Quelle: Der Winterkönig, Landesausstellung 2003
Signatur: WINT-LA-2003-01
Copyright: Haus der Bayerischen Geschichte; Entwurf: Peter Wolf / Stefan Lippold; Umsetzung: Würth & Winderoll. Die Karten unterliegen dem Urheberschutz. Das Downloaden für Schul- und Bildungszwecke ist erlaubt (Anmeldung erforderlich!). Jede andere Nutzung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung durch die Rechtsinhaber.
Beschreibung: Das politische Europa bestand zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus Einheiten
verschiedener Größe, deren Einflussbereiche sich teilweise durchdrangen. Die
Bildung moderner Staaten aus Flächenländern mittlerer Größe wie Frankreich oder
Großbritannien setzte sich im westlichen und nördlichen Europa fort. Daneben
lebten mit dem Heiligen Römischen Reich aber auch übergeordnete Strukturen mit
universalem Anspruch fort. Dynastische Verbindungen wie etwa die Herrschaft des
Hauses Habsburg in Spanien und in den österreichischen Ländern bestimmten
überdies die Politik.
Das Zentrum Europas wurde bestimmt vom Heiligen Römischen Reich in seiner
gewaltigen Ausdehnung von der Nord- und Ostseeküste bis nach Oberitalien, von
den Niederlanden und Savoyen bis nach Brandenburg, Böhmen und Mähren. Dieses
Reich hatte sich aus einer im hohen Mittelalter christlich geprägten,
universalen Erbmonarchie entwickelt. In dieser Großeinheit war immer die
politische Vielfalt mitgedacht: Es konkurrierten hier Rechte, Würden, Ansprüche
und spätestens seit der Reformation des 16. Jahrhunderts unterschiedliche
Konfessionen. Der Schwerpunkt des ?Reichs? lag in Oberdeutschland mit seiner
charakteristischen Vielfalt mittelgroßer bis kleinster Herrschaftseinheiten. Die
hierarchisch ? nach dem Muster des Lehenssystems ? gegliederte Struktur des
Reichs wies den einzelnen Reichsständen einen festen Platz zu, der freilich
nicht unbedingt mit der realen Macht eines solchen Reichsstands übereinstimmen
musste. So übten die drei geistlichen Kurfürsten, die Erzbischöfe von Köln,
Mainz und Trier, zwar das wertvolle Recht der Kaiserwahl aus, besaßen aber nur
verhältnismäßig kleine Territorien und begrenzte Machtmittel. Auch der
vornehmste weltliche Kurfürst, der Pfälzer, herrschte nur über zwei vergleichbar
kleine Territorien: die Kurpfalz am Rhein um die Residenz Heidelberg und die
Obere Pfalz auf dem alten bayerischen Nordgau. Das größere und territorial weit
gehend geschlossene Herzogtum Bayern konnte sich zwar seit Beginn des 17.
Jahrhunderts neben den Habsburgern als katholische Vormacht etablieren, gehörte
aber nur zum großen Kreis der Reichsfürstentümer, nicht zu den Kaiserwählern.
Seit dem 15. Jahrhundert stellte das Haus Habsburg alle Kaiser des Reichs. Die
?Casa d? Austria? spannte ihren Herrschaftsanspruch aber weit über die engen
Grenzen der Reichsverfassung hinaus zum Weltreich. Habsburg herrschte in Spanien
(seit 1580 auch in Personalunion in Portugal), damit in den wertvollen
überseeischen Kolonien, in Teilen Italiens, in Burgund und in den spanischen
Niederlanden. Innerhalb der Reichsgrenzen gehörte Vorder- und Innerösterreich
mit Krain und Steiermark sowie das riesige Königreich Böhmen (bestehend aus
Böhmen, Mähren, Schlesien, der Ober- und der Niederlausitz) zum habsburgischen
Machtbereich. Freilich war dieses Weltreich alles andere als unumstritten. So
hatten sich 1581 die ?Generalstaaten? der Niederlande für unabhängig erklärt und
konnten sich im Lauf der nächsten Jahrzehnte mit Erfolg von Habsburg und aus dem
Reichsverband separieren. Angesichts der wirtschaftlichen Potenz der Niederlande
bedeutete dies einen schweren Verlust für Habsburg.
Die größten Konfliktherde Europas im 16. Jahrhundert lagen bei der stets
drohenden Gefahr durch das expansive Osmanische Reich auf dem Balkan und in
Ungarn, dem latenten und immer wieder aufflammenden habsburgisch-französischen
Gegensatz und seit Ende des 16. Jahrhunderts auch beim niederländischen
Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien. Spanien hatte mit dem Untergang seiner
Armada im Krieg gegen England (1588), dem Frieden mit Frankreich (1598) und dem
Waffenstillstand mit den abgefallenen Niederlanden (1609, für 12 Jahre) schwere
politische, militärische und wirtschaftliche Einbußen erlitten, blieb aber nach
wie vor eine Vormacht in Europa.
In Frankreich hatte sich die Monarchie nach den Glaubenskämpfen des 16.
Jahrhunderts und dem Kampf um die Thronfolge konsolidiert. Mit dem Edikt von
Nantes (1598) blieb Frankreich zwar eine katholische Monarchie, gewährte aber
einer großen Zahl von Hugenotten Gewissensfreiheit. In Konkurrenz zu Habsburg
wurden Pläne zu einer europäischen Friedensordnung unter französischem
Vorzeichen entwickelt, sodass eine grundlegende Auseinandersetzung in Europa
bevorzustehen schien. Diese kriegerische Konfrontation zwischen Frankreich und
dem Kaiser wurde nur ?vertagt?, als 1610 König Heinrich IV. einem Attentat zum
Opfer fiel.
Früher als Frankreich entwickelte sich England zu einem zentral gelenkten
Flächenstaat. Seit 1603 wurde das Königreich Schottland in Personalunion mit
England regiert; der gemeinsame König war Jakob I., Vater von Elizabeth, der
späteren Frau Friedrichs V. Jakobs Regierung stützte sich vor allem auf die
anglikanische Kirche. Der König war mit Anna von Dänemark verheiratet; durch die
Heirat Elizabeths mit Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz entstand nicht nur
eine dynastische Verbindung mit dem kalvinistischen Führer der protestantischen
Union im Reich, sondern auch mit der Familie der Statthalter in den reformierten
Niederlanden.
Der Norden und der Osten Europas waren ebenfalls seit dem 16. Jahrhundert der
protestantischen Konfession zuzurechnen. Seit 1380 mit Norwegen vereint,
konkurrierte das Königreich Dänemark unter König Christian IV. mit Schweden um
die Vorherrschaft in Skandinavien. Diese Konkurrenz führte später dazu, dass die
beiden protestantischen skandinavischen Könige das katholische Kaisertum im
Dreißigjährigen Krieg nicht gleichzeitig, sondern nacheinander angriffen. Das
räumlich stark eingegrenzte und bevölkerungsarme Schweden wurde seit dem 16.
Jahrhundert vom protestantischen Zweig des Hauses Wasa regiert und zur
schlagkräftigen Militärmacht entwickelt. Seit 1611 herrschte hier König Gustav
Adolf, der das große Ziel der schwedischen Ostseeherrschaft verwirklichte. Der
katholische Zweig des Hauses Wasa regierte in Polen.
Russland hatte zu Beginn des 17. Jahrhunderts seine ?Zeit der Wirren?, das heißt
der blutigen Thronkämpfe, erlebt. Im Jahr 1613 erlangte das Haus Romanov den
Zarenthron. Das Osmanische Reich schließlich sah sich an seinen langen Grenzen
immer neuen Konflikten ausgesetzt. Der 1606 geschlossene Friede von Zsitva-Torok
bekräftigte den Status quo im Kampf gegen Österreich und führte zu einer langen
Friedensphase in den ?Türkenkriegen?.
Diese einzelnen europäischen Mächte wirkten auch auf das Heilige Römische Reich
ein. So stand das österreichische Kaiserhaus an der Seite des katholischen
Spanien. Der Papst hatte Einfluss durch die Reichskirche, aber auch durch die
weltlichen katholischen Reichsfürsten wie Maximilian I. von Bayern. Angesichts
dieses dominierenden katholischen Machtblocks sahen sich viele protestantische
Fürsten in der Defensive. Seit dem gescheiterten Reichstag von 1608 entstanden
im Reich zwei gegeneinander gerichtete Konfessionsbündnisse: die protestantische
Union unter kurpfälzischer Leitung (1608) und die katholische Liga unter Herzog
Maximilian von Bayern (1609). Die Union war durch Verträge mit England (1609)
und den Niederlanden (1613) sowie durch Absprachen mit Frankreich, Savoyen und
Schweden verbunden. Doch keines der Konfessionsbündnisse einigte alle Stände der
jeweiligen Seite. So blieb etwa Kursachsen lange Zeit kaisertreu. Als besonders
gefährlich für den Bestand des Reichs erwies es sich, dass seine Institutionen
zur Wahrung von Frieden und Recht den auseinander strebenden Kräften nicht
gewachsen waren. Die konfessionellen Streitigkeiten hatten nämlich seit Ende des
16. Jahrhunderts fast alle wichtigen Reichsinstitutionen, so das
Reichskammergericht und seit 1608 den Reichstag, faktisch blockiert. Angesichts
des im politischen Europa aufgestauten hohen Konfliktpotenzials sollte sich dies
verhängnisvoll auswirken.
Text: Peter Wolf
Literatur:
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