München, St. Philipp Neri


 

GESCHICHTE

München, St. Philipp Neri – Lebendiger Gottesdienst und volksnahe Seelsorge

 

 

Pfarrer Johann Georg Seidenbusch, ein gebürtiger Münchner, arbeitete ab 1667 an der Begründung einer neuen Wallfahrt in Aufhausen. Zur Unterstützung in der Pilgerseelsorge siedelte er dort die Weltpriestervereinigung der Oratorianer aus Rom an. Nachdem ihm dies gelungen war, war er bestrebt, in seiner Heimatstadt München ebenfalls eine Niederlassung der Bruderschaft zu etablieren, die er sehr schätzte. Diese geistliche Gemeinschaft war 1548 vom hl. Philipp Neri (1515–1595) in Rom gegründet worden. Philipp und seine jungen Anhänger kümmerten sich in der italienischen Hauptstadt um bedürftige Pilger, Kranke und Arme. Ihre Zusammenkünfte wurden – im Unterschied zu der traditionell auf Latein gefeierten Messe – mit Gebeten und Gesängen in der Volkssprache abgehalten und mit Musik und Liedern sehr lebendig gestaltet, sodass sie bald großen Zulauf fanden. Schließlich musste dafür ein eigener, größerer Raum eingerichtet werden – das Oratorium (dt. „Betsaal“). Später entstand eine feste Hausgemeinschaft, die sich in den Dienst des Oratoriums stellte. Ihre Mitglieder nannten sich Oratorianer. Die musikalisch umrahmten Andachten Philipp Neris wirkten sich auch fruchtbar auf die Entwicklung des erzählend-dramatischen Kompositionsstils des geistlichen Oratoriums aus. Die Idee vom Oratorium hat sich später in vielen Ländern verbreitet. Die Gemeinschaft der Oratorianer untersteht dem Bischof und befolgt keine feste Regel, nur Richtlinien. Die Nerianer, wie sie nach ihrem Gründer auch genannt werden, legen keine Gelübde ab und dürfen die Bruderschaft jederzeit wieder verlassen. Ihre Tätigkeit ist vielfältig; die Seelsorge steht jedoch im Mittelpunkt.

Pfarrer Seidenbusch hatte in München im Gegensatz zu Aufhausen große Schwierigkeiten bei der Einführung eines Oratorianer-Instituts. 1707 gelang endlich die Gründung in der Herzogspitalgasse. Die Brüder, denen ein Propst vorstand, hatten keine eigene Kirche, nur ein Anwesen mit Hauskapelle. Sie waren für den Gottesdienst an den beiden großen benachbarten Hospitälern zuständig. Es handelte sich um die St. Josephskirche und die Herzogspitalkirche St. Elisabeth, die zu der von den Servitinnen betreuten Krankenanstalt gehörte, die Herzog Albrecht V. im Jahr 1555 für sein Hofpersonal hatte erbauen lassen. Um 1775 starben die Münchener Oratorianer aus. Ihr Haus wurde von den Servitinnen erworben, die in ihrer Kirche seitdem einen eigenen Philipp-Neri-Altar hatten.

1954 gründeten Oratorianer aus Leipzig in München erneut eine Niederlassung. Zum ersten Superior wurde Heinrich Kahlefeld gewählt. Erzbischof Kardinal Wendel (1952–1960) vertraute ihnen die neu errichtete Pfarrei St. Laurentius im Nordwesten der Stadt an. Als erster Pfarrer wirkte bis 1965 Ernst Tewes (1972–1998 Weihbischof und Liturgiereferent der Erzdiözese). Der von den Architekten Emil Steffann und Siegfried Oestreicher zusammen mit den Münchner Oratorianern geplante Kirchenneubau an der Klugstraße in München–Gern sollte die Gemeinde um den Altar versammeln. Seitenaltäre waren nicht vorgesehen. Ein Novum für das Erzbistum München und Freising bedeuteten die Pfarr- und Jugendräume. So entstand ein entwicklungsgeschichtlich bedeutender Kirchenbau: ein Querrechteck mit breiter Apsis aus blanken Ziegeln und ohne Turm, in den Materialien und Bauformen, wie sie aus der Frühzeit des Christentums bekannt sind. Nach dem Vorbild des Leipziger Oratoriums wurden für St. Laurentius gottesdienstliche Gesänge in deutscher Sprache geschaffen, die man nach den Regeln der Gregorianik vertonte. Es handelt sich um einstimmige Wechselgesänge zwischen Vorsänger, Schola und Gemeinde. Seit der Gründung der Pfarrei stellen sie einen festen Bestandteil der Gottesdienste dar und geben ihnen ihr unverwechselbares Gepräge.

Heinrich Kahlefeld wurde 1964 zum ersten Direktor des neuen Instituts für Katechetik und Homiletik (IKH) in München ernannt. Dort dozierten auch die Mitbrüder Klemens Tilmann, Franz Schreibmeyer und Hermann Seifermann. Von 1979 bis 1990 war Hermann Seifermann Fachhochschullehrer für das Lehrfach „Exegese des Alten Testamentes und Didaktik des Bibelunterrichtes“ an der Kath. Stiftungsfachhochschule in Eichstätt. Bis heute sind die Mitglieder des Oratoriums in vielfacher Bildungsarbeit tätig und kümmern sich gemeinsam um die Seelsorge der Pfarrgemeinde St. Laurentius. Ein Schwerpunkt ist seit Bestehen des neuen Münchner Instituts der Aufbau der Kinder- und Jugendseelsorge. Aus diesen Bemühungen heraus entstand in den 1950er-Jahren der „Neue Katechismus“, der von den Oratorianern Klemens Tillmann und Franz Schreibmeyer erarbeitet wurde. Bereits 1955 wurde jeden Sonntag eine eigene Kindermesse in der Philipp-Neri-Kapelle gefeiert. 1970 wurde der Kindergarten der Pfarrei erbaut. Die 50-jährige Geschichte der Pfarrei St. Laurentius und die Gründung des Münchner Oratoriums waren im Jahr 2004 Thema einer großen Ausstellung.

 

Christine Riedl-Valder

 

 

Links:

http://www.oratorium.org/

http://www.muenchen.oratorium.org/



 

SUCHE

LAGE IN BAYERN
Kartenausschnitt in Google Maps anzeigen