Neukirchen, Hlg. Blut


 

GESCHICHTE

 

Neukirchen beim Hl. Blut, Franziskanerkloster – Brücke zwischen Bayern und Böhmen

 

 

 

Neukirchen am Hohenbogen liegt an einer alten Handelsstraße nach Böhmen und spielte von alters her eine wichtige Rolle zur Sicherung der Grenzregion. Der Ort, der 1377 von Herzog Albrecht I. zum Markt erhoben wurde, war daher mit Wehranlagen um die St. Nikolauskirche und das Pflegschloss gesichert. Außerhalb des Ortes existierte an der Straße nach Eschlkam seit Anfang des 15. Jahrhunderts eine Hostienwallfahrt. Eine auf einem Baumstumpf gefundene geweihte Oblate, die nach feierlicher Übertragung in die Nikolauskirche wunderbarerweise wieder an diesen Ort zurückkehrte, gab den Anlass zum Bau einer Holzkapelle.

 

Während der stürmischen Zeiten der Hussitenkriege im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts fand hier der Legende zufolge ein weiteres unerklärliches Ereignis statt: Ein Hussit soll in Neukirchen auf eine Marienfigur gestoßen sein, die eine fromme Bäuerin aus dem böhmischen Dorf Loučim vor der Zerstörung gerettet und in der Feldkapelle aufgestellt hatte. Der Hussit warf der Erzählung nach die Figur in einen nahen Brunnen, sie kehrte jedoch wie durch ein Wunder an ihren Platz zurück. Dieser Vorgang soll sich dreimal wiederholt haben. Daraufhin versuchte der Hussit, die Figur mit dem Säbel zu zerschlagen. Als er jedoch ihr Haupt spaltete, floss plötzlich frisches Blut aus der Wunde. Voller Entsetzen versuchte der Hussit zu fliehen, doch sein Pferd bewegte sich nicht mehr von der Stelle, obwohl er ihm sogar die Hufeisen abnahm. Daraufhin bekehrte er sich zum katholischen Glauben und opferte sein Schwert und die vier Hufeisen, die noch heute in der Kirche gezeigt werden. Auch der Brunnen, in dem der Hussit das Gnadenbild zerstören wollte, ist in der Sakristei für die Gläubigen zugänglich. Diese Legende wurde in der Folgezeit mündlich überliefert und nach der ersten schriftlichen Aufzeichnung im Jahr 1590 immer weiter ausgeschmückt. Mit der wachsenden Bedeutung der Wallfahrt im 16. Jahrhundert kam für den Ortsnamen der Zusatz „beim Heiligen Blut“ auf und ist seither gebräuchlich. Für die Berechnung des Jubiläums legte man später das Jahr 1450 fest, in dem der Frevel an der Marienstatue stattgefunden haben soll.

 

Noch vor der Reformation ließ Herzog Ludwig X. 1520 die Wallfahrtskapelle durch einen steinernen Bau ersetzen. Der Hochaltar wurde an der Stelle errichtet, wo die Hostie aufgefunden worden war. Herzog Maximilian I. veranlasste 1610 den Neubau des Langhauses und den Ausbau zur Kirche. Als vier Jahre später der Turm der Nikolauskirche am Neukircher Marktplatz einstürzte und dabei das Kirchengewölbe stark beschädigte, entschloss man sich, die Pfarrrechte auf die Wallfahrtskirche zu übertragen.

 

Nach dem Sieg der Katholiken in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag im Jahr 1620, den man der Hilfe der Muttergottes zuschrieb, förderten die bayerischen Herzöge und Kurfürsten die Mariengnadenstätten besonders intensiv. Neukirchen wurde weithin bekannt und zog auch viele Gläubige aus Böhmen an. Der bedeutende franziskanische Schriftsteller Pater Fortunat Hueber räumte Neukirchen in seinem Werk „Zeitiger Granatapfel...“ (erschienen 1671), in dem er die bayerisch-böhmischen Marienwallfahrten seiner Zeit beschrieb, mit einem enthusiastischen barocken Preislied  die größte Bedeutung ein.

 

Bereits Anfang des 17. Jahrhunderts halfen Franziskanerpatres aus Cham regelmäßig aus, um die große Zahl der Wallfahrer zu betreuen. Um die Seelsorge zu gewährleisten, richtete man 1656 vor Ort ein Hospiz für die Brüder ein, die anfangs im Pfarrhof und bei einem Privatmann untergebracht waren. Von 1658 bis 1661 erfolgte der Bau des Klosters samt Kirche, die durch den Ordensbaumeister Fr. Hugolin Partenhauser an die Ostseite der bestehenden Wallfahrtskirche angefügt wurde. Auf diese Weise entstand der einzigartige Doppelaltar, der die beiden Gotteshäuser verbindet. Der mächtige, siebenstöckige Glockenturm mit Zwiebelhaube war bis Ende des 17. Jahrhunderts fertiggestellt (1732 nach Sturmschaden gekappt). Nach Einrichtung der Wasserversorgung durch eine Brunnstube konnten die Franziskaner auch ein Brauhaus betreiben. Einer der Brüder übernahm stets das Amt des Pfarrpredigers. Die Franziskaner betreuten viele umliegende Pfarreien und leisteten Aushilfen bis nach Klattau in Böhmen. Im weiten Umkreis wurden durch ihre Mitwirkung auch Kreuzwege errichtet. Die Franziskaner waren bald bei der Bevölkerung und den Wallfahrern überaus beliebt. Die Fußprozessionen kamen aus einem Umkreis von 100 Kilometern nach Neukirchen; es sollen jährlich bis zu 45000 Wallfahrer gewesen sein. An frommen Gaben brachten sie Votivbilder, Schmuck, Amulette aus Wachs, Eisen oder Silber, nachgebildete menschliche Gliedmaße und Tiere.

 

Nach großen Schäden im Spanischen Erbfolgekrieg (1700–1714) erfolgte die Wiederherstellung und gleichzeitige Vergrößerung der Gnadenstätte, um die zahlreichen Besucher aufnehmen zu können. Von 1719 bis 1721 war man mit dem Neubau des erweiterten Chors, der Seitenkapellen und deren Wölbung, Wandgliederungen, einer neuen bildlichen Ausstattung, in der man die Verehrung der Muttergottes und die Wurzeln der Wallfahrt thematisierte, sowie der Aufstellung von Beicht- und Betstühlen, geschmückt mit kunstvollen Schnitzereien, beschäftigt. Damals erhielt die Wallfahrtskirche ihre heutige Form als Saal mit halbrund geschlossenen Kapellenanbauten vor dem Chor, der nach Osten rundbogig in die gleichfluchtende Saalkirche des Klosters übergeht. Auch die Klosteranlage wurde renoviert und durch einen Nordflügel erweitert, in dem ein Hörsaal und die durch mehrere Schenkungen angewachsene Bibliothek Platz fanden. Von 1723 bis 1744 wurde auch das Studienhaus des Franziskanerordens in Neukirchen betrieben, dessen Seminare auch weltliche Studenten aus der Region offenstanden.

 

Für das 300-jährige Wallfahrtsjubiläum ließ man 1750 von Augsburger Hofkünstlern einen neuen, reich mit Goldschmiedearbeiten verzierten, sechssäuligen Hochaltaraufbau schaffen. In seinem Zentrum ist ein Rokokoschrein für das Gnadenbild mit dem gespaltenen Haupt platziert. Die Muttergottesstatue böhmischer Herkunft aus der Zeit um 1400 erhielt ein Festgewand aus reich besticktem Samt, das der Legende zufolge aus dem Brautkleid einer böhmischen Prinzessin gefertigt war. Es ist überliefert, dass in der Festwoche 420 Gottesdienste gefeiert und insgesamt 70000 Hostien bei der Kommunion ausgeteilt wurden. Die große Blüte der Wallfahrt bewirkte auch einen immensen wirtschaftlichen Aufschwung für das Kloster und den Ort. Mit der Herstellung von Hinterglasbildern, Rosenkränzen, Schnitzereien und religiösen Gegenständen waren zahlreiche Künstler und Heimarbeiter beschäftigt. Auch der Bedarf an Gasthäusern und Unterkünften war groß.

 

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Franziskanerkloster im Zuge der Säkularisation nicht aufgehoben, sondern 1802 als Zentralkloster eingerichtet und 1855 wieder als regulärer Konvent der bayerischen Franziskanerprovinz zugelassen. Es ist das einzige Kloster dieses Ordens im Bistum Regensburg, das dauerhaft von Bestand war. Die Bibliothek des Franziskanerklosters blieb durch glückliche Umstände seit Gründung des Konvents 1656 erhalten und umfasst heute etwa 8000 Werke, davon rund 170 Drucke aus dem 16. Jahrhundert.

 

Von 1992 bis 1996 erfolgte eine umfangreiche Renovierung des Klosters. Für den leerstehenden Nordflügel fand man eine neue Nutzung als „Grenzüberschreitendes Wallfahrts- und Begegnungszentrum“, in dem auch größere Gruppen, zum Beispiel die seit der Grenzöffnung wieder stattfindende Chodenwallfahrt, Platz finden. Der jahrhundertealte Klostergarten wurde nach historischem Vorbild neu angelegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Schätze aus dem Archiv der Wallfahrtskirche fanden im ehemaligen Neukirchener Pflegschloss eine neue Heimstatt. Hier wurde 1992 ein Museum eingerichtet, das die Besucher über alle Aspekte der örtlichen Wallfahrt informiert.

 

 

 

Christine Riedl-Valder

 



 

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