Freising, Franziskaner-Terziarinnen


 

GESCHICHTE

Seelschwestern und Klageweiber

 

Im Spätmittelalter gab es in vielen Städten so genannte Seelhäuser. Es handelte sich um wohltätige Stiftungen, die für das Seelenheil getätigt wurden und deren Bewohner – die Seelschwestern, Seelfrauen, Seelnonnen und Klageweiber – die Aufgabe hatten, sich um das Seelenheil der Sterbenden und der Verstorbenen zu kümmern. Das Zusammenleben der Seelnonnen war meistens ohne Bindung an eine Regel organisiert und erlaubte Privateigentum sowie gewisse Freiheiten. In Freising existierte im 15. Jahrhundert keine Einrichtung dieser Art. Deshalb beschloss Bischof Sixtus von Tannberg (Regierungszeit 1473–1495), acht Schwestern aus dem Münchner Seelhaus zum hl. Christoph, das am Max-Joseph-Platz lag, aufzunehmen. Herzog Albrecht IV. hatte sie ausgewiesen, da sie es abgelehnt hatten, sich einer strengeren Lebensform zu unterwerfen. Der Freisinger Oberhirte kaufte den Schwestern im Jahr 1485 ein prächtiges spätgotisches Giebelhaus an der Westseite der Münchner Straße (an der Stelle des heutigen Anwesens Münchner Straße 4), stellte sie unter bischöfliche Jurisdiktion und gab ihnen ihre Satzung. Eine Meisterin, die dem bischöflichen Prüfer verantwortlich war und die Rechnungsbücher führte, stand den Frauen, bei denen es sich um fromme Jungfrauen oder Witwen handelte, vor. Ihre Pflicht war es, die Schwestern zu den Todkranken zu schicken, damit sie diesen durch Gebet und Zuspruch zu einem guten Tod verhalfen. Dafür durften sie Almosen annehmen. Sie durften jedoch keinesfalls Armen, die ihnen nichts geben konnten, ihren Dienst versagen. Die Schwestern waren nicht verpflichtet, alle Geschenke abzuliefern. Ihr Besitz fiel nach dem Tod oder nach unerlaubtem Austritt der Gemeinschaft zu. Die Aufnahme und Entlassung der Schwestern gehörte zu den Aufgaben des geistlichen Oberverwalters. Das Seelhaus unterschied sich von den bürgerlichen Häusern der Umgebung aufgrund seiner Fassadenmalereien. Es handelte sich um 26 Wappen von Freisinger Domherrn und Bischöfen, die zusammen mit Heiligen des Franziskanerordens die Außenwände schmückten (1854 übertüncht). Im Erdgeschoss des Hauses befand sich rechts vom Eingang die Kapelle Heilig Kreuz. Sie hatte bereits im 16. Jahrhundert ein sehr reiches Inventar, ein Beweis für die Spendenfreudigkeit der damaligen Zeit.

 

Das Freisinger Seelhaus lag im Pfarrbezirk des St. Andreasstifts. Deshalb waren in der Folgezeit auch viele Chorherren von St. Andreas als Oberverwalter oder Stifter mit dem Seelhaus verbunden. Durch weitere fromme Stiftungen kamen einige Häuser in Freising und einige Bauernhöfe aus der Umgebung in den Besitz des Seelhauses. Nachdem eine der Meisterinnen kostbares Stiftungsgut unterschlagen hatte, wurde die Gemeinschaft der Terziarinnen des hl. Franziskus 1551 offiziell aufgelöst. In der Folgezeit übernahmen weltliche Seelschwestern die Aufgaben. Ein Unterverwalter, der dem geistlichen Oberverwalter unterstand, erledigte alle wirtschaftlichen Vorgänge. Die Zahl der Schwestern belief sich im 16. und 17. Jahrhundert auf zwei bis fünf; ab 1690 waren es immer nur drei. Im 18. Jahrhundert trat neben dem Sterbebeistand immer mehr die Ausrichtung der Seelengottesdienste im Vordergrund. Zu den Jahrtagen der Verstorbenen gingen die Schwestern in eigenen langen Klagmänteln und Klaghüten; auch ein Schleier gehörte zu ihrer regulären Tracht. 1739 bezeichnete man sie in Freising offiziell als „praeficae“ (Klageweiber). 1802 übernahm der Staat die Verwaltung des Seelhauses. Später wurde die Einrichtung der Stadt übergeben, die zwei Seelnonnen als Leichenfrauen in den öffentlichen Dienst nahm. Im Zuge einer Verbreiterung der Münchner Straße wurden 1877 das Seelhaus und die danebenliegende Weichselbaumwirtschaft abgebrochen.

 

Christine Riedl-Valder



 

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