinderheim, sind aber auch in der Mission in Südafrika tätig.

Angelika Schuster-Fox



 

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AUS DEM HDBG-BILDARCHIV
Ehem. Augustiner-Stiftskirche St. Maria des Klosters Dießen (Westfassade), 1720-1739, Johann Michael Fischer.
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte, Augsburg (Heck, A.)

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