Erding


 

GESCHICHTE

 

Erding, Kapuzinerkloster Hl. Kreuz – Beliebte Volksseelsorger

 

Obwohl der Magistrat die Kapuziner nach Erding berufen hatte und diese bei ihrer Ankunft in der Stadt 1692 auch eine Genehmigung von Kurfürst Max Emanuel vorweisen konnten, verweigerte ihnen der Bruder des Kurfürsten, Josef Klemens, der damals als Bischof von Freising fungierte, die Klostergründung. Die Barfüßer nahmen trotzdem ihre seelsorgerische Tätigkeit auf und hospitierten in der Kirche „Zum Heiligen Blut“. Nach langwierigen Verhandlungen erfolgte schließlich am 16. Mai 1694 die Grundsteinlegung ihres Klosters durch den kurfürstlichen Stellvertreter Graf Ferdinand von Heimhausen. Laut Aussage des Historiografen Maximilian Pöckl stammte die Anlage von Baumeister Theodor von Münchsdorf. Der Freisinger Fürstbischof Johann Franz Eckher von Kapfing und Lichteneck nahm am 27. Oktober 1697 die Einweihung der Klosterkirche unter dem Patronat der Heiligen Kreuzerhöhung vor. Schon bald entwickelte sich eine Wallfahrt zu dem im Gotteshaus befindlichen Heiligen Grab und der Grabstätte des Märtyrers Placidus, dessen Leib die Kapuziner aus Rom überführt hatten.

Die Niederlassung in Erding hatte 27 Zellen und fünf Gastzimmer und war mit 28 Kapuzinern besetzt. An Einkünften des Klosters verzeichnet der Ordenschronist Eberl neben Messstipendien und Almosen lediglich Naturalien: So spendete der kurfürstliche Hof eineinhalb Fässer Weißbier, zwei Salzscheiben und 25 Pfund Fische; die Kollekten brachten jährlich 48 Scheffel Gerste, 13 Zentner Schmalz, 4 Zentner Wolle und 7000 Eier. Die Patres predigten an allen Sonn- und Feiertagen in ihrer Klosterkirche, wirkten in dieser Funktion und als Beichtväter auch im Markt Wartenberg, in Walpertskirchen, Reichenkirchen, Thalheim sowie in weiteren 14 Pfarreien auf dem Land. Sie waren als Fastenprediger nach Dorfen eingesetzt und übernahmen die Seelsorge der Malteserkommende Ebersberg sowie die Betreuung der dortigen Sebastianiwallfahrt. Zu ihren Aufgaben gehörte auch die Betreuung der Kranken und Sterbenden in Erding. Innerhalb der ersten 20 Jahre seines Bestehens konnte das Kloster bereits rund 900000 Beichten und 22 Bekehrungen zum katholischen Glauben verzeichnen. Die Patres, die als Volksseelsorger geachtet und beliebt waren, wirkten vor Ort als wichtige Stütze der Gegenreformation.

Guardian Johann Evangelist (1744–1806), der als Lektor der Philosophie und Theologie arbeitete und ein vorzüglicher Prediger war, wurde in den Jahren 1788, 1794 und 1800 zum Provinzial des Ordens gewählt. 1802 erfolgte im Zuge der Säkularisation die Aufhebung des Klosters durch die kurfürstliche Spezialkommission. Damals lebten noch zehn Brüder in der Erdinger Niederlassung. Um Proteste aus der Bevölkerung zu umgehen, mussten sie am 27. August bereits um 3 Uhr früh zum Abtransport in das Zentralkloster nach Traunstein aufbrechen. Grundstücke, Gebäude und Inventar wurden versteigert. 1821 wurde die Anlage zum Sitz des königlichen Rentamts. Um 1900 hat man das Kloster auf Abbruch versteigert. Auf dem Grundstück wurden das Amtsgericht mit Gefängnis und das Finanzamt errichtet. Vom ehemaligen Kapuzinerkloster, an dessen Stelle sich heute das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten befindet, hat sich lediglich eine kleine Mauerkapelle im Garten erhalten, die 1984 renoviert wurde (Dr.-Ulrich-Weg 4).

 

Christine Riedl-Valder


 

 

 



 

SUCHE

LAGE IN BAYERN
Kartenausschnitt in Google Maps anzeigen